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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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muss. Lilienthals Kessel ist seiner Zeit als eine 
Glanzleistung erachtet worden. Als Hilfe für den 
Kleinkraftbetrieb haben die Maschinen nicht das ge 
halten, was man sich von ihnen versprach. Andere 
Treibmittel, wie Leuchtgas, Petroleum, Benzin, neuer 
dings aber namentlich die Elektrizität, haben sich im 
Wettbewerb gerade für diese Zwecke als überlegen 
erwiesen. So ist denn auch die genannte Firma Alt 
mann später zum Bau von Gas- und Petroleum 
maschinen übergegangen, während Lilienthal den Bau 
seiner Maschine bis zu guter letzt, wenn auch in be 
schränktem Umfange betrieben hat. Auf der Aus 
stellung befanden sich drei, in der Zusammenstellung 
nicht verzeichnete grössere Lilienthalsche Dampf 
maschinen, eine stehende Verbund-Dampfmaschine von 
20 Pferdestärken, eine ebenso starke hegende und eine 
Schiffsmaschine, die bei 15 Atm. Spannung des Betriebs 
dampfes 15 Pferde leistete, dabei aber nur 300 kg wog. 
An den beiden neuesten Richtungen auf dem 
Gebiete des Dampfmaschinenbaues, das ist die Ver 
wendung überhitzten Dampfes und der Ersatz der 
Maschinen mit hin- und hergehendem Kolben durch 
Dampfturbinen, ist Berlin bisher nicht beteiligt. Die 
Kessel für überhitzten Dampf wurden bereits erwähnt. 
Der Erfinder der neuesten P'orm derselben hat bei 
seinem Bestreben, eine dafür passende Dampfmaschine 
zu erfinden, eine auch für nicht überhitzten Dampf 
geeignete Maschinenform erfunden (D. R.-P. No. 76651), 
die an Einfachheit nichts zu wünschen übrig lässt, da 
alle Teile zur Bewegung der Steuerung entfallen. Die 
praktischen Erfolge dieser Bauart lassen noch auf sich 
warten, während es durch die Dampfüberhitzung ge 
lungen ist, den Dampfverbrauch bei 60 bis ioopfer- 
digen Verbundmaschinen bis auf 4,55 kg für die 
gebremste Pferdestärke und Stunde herab zu drücken. 
Eine ziemlich schnelle Ausbreitung haben in neuester 
Zeit die Dampfturbinen des Schweden Gustav de Laval 
gefunden, die für Deutschland von der Maschinenfabrik 
»Humboldt« in Kalk bei Köln ausgeführt werden und 
bei ihrer ersten Vorführung in der Chicagoer Aus 
stellung 1893 das berechtigte Erstaunen der gesamten 
technischen Welt hervorriefen. Inzwischen sollen von 
dem Stockholmer, Pariser und deutschen Hause über 
1000 Turbinen in Stärken bis zu 300 Pferden aus 
geführt worden sein. In diesen Dampfturbinen wird 
die Geschwindigkeit des strömenden Dampfes durch 
Heranführung an ein infolge des Dampfstosses sich 
drehendes Schaufelrad nutzbar gemacht. An sich ist 
das nichts neues; unter anderem haben Otto Lilienthal 
(D. R.-P. No. 54631) und Ch. A. Parsons in Gates- 
head on Tyne lebensfähige, wenn auch minder wert 
volle Bauarten angegeben. 
Bei de Laval expandiert der Dampf in mehreren 
konisch sich erweiternden Düsen, die im Kreise um 
ein einziges Schaufelrad angelegt sind, gegen das der 
Dampf strömt. Diese grosse Einfachheit und die 
höchst gediegene praktische Ausführung machen die 
de Lavalsche Turbine zur vollkommensten aller bisher 
konstruierten. Die Umlaufszahl ist grösser noch als 
bei Parsons und steigt bei fünfpferdigen Turbinen auf 
30000 in der Minute, während sie bei 100 Pferdestärken 
13 OOO beträgt. Diese Umdrehungzahlen sind nur mög 
lich, weil die Turbinenwelle, infolge eines Kugellagers 
an dem einen Ende sich frei so einstellen kann, wie 
es der Lage der rasend umlaufenden Welle entspricht, 
und weil diese Welle selbst überaus dünn ist, z. B. für 
eine ioopferdige Maschine nur 25 bis 30 mm. Der 
Raumbedarf ist noch geringer als bei Parsons. Wie 
sehr die de Lavalsche Turbine darin der gewöhnlichen 
Fig. 12. 
de Lavalsche Dampfturbine für Riemenbetrieb von der 
Maschinenfabrik »Humboldt« in Kalk. 
Dampfmaschine überlegen ist, erhellt aus der oben 
stehenden Fig 12*), der Abbildung einer 5 pferdigen 
Anlage in 1 /io der natürlichen Grösse, sowie daraus, dass 
es zu einer 300 pferdigen Anlage, wie sie jüngst in der 
Centralstation der Edison Electric Illuminating Comp., in 
der zwölften Strasse New York, City, aufgestellt wurde, 
nur eines Dampfrades von etwa 75° mm bedarf, das 
9000 Umdrehungen in der Minute macht. Bei dieser 
Anlage ist für die elektrische Pferdekraftstunde ein 
Dampfverbrauch von nur 9 kg festgestellt worden, was 
für die gebremste Pferdestärke an der Turbine einem 
Verbrauch von 7,5 kg entsprechen wird. Bei Turbinen 
bis hinunter zu 10 Pferdestärken steigt der Dampf 
•) Das rechtsseitige Gehäuse umschliesst das Dampfrad, das 
linksseitige die Zahnräder zur Uebersetzung ins Langsame.
	        
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