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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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schaftlichen Niederganges während der 70er Jahre hatte 
Berlin nicht nur einen Teil seines früheren Absatzes 
in den Provinzen eingebiisst; die dortigen Anstalten 
suchten vielmehr seit jener Zeit auch den Berliner Markt 
auf und machten also Berlin im eigenen Hause den 
Absatz streitig. Der Anreiz dazu lag nahe, wiegt doch 
Berlin mit seinem Bedarf etwa zwei Provinzen auf. Alle 
möglichen Unternehmungen mit dem Hauptsitz in der Pro 
vinz begannen jetzt, sich in Berlin mit einem grossen 
Bureau anzusiedeln, so dass sie in direkter Fühlung mit 
den Berliner Abnehmern blieben, gleichwie die orts 
ansässigen Unternehmungen. Musterlager und Abbil 
dungen mussten dabei den Besuch der Fabriken er 
setzen, die fern von Berlin an den für die Erzeugung 
giinstigst gelegenen Orten errichtet waren. 
Es machten sich jetzt, wo aufs Aeusserste gerechnet 
werden musste, sowohl die Frachten für schwere Gegen 
stände von Berlin nach der Provinz, wie die der Roh 
stoffe aus den Fundstätten in der Provinz nach Berlin 
zu Ungunsten der Berliner Erzeugung ebenso fühlbar, 
wie die aus teuerem Grund und Boden, sowie höheren 
Arbeitslöhnen erwachsenen allgemeinen und beson 
deren Kosten. Hatten früher Berliner Werke ganze 
Bergwerks-Ausrüstungen mit allen Maschinen, grosse 
Dampf-Hämmer, ganze Fabriks-Einrichtungen vom 
Dampfkessel bis zur schwersten Presse, Wellenleitungen 
und alle möglichen Hilfmaschinen in die Provinz liefern 
können, so mussten sie sich jetzt in diese Aufträge mit 
den inzwischen dort entstandenen Werken teilen, sofern 
sie diese nicht durch gediegenere Entwürfe aus dem 
P’elde schlugen. 
So hob mit dem Jahre 1879 für den Berliner 
Maschinenbau eine Zeit der sorgfältigsten Vertiefung 
in alle Einzelheiten der Plangestaltung der auszuführen 
den Maschinenwerke, sowie der genauesten praktischen 
Ausführung an, und Hand in Hand damit eine immer 
weitergehende Beschränkung der bestehenden Anstalten 
auf besondere Gebiete des Maschinenbaues, während 
zahlreiche kleinere Betriebe mit dem ausgesprochenen 
Zwecke ins Leben gerufen wurden, eine einzelne Sorte 
von Hilfsmaschinen zu bauen, diese aber in dauernder 
direkter Fühlung mit dem Betriebe, dem sie dienen soll, 
zur grösst erreichbaren Vollkommenheit zu entwickeln. 
Zu diesen namentlich den Werkzeug-Maschinenbau 
so vorteilhaft anregenden Industriezweigen Berlins gehört 
die Erzeugung von Lampen und sonstigen Beleuchtungs 
gegenständen, physikalischen und chirurgischen Intru 
menten, Musikinstrumenten, Kartonnage-Arbeiten, Luxus- 
papieren, Bürsten, Marmorwaren, Nahrungsmitteln aller 
Art u. a. 
Eine sehr wichtige Rolle spielt in dieser Hinsicht 
auch die gesamte, in Berlin hoch entwickelte Schwach 
stromtechnik (Telegraphen-, Telephon- und alle mög 
lichen elektrischen Kontrollapparate), die in grosser 
Vollendung betriebene Waffenerzeugung (Hand- und 
Maschinenschusswaffen, Torpedos und Seeminen) und 
endlich die Starkstromtechnik (Einrichtungen für Be- 
leuchtungs- und Kraftübertragungszwecke), in deren 
Bereich die elektotechnischen Fabriken Berlins vielfach 
tonangebend sind. Hierzu kommen noch die zahlreichen 
eigenartigen Aufgaben, welche dem Maschinenbau 
in Berlin aus den besonderen Bedürfnissen der Gross 
stadt auf den Gebieten der Wasser-, Wärme-, Frischluft- 
und Gasversorgung, der Stapelung der Güter, der inneren 
Ausstattung zahlreicher hochgeschossiger Wohn- und 
Geschäftshäuser, riesiger Hotels, Krankenhäuser, Schulen 
u. dergl. erwachsen, was um so mehr ins Gewicht fällt, als 
in Berlin die öffentlichen Wohlfahrts- und Gesundheits 
einrichtungen sich einer musterhaften Pflege erfreuen. 
Besondere Aufmerksamkeit haben zahlreiche grosse 
und kleine Maschinenfabriken Berlins dem Absätze 
nach dem Auslande gewidmet und sich dazu für 
Uebersee mit Vorteil der Vermittlung grosser Ham 
burger Handelshäuser bedient. 
Beachtet man schliesslich, dass naturgemäss in 
der Hauptstadt des Reiches, an der Centralstelle 
für -den Schutz des gewerblichen und geistigen Eigen 
tums, eine besonders lebhafte Erfinderthätigkeit pulsiert, 
so hat man ein ungefähres Bild der Linie, auf der 
sich die Bestrebungen in dem Zeitabschnitte 1879 bis 
1896, namentlich aber im letzten Jahrzehnt bewegt 
haben. Davon hat die Ausstellung auch nicht an 
nähernd einen vollständigen Eindruck vermittelt, viel 
leicht hätte sie ihn auch bei allseitiger Beteiligung 
nicht vermitteln können. In seiner allumfassenden Voll 
ständigkeit enthüllt sich ein solches Bild nur dem, der 
mitten in dem Getriebe steht und die Stätten selbst 
kennen lernt, die im Zeichen der hammerbewehrten, sieg 
reich alle Schwierigkeiten durchbrechenden F'aust stehen! 
Von der Zeit 1879 bis 1896 gilt aber ganz be 
sonders, was Beuth in seiner schon erwähnten Er 
öffnungsrede des Vereins zur Beförderung des Gewerb- 
fleisses in Preussen 1822 sagte: 
»Der Gewerbetreibende lebt im Wettstreit mit seinen 
nächsten Gewerbsgenossen, mit den Gewerbsgenossen 
desselben Landes, mit denen der übrigen Welt; alle 
suchen es ihm zuvorzuthun, ihm denRangabzugewinnen.« 
Und weiter: 
»Die Zeit der Bequemlichkeit, wo man Preise und 
Güte nach Gefallen machen konnte, ist dahin; die Zeit 
der Not ist eingetreten und zwingt, jene verlorenen 
Vorteile sich auf natur- und zeitgemässe Weise zu er 
setzen. Es lebt sich nicht mehr so leicht, es ist die 
Zeit der Anstrengung.« 
Die Quellen für eine zahlenmässige Darstellung des 
geschilderten Entwicklungsganges seit 1879 fliessen sehr 
spärlich, spärlicher als für die Zeit vorher. Was von 
den Aufschlüssen der Berufszählung vom 14. Juni 1895 
bereits der Oeffentlichkeit angehört —- leider wenig für 
vorliegende Zwecke — hat hier Beachtung gefunden.
	        
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