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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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lungen ist, nach und nach den Gasverbrauch auf die 
Hälfte des angegebenen herabzusetzen, so ist inzwischen 
das Anwendungsgebiet weit über den Kleinkraftbedarf 
hinausgewachsen; seit Jahren schon machen 200pferdige 
Gasmaschinen dem Dampf das Reich streitig. Da aber 
Leuchtgas teuerer ist und eine besondere Gasanstalt 
voraussetzt, so haben die erzielten Erfolge den Ge 
danken nahe gelegt, statt des Leuchtgases das überall 
leicht zu beschaffende Petroleum oder statt dessen das 
leichter verdampfende Benzin oder Benzol, sowie den 
Spiritus als Treibmittel in der Gasmaschine zu ver 
wenden, die zu diesem Zweck nur geringfügiger Aender- 
ungen bedurfte. Um nun auch für grössere Anlagen 
von der Leuchtgasanstalt unabhängig zu sein, baut man 
seit einigen Jahren nach der Erfindung des Engländers 
Dowson besondere Generatoren oder Kraftgasanlagen, 
bei denen in einem eisernen Behälter nach Art eines 
stehenden Kessels Kohlen glühend erhalten werden, aus 
denen durch gleichzeitiges Einblasen von Luft und 
überhitztem Wasserdampf ein billiges, für die gewöhn 
liche Gasmaschine geeignetes Kraftgas oder Dowson- 
gas erzeugt wird, ein Gemisch aus Kohlenoxyd, Wasser 
stoff, Stickstoff und Kohlensäure. Es ist deshalb heut 
zutage selbst bei mehrhundertpferdigen Anlagen für 
gewerbliche Zwecke, elektrische Centralen und Wasser 
werksanlagen, auch da, wo der Errichtung von Dampf 
kesseln keine örtlichen Bedenken entgegen stehen, eine 
genau zu prüfende Frage der Kosten, ob man besser 
thut, Stein- oder Braunkohlen unter dem Dampfkessel 
zu verbrennen, um den Dampf für eine Dampf 
maschinenanlage zu gewinnen, oder statt dessen eine 
Kraftgasstation anzulegen und mit Kraftgasmaschinen 
zu arbeiten. 
Diese grossartige Entwicklung ist im wesentlichen 
deutsches Geistesprodukt. Anfänge und Endziele ver 
weisen in der praktischen Ausgestaltung auf Deutsch 
land. Zwar wurde das Leuchtgas als wichtigster Ver 
treter der Kohlenwasserstoffe zuerst von dem Franzosen 
Lenoir 1860 in einer Maschine, ähnlich der doppelt 
wirkenden liegenden Dampfmaschine praktisch ver 
wendet, allein seine heutige Bedeutung als Kraftmittel 
haben ihm die deutschen Erfinder Otto und Langen in 
Deutz gegeben, die zuerst 1867 auf der Pariser Aus 
stellung unter Erlangung der goldenen Medaille ihre 
sogenannte atmosphärische Gasmaschine vorführten, bei 
der ein Kolben mit gezahnter Stange durch den Explo 
sionsdruck eines entzündeten Gasluftgemisches hoch 
geschleudert und demnächst durch den Ueberdruck der 
atmosphärischen Luft über die Leere unter dem Kolben 
und durch das Kolbengewicht wieder hinabgetrieben 
wurde. Nur bei diesem Abwärtsgange war das, in 
die gezahnte Kolbenstange eingreifende Zahnrad, mit der 
Schwungrad welle gekuppelt und wirkte treibend auf dieses 
ein. Infolge der oben geschilderten Verhältnisse war das 
Feld für Gasmaschinen so wohl vorbereitet, dass von 
diesen Maschinen in einigen Jahren etwa 5000 Stück durch 
Otto & Langen abgesetzt wurden, obgleich sie einen 
tüchtigen Lärm machten. Eine lange Lebensdauer hatten 
sie nicht. Otto selbst war es, der 1878 an ihre Stelle 
die Viertaktmaschine setzte, die den oben geschilderten 
Entwicklungsgang ermöglichte und mitmachte, noch 
heute unübertroffen ist, und Ottos Erfindernamen in 
alle Welt getragen hat. Daran ändert auch der Um 
stand nichts, dass Ottos Patente der Vernichtung an 
heimgefallen sind, weil in vergessenen Büchern und 
vergilbten englischen Patentschriften ein Teil der Ge 
danken vorweggenommen war, die Otto ohne Kenntnis 
dieser verschütteten Quellen so glänzend in nützliche 
Wirklichkeit umgesetzt hatte. Ottos Viertaktgasmaschine 
ist einer einfach wirkenden Dampfmaschine vergleichbar, 
indem wie bei dieser zwischen Cylinderboden und 
Kolben das Kraftmittel wirkt. Der Cylinder ist 
an dem der Kurbelwelle zugekehrten Ende offen, so 
dass die Kolbenstange entfällt und die Pleuelstange 
am Kolben selbst angreift, der als Trunk- oder Plunger 
kolben die Rolle der Geradführung spielt; dadurch 
bauen sich die Maschinen, sei es liegend, sei es stehend, 
sehr kurz auf. Zwischen dem Kolben und dem Cylinder 
boden befindet sich, im Gegensatz zur Dampfmaschine, 
ein breiter Raum, der sogenannte Verdichtungsraum. 
Vom Verdichtungsraum ausgehend saugt der Kolben 
bei seinem Wege nach dem vorderen Cylinderende ein 
Gemisch von Gas und Luft an, bei seinem Rückgänge 
verdichtet er dasselbe im Verdichtungsraum. Bevor er 
seinen neuen Weg, also den dritten Hub beginnt, er 
folgt die Zündung, die Spannung steigt sehr stark und 
die Verbrennungsgase treiben den Kolben bis ans Ende 
seines Weges, allwo sich das Auspuffventil öffnet, so 
dass, wenn jetzt der Kolben wieder zurückgeht, die 
Verbrennungsgase ausgetrieben werden. Jetzt also nach 
zwei Umdrehungen der Kurbel oder vier Hüben beginnt 
das Spiel von neuem, daher der Name »Viertakt«. Von 
den zwei Umdrehungen ist nur eine halbe arbeitsleistend. 
Die Maschinen sind also nicht etwa einfach, sondern 
halbwirkende. Die hierdurch bedingte Ungleich 
förmigkeit der Drehung wird zwar noch verstärkt, wenn 
die Regelung, wie von Otto zuerst angegeben, so be 
wirkt wird, dass bei zu schnellem Gange ein oder 
mehrere Krafthübe wegen Absperrung des Gases ganz 
ausfallen, allein sie kann durch kräftige Schwungräder 
und durch die Anordnung als Zwillingsmaschine ziemlich 
vollkommen beglichen werden, wie die ausgebreitete 
Verwendung zum Antrieb von Dynamomaschinen zeigt. 
Der hohen Temperatur wegen, die durch die Ver 
brennung im Cylinder erzeugt wird, bedarf dieser der 
Kühlung, er ist deshalb in seiner ganzen Länge von 
einem Wassermantel umgeben. 
Um statt des Gases Petroleum verwenden zu können, 
muss dieses vor seiner Mischung mit Luft fein zer 
stäubt und im sogenannten Verdampfer vorgewärmt
	        
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