Path:
Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

33 
513 
1730 lebten in Berlin unter etwa 66000 Einwohnern 
(ausschl. Garnison) 6 Meister für Stahl- und Metall 
arbeiten ; dazumal spielte also die Materialbeschaffung 
keine Rolle. Der Kupfer- und Messinghandel in sämt 
lichen Provinzen diesseits der Weser ruhte seit 1776 
bei der Kgl. Bergwerks- und Hütten-Administration; 
innerhalb desselben Gebietes (Schlesien ausgenommen) 
leitete das 1780 errichtete Haupteisenkomptoir, nachdem 
der Gebrauch schwedischen Eisens in Preussen verboten 
worden war, den ganzen Bedarf an geschmiedetem 
Eisen, Eisenblechen und gegossenen Eisenwaren, und 
zwar von seinen Magazinen aus, die es an allen Haupt 
plätzen des Staates hatte. 50—60 Jahre später, vor 
dem Beginn des Eisenbahnbaues, lieferten die ober 
schlesischen Hammerwerke auf dem Wasserwege der 
Oder den Bedarf an Stabeisen; ein kleiner Teil ge 
schmiedeten schwedischen Stabeisens zur Spaten- und 
Sensenerzeugung kam über Stettin von Schweden. Die 
gegen Ende der 30er Jahre grossartig angelegten Werke 
der Laurahütte in Oberschlesien, lieferten alsbald grosse 
Posten Walzeisen nach Berlin und kämpften am hiesigen 
Markte, durch die Eisenzölle begünstigt, mit Stafford- 
shire-Stab- und Bandeisen. Gewöhnliches Eisenblech 
lieferte die Eisenspalterei bei Neustadt; für die nur als 
Nebenzweig der Maschinenfabrikation betriebene Her 
stellung der Kessel wurde das Blech aus England*) 
bezogen, ebenso das Schmiedeeisen besserer Beschaffen 
heit für Maschinenteile u. dergl. Um sich auch in 
dieser Hinsicht auf eigene Füsse stellen zu können, 
schuf Borsig ein eigenes Eisenwerk in Moabit, zu dem 
1847 der Grundstein gelegt wurde, und das 1850 den 
Betrieb eröffnete; es verarbeitete vorwiegend ober 
schlesisches Roheisen**). Das Roheisen für die all 
mählich zahlreicher gewordenen Giessereien ging aus 
Schottland über Stettin ein; später trat oberschlesisches 
mit dem schottischen in Wettbewerb. 
b) Von 1850 bis 1879. 
Um die Mitte des Jahrhunderts war Berlin mehr 
noch als jetzt Mittelpunkt des Maschinenbaues im öst 
lichen Deutschland. Etwa 1853 traf hierselbst im 
Maschinenbau und in der aufs engste damit verbun 
denen Metallindustrie nach einem vierjährigen vollstän 
digen Darniederliegen alles Handels und Verkehrs ein 
ungeahnter Aufschwung ein. Waren 1840 in beiden 
Industriezweigen 3000 Arbeiter beschäftigt, und hatte 
sich die Zahl bis 1853 erst auf 4500 gehoben, so 
wurden 1855 bereits 9014 und 1856 sogar 10242 Ar 
*) Seit den fünfziger Jahren machten auch die rheinischen und 
westfälischen Walzwerke mit ihren Profileisen und grossen Puddlings- 
blechen den Engländern den Markt streitig, den sie gegen Ende der 
50 er Jahre im Verein mit Schlesien bereits vollständig beherrschten. 
**) Schon 1859 genügte das Moabiter Eisenwerk nicht mehr den 
gesteigerten Ansprüchen; es wurde daher auf den im Jahre 1854 er 
worbenen, im Jahre 1859 in Betrieb gesetzten Kohlenfeldern in Ober 
schlesien zwischen Gleiwitz und Beuthen das Borsigwerk angelegt, das 
1897 etwa 5000 Arbeiter beschäftigt. 
beiter gezählt. Borsig arbeitete zu dieser Zeit mit einem 
Kapital von vier bis fünf Millionen Thalern, Pflug mit 
einem solchen von nahezu einer Million Thaler. 
Bis zur Jahrhundertmitte konnten die einzelnen 
Anstalten aufgezählt werden, welche die Entwicklung 
zur Blüte trugen; zu jener Zeit beginnt jedoch eine so 
feine Verästelung der Zweige, in denen der Berliner 
Maschinenbau weiter wuchs, dass in der Erörterung der 
Entwicklung nur mehr eine summarische Behandlung 
möglich ist, wenngleich die erwähnten Anstalten zum 
grossen Teil bis auf den heutigen Tag einen führenden 
Einfluss bewahrten und neue Institute hinzugetreten 
sind, welche sich als ganz besonders wichtig aus der 
grossen Zahl der Neuschöpfungen von Durchschnitts 
bedeutung herausheben; das tritt aber ohnehin deutlich 
bei der Erörterung des gegenwärtigen Standes auf den 
einzelnen Gebieten des Maschinenbaues hervor. 
In dem Zeitabschnitt bis zur Mitte der siebziger 
Jahre war die Metall- und Maschinenindustrie bereits ein 
wichtiger Faktor in dem sich entfaltenden Berliner 
Erwerbsleben geworden. Namentlich die Erzeugung 
von Eisenbahnmaterial war sehr umfassend. 1860—1870 
wurden in Berlin 1300 bis 1500 Lokomotiven und 11 000 
bis 15 000 Eisenbahnwagen gebaut. Durch Vermittlung 
von Hamburger Häusern war die Ausfuhr von Maschinen 
anlagen über See nach Australien, Südamerika u. s. w. 
möglich geworden. Lokomotiven von Borsig, Wöhlert 
und Schwartzkopff fanden in grosser Zahl schon 
seit längerer Zeit ihren Weg über die Landes 
grenzen, namentlich nach Russland, wohin der Ruf 
deutscher industrieller Tüchtigkeit zuvor schon von dem 
Berliner' Kupferwerk Heckmann getragen war, das dort 
zahlreiche Zuckerfabriken mit seinen Apparaten aus 
gestattet hatte. Die Zahl der betriebenen Dampfma 
schinen und der von diesen geleisteten Pferdestärken 
war weiterhin sehr beträchtlich gestiegen: 
1852 
1855 
1858 
1861 
.875 
Metallwaren- 
35 
31 
17 
38 
104 
Dampfmasch. 
fabriken 
317 
368 
182 
627 
1 243 
Pferdestärken 
Maschinen- 
14 
18 
58 
78 
239 
Dampfmasch. 
fabriken 
134 
225 
644 
1081 
3 682 
Pferdestärken 
Berlin 
153 
186 
246 
357 
1 °55 
Dampfmasch. 
überhaupt 
1817 
2316 
4374 
5320 
14 748 
Pferdestärken 
(Vergl. Volkszählung Berlin 1875, Hott 4, S. 65.) 
Die Zahl der Dampfmaschinen (Pferdestärken) 
hatte sich in den Abschnitten 1846/61 und 1861/75 
um 376 (525) und 196 (177) v. H. vermehrt; die ent 
sprechende Vermehrung der selbstthätigen Arbeiter in 
Berlin betrug in derselben Zeit 46 bezw. 130 v. H.; 
sonach war in der ersten Periode die Vermehrung der 
Dampfmaschinen oder ihrer Pferdestärken acht mal bezw. 
elf mal so stark, als die der selbstthätigen Menschen,
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.