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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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mittel errungen haben. Das alles kann aber die Ein 
sicht nicht hindern, wie überlegen zunächst in beiden 
Anwendungsfällen der elektrische Antrieb dann ist, 
wenn man ihn haben kann; allein schon deshalb, weil 
er die unerwünschten, mit den schweren hin- und her 
gehenden Massen untrennbar verbundenen Erschütte 
rungen der Fahrzeuge durch seine ausschliesslich im 
Kreise bewegten Massen vollkommen vermeidet. An 
genehme Zugaben für die Strassenbahn sind die Wärme 
ausstrahlung des Motors, der nicht gerade geräuschlose 
Auspuff übelriechender Gase, die Kühlanlagen auf 
dem Dache und die schnell laufende Maschine unter 
den Wagensitzen nicht. Bei allem Geschick der An 
ordnung war auch sowohl der vor dem Gasindustrie- 
Gebäude ausgestellte Dessauer Gaswagen, wie die fahr 
bare Gaspress-Anstalt für solche Gasbahnen denen es 
an der festen Gaszuleitung fehlt, nichts weniger als 
elegant in den äusseren Formen. 
Die Abhängigkeit des deutschen Petroleummarktes 
vom Auslande legt den Wunsch nahe, in gleichzeitiger 
Unterstützung der heimischen Landwirtschaft den Spi 
ritus als Kraftmittel zu verwenden. Zu einer befriedi 
genden Lösung scheint man bisher jedoch noch nicht 
vorgeschritten zu sein. Bei den nach Art der Petroleum 
maschinen eingerichteten und betriebenen Maschinen soll 
das Eisen der Cylinder durch den Sauerstoff stark 
angegriffen werden, der beim Verdampfen der gegen 
die Cylinderwand spritzenden Spiritustropfen frei wird. 
Infolgedessen löst sich Rost in dünnen Schuppen ab. 
Ob der neuerdings patentierte Vergaser (D. R.-P. 89 665) 
diesem Uebelstande abhilft, wie sich der Erfinder 
verspricht, muss die Praxis lehren. 
Deutz hat Spiritusmotoren erst in jüngster Zeit 
ausgeführt und zwar mit direkter Einspritzung ohne 
vorherige Vergasung. Nach Versuchen in I'rankreich 
braucht der Spiritusmotor für die Pferdekraftstunde 
0,9 1 Spiritus und verursacht sonach erheblich höhere 
Kosten als die Petroleummaschine. 
Auch Hoppes Gasdampfmaschine (D. R.-P. 78 730) 
hat die Probe der Praxis noch nicht bestanden. Die 
geplante Ausstellung einer sopferdigen Maschine hat 
deshalb im Gegensatz zu den Angaben des Kataloges 
nicht stattgefunden. Die Erfindung erstrebt eine bessere 
Ausnutzung der Verbrennungswärme des Gases, die bei 
den bisher gebauten Maschinen naturgemäss nicht be 
friedigt, da etwa 3 /4 durchs Kühlwasser, den Auspuff und 
Strahlung verloren gehen. Während Hoppe dieses Ziel auf 
die Weise erreichen will, dass er durch einen Teil der 
Verbrennungswärme des Gases Wasser in Dampf um 
wandelt und in derselben Maschine wirken lässt, schlägt 
Diesel •in seinem sogenannten rationellen Wärmemotor 
(D. R.-P Nr. 67 207) einen vollkommen abweichenden 
Weg ein. 
Nach Diesel wird in einem Cylinder vom Arbeits 
kolben Luft angesaugt und dann so stark verdichtet, 
dass die entstehende Temperatur weit über der Ent 
zündungstemperatur des zu benutzenden Brennstoffes 
liegt. Hierauf wird vom Todpunkt des Kolbens ab für 
einen Teil seines Rückhubes Brennstoff allmählich so zu 
geführt, dass die Verbrennung wegen des ausschiebenden 
Kolbens und der dadurch bewirkten Expansion der 
verdichteten Luft ohne wesentliche Druck- und Tem 
peraturerhöhung erfolgt. Nach Abschluss der Brenn 
stoffzufuhr findet die weitere Expansion der in dem 
Arbeitscylinder befindlichen Gasmasse statt. Diesels 
Erfindung ist in Berlin entstanden, die Fachwelt schenkt 
ihr eine ganz besondere Beachtung und misst ihr 
theoretisch eine grosse Bedeutung bei; auch ein prak 
tischer Erfolg ist bereits in der in der Augsburger 
Maschinenfabrik erbauten, ohne Zündvorrichtung sparsam 
und sicher arbeitenden 20pferdigen Petroleummaschine 
verkörpert. Der Erfinder setzt an den weiteren Ausbau 
seiner Idee all seine Kraft. 
Zum Schluss noch einige Bemerkungen über die 
Wirtschaftlichkeit der heutigen Kraftmaschinen, die wir 
im Vorstehenden kennen lernten. 
Eine Dampfmaschine, die nach dem sogenannten 
Carnotschen Kreisprozesse vollkommen wäre, würde 
die dem Dampfkessel in Gestalt der Kohle zugeführte 
Wärme nur etwa zu 1 /s ausnutzen. Das verschuldet zum 
grossen Teil der Dampfkessel, der sonach ein Ver 
wüster unserer Kohlenbestände ist und bleibt. 
Die neuesten und besten Grossdampfmaschinen 
von 1500—2500 Pferdestärken und 0,5 — 0,6 kg Kohlen- 
bezw. 5 — 6 kg Dampfverbrauch für die Pferdekraft 
stunde kommen der theoretisch vollkommenen Maschine 
so weit nahe, dass sie 2 /s so gut wie diese wirken; sie 
geben daher 1 /s X 2 /s von der dem Kessel zugeführten 
Wärme in Arbeit her, d. i. etwa 2 /ä. 75pferdige 
Schmidtsche Heissdampfmaschinen erzielen mindestens 
dasselbe Ergebnis, während selbst bei mehrhundert- 
pferdigen Auspuff-Eincylinder- oder Zwillingsmaschinen 
für gesättigten Dampf — d. i. Dampf, der keine 
Wasserbläschen mehr enthält, aber auch nicht über 
diesen Zustand hinaus erhitzt ist — der Dampfver 
brauch nicht selten auf 12—13 kg steigt, so dass die Aus 
nutzung der Wärme der Kohle auf weniger als '/s sinkt; 
bei Kleindampfmaschinen fällt diese Zahl gar auf 1 /is. 
Was Wunder, dass angesichts der noch viel schlech 
teren Dampfausnutzung in früheren Jahren der be 
rühmte Lehrer der Maschinenbaukunde, Redtenbacher, 
1856—1859 in Briefen an Zeuner schrieb: 
»In hoffentlich nicht zu langer Zeit werden die 
Dampfmaschinen verschwinden, wenn man nur erst 
über das Wesen und die Wirkungen der Wärme 
ins Klare gekommen ist.« 
Diese Klarheit ist uns geworden und dazu so 
manche überraschend grossartige Erfindung; aber die 
Dampfmaschine behauptet ihren alten Platz. Ihre in 
zwischen aufgetauchten Nebenbuhler, die Gas- und Pe
	        
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