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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Wegen der Schwierigkeit, den Flachschieber während 
des Ganges durch den Regulator verstellen zu lassen, 
begnügte man sich damit, den eintretenden Dampf 
durch eine Klappe (Drosselklappe) mehr oder weniger 
drosseln zu lassen, was recht unwirtschaftlich ist. 
Dem Amerikaner G. H. Corliss gelang es zuerst 
(1862), unter Anwendung von zwei Einlass- und zwei 
Auslass-Rundschiebern oder Hähnen eine äussere 
Steuerung zu ersinnen, welche der Maschine, wenn 
sie zu schnell lief, mehr, und wenn sie zu langsam 
lief, weniger Dampf zuführte. Dem Regulator fällt dabei 
die Aufgabe zu, je nach der Schnelligkeit, mit der er 
gedreht wird, früher oder später nach der Eröffnung 
der Hähne diese von der äusseren Steuerung auszu 
lösen, worauf sie sich unter der Einwirkung von Federn 
oder Luftbuffern von selbst schliessen. Das hat bald 
allenthalben in einer Anzahl von Steuerungsmecha 
nismen Nachahmung gefunden; auch in Anwendung 
auf die Ventilmaschinen, für welche die Steuerung von 
Sulzer in Winterthur eine der bekanntesten und ältesten 
ist. Während aber der Corliss-Schieber oder Hahn wegen 
derUeberdeckung seinerKanäle nicht wiedergeöffnet wird, 
wenn er unter der Wirkung der Federn zurückschnellt, 
verursacht das auf den Sitz niederschlagende und dann 
sich wieder etwas abhebende Ventil das sehr schädliche 
Nachdampfen, d. h. das Nacheintreten von Dampf. 
Dem hat Collmann in Wien und nach seinem Vorbild 
später Pröll, Hartung, Radovanovic (D. R. P. 65 698, 
durch A. Borsig eingeführt) und andere abgeholfen, 
und zwar durch eine zwangläufige Stützung der Ventile 
bei ihrem Niedersinken. Collmann hat so die Ventil 
steuerung auch für grössere Kolbengeschwindigkeiten 
anwendbar gemacht. Sowohl die Corliss-, als auch die 
Ventil-Dampfmaschinen mit Ausklink- und zwangläufiger 
Steuerung nennt man Präzisions-Dampfmaschinen. 
An der Entwicklung dieser Maschinen haben sich 
auch die Berliner Maschinenfabriken —• darunter Cyklop 
Mehlis & Behrens mit seiner Ventilsteuerung für zwang 
läufige Schlussbewegung der Ventile (D. R. P. No. 15 790) 
— sowie zahlreiche andere deutsche Maschinenfabriken 
mit günstigem Erfolge beteiligt, dabei aber einen 
scharfen Wettkampf mit schweizerischen, belgischen 
und österreichischen Fabriken zu bestehen gehabt. 
Amerika, England und Frankreich haben vor 
wiegend die Corliss-Maschine gepflegt. In Deutschland 
und so auch von jeher in Berlin hat man eine ganz 
besondere Vorliebe für Maschinen mit Schiebersteuerung 
gehabt, die eine lange Zeit neben Ventil- und Corliss- 
Maschinen unmodern waren. 
Seit aber der elektrische Betrieb schnelllaufende 
Dampfmaschinen wieder in den Vordergrund schob, 
kamen auch die hierfür geeigneteren Schiebersteuerungen 
wieder zu Ehren, namentlich solche mit entlasteten 
Schiebern und mit Steuerungen von der Wirkung der 
Präzisionssteuerungen, mit Trickschen Schiebern für 
doppelte Einströmung und mit getrennten Schiebern 
nach Hoppes Vorbild. Weites Feld eroberte sich die 
Rider-Steuerung mit einem auf dem ausgehöhlten 
Rücken des Grundschiebers sich bewegenden Ex 
pansionsschieber mit schrägen Kanälen, durch dessen 
Drehung vom Regulator während des Ganges die 
Füllung verändert wird. Eine von der vorm. Freund- 
schen Maschinenfabrik, Charlottenburg, gepflegte Be 
sonderheit sind Dampfmaschinen mit indirekter Ein 
wirkung des Regulators auf Flachschieber nach dem 
System ihres Direktors Knüttel. Die gute Ausführung 
Berliner Schiebermaschinen unterstützte die Wieder 
einführung des Schiebers, der übrigens mit der Gestell 
form der Schiffsmaschine auch von dieser ihrer Domäne 
aus wieder den Einzug bei den Land-Dampfmaschinen 
hielt. Endlich entstanden zahllose Konstruktionen von 
schnell und schnellst laufenden Dampfmaschinen mit 
ganz eigenartigen Schiebern, z. B. in den hohlen 
Kolbenstangen und dergleichen, deren Excenter von 
besonderen Regulatoren, den Achsenregulatoren — Hohl 
scheiben auf der Kurbelwelle mit federnd angelenkten 
Fliehgewichten —, während des Ganges verstellt werden. 
Weniger denn je klebt man daher heute an einer be 
stimmten Form der inneren oder äusseren Steuerung; 
der tüchtige Konstrukteur hat es gelernt, jede Steuerungs 
form den derzeitigen Ansprüchen an geringen Dampf 
verbrauch und tadellose Betriebssicherheit anzupassen. 
Berlins Maschinenfabriken haben neben der selbst 
schöpferischen Thätigkeit auch den Fortschritten im 
Dampfmaschinenbau des In- und Auslandes jederzeit 
rege Aufmerksamkeit geschenkt, so dass die Dampf 
maschinen, die andauernd in grosser Zahl als ober- und 
unterirdische Wasserhaltungsmaschinen, als Förder 
maschinen, für Entwässerungsanlagen, Wasserwerke, 
Kanalisationen, grössere industrielle und elektrische 
Lichtanlagen aus Berliner Maschinenfabriken hervor 
gegangen sind,*) zwar nicht regelmässig durchgreifende 
Neuerungen auf dem Gebiete der Steuerung waren, aber 
jeweilig das Erreichbare an Vollkommenheit in Bauart 
und Ausführung zeigten. Die ausgestellten Dampf 
maschinen, die vorwiegend in der Kraftstation der 
Haupthalle Dynamos antrieben, gaben ein ziemlich voll 
ständiges Bild der z. Zt. in Berlin den Dampfmaschinen 
bau betreibenden Fabriken. Die Verschiedenheit der 
Bauart ist obendrein eine so mannigfache, dass die 
umseitig folgende Zusammenstellung der wichtigsten 
Angaben den gegenwärtigen Stand des Dampfmaschinen- 
baues in Berlin trefflich kennzeichnet. 
Ausser den in der Zusammenstellung Genannten 
baut, wie bereits erwähnt, auch die Aktien-Gesellschaft 
für Eisengiesserei und Maschinenfabrikation, vorm. 
*) 1896 bauten: A. Borsig 48 St. mit zus. 9300 Pferdest. 
Schwartzkopff 17 St. mit ztis. 4220 Pferdest. und 20 kleinere Dampf- 
Dynamos; Cyclop 25 St. von 10—500 Pferdest. mit zus. 2900 Pferdest.; 
C. Hoppe 30 St. mit 1800 Pferdest.; Petzold & Cie. 68 St. von 6—400 
Pferdest.; Vorm. J. C. Freund & Cie. 13 St. mit 582 Pferdest.
	        
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