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Gruppe XIII. Maschinenbau, Schiffsbau, Transportwesen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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herrliche Frucht erwachsen; seiner aus dem Nichts 
erschaffenen Schule für den gebildeten Handwerker 
sind die technischen Hochschulen entsprossen, die als 
Schwester-Anstalten der Universitäten den Ruhm des 
deutschen Maschinenbauers über das Meer getragen 
haben und von den Ingenieuren aller Weltteile als 
lauterste Quellen technischen Wissens und Könnens 
aufgesucht werden. 
Die Männer jener Epoche, welche den Maschinen 
bau nicht nur Berlins, sondern von ganz Deutschland 
begründeten, Hummel, Freund und Egells, Borsig, 
Schichau, Hoppe, Schwartzkopff u. a., sie alle sind von 
Beuthschem Geiste. 
Preussens Maschinenbauer nahmen damals vom 
Gewerbe-Institut, in dessen Werkstätten sie an den 
gediegensten Maschinen*) praktisch hatten arbeiten 
müssen, wenn es irgend möglich war, ihren Weg zur 
Vollendung ihrer Ausbildung zur Egellsschen Fabrik, 
und so entliess Berlin die dem Gewerbe-Institute aus 
allen Provinzen zuströmenden Zöglinge als gereifte, in 
Theorie und Praxis gleich geschulte Männer, die, in die 
Heimat zurückgekehrt, Industrieen schufen, deren 
geistiger Boden Berlin war. 
In dem Abschnitt 1820—1830 gingen die Aufträge 
zur Ausführung von Dampfmaschinen hauptsächlich von 
Königlichen Behörden und Instituten aus, die ihre Werke 
zeitgemäss umgestalteten. Vielfach wurde damals schon 
die Dampfkraft zum Wasserschöpfen bei Kanal-, Brücken- 
und Schleusen-Bauten verwendet. Vermehrte An 
wendung fand sie bei Privat-Unternehmern für Tuch-, 
Kattun- und Papierfabrikation, für Spinnereien und zum 
Betrieb von Mahl-, Oel- und Holzschneidemühlen; auch 
die dermalen sich hebende Kartoffelspiritus-Brennerei 
auf dem Lande machte sich die Dampfkraft nutzbar. 
Später (1835) kam dann die Rübenzuckergewinnung mehr 
und mehr auf, und der Zollverein schuf für die vater 
ländische Industrie ein grösseres Absatzfeld. Sehr 
förderlich für den Berliner Maschinenbau war die 
Kupferschmiederei von Heckmann, 1819 in beschei 
denstem Umfange gegründet, hatte sie 1824 den Bau 
von Dampfbrennapparaten aufgenommen und für diesen 
Zweck eine Messinggiesserei und Dreherei, später auch 
ein Messingwalzwerk und ein grosses Kupferwerk an 
gelegt. Die umfangreichen Lieferungen kupferner 
Apparate für Brennereien und Zuckerfabriken nach 
Russland, Belgien und Amerika wiesen auch manchen 
Erzeugnissen der Berliner Maschinen-Industrie dorthin 
den Weg. Schon gegen Ende der zwanziger Jahre 
entstanden, dem vermehrten Bedarf entsprechend, weitere 
Maschinenbau-Anstalten; so 1882 die von P. Mohl " j für 
Maschinen zur Tuchfabrikation, C. Spatzier für Dampf 
maschinen u. s. w., August Hamann (1829) für Hilfs- 
*) Beuth liess die besten Muster und Vorbilder für 1 echnik 
und Kunstgewerbe aus dem In- und Allslande heranschaffen. 
**) Später II. Thomas, jetzt Rudolph & Kühne. 
maschinen; es war dies die erste und lange Zeit*) die 
einzige Werkstatt in Preussen, die sich ausschliesslich mit 
dem Bau dieser, heute allgemein »Werkzeugmaschinen« 
genannten Hilfsmittel jeder mechanischen Werkstatt be 
fasste. Hamann wurde auf Beuths Verwendung von 
der Regierung unterstützt, auf seine Veranlassung hatte 
er — ursprünglich ein gelernter Schlosser — fünf Jahre 
in England**) gearbeitet; in seiner Fabrik wurden nach 
mals die Instrumente für wissenschaftliche Zwecke her 
gestellt, welche die Regierung bis dahin von England 
bezogen hatte. Vorwiegend aber deckte er den Bedarf 
der Maschinenfabriken nah und fern in Maschinen für 
Metallbearbeitung, namentlich in Drehbänken, deren er 
allein in den Jahren 1830—1844 233 im Werte von 
110 000 Thalern lieferte***). 
Eine Folge der lebhaften Anteilnahme der Re 
gierung an dem Aufblühen des Maschinenbaues war 
auch die 1835 erfolgte Errichtung einer grösseren Ma 
schinenfabrik für Dampfschiffs- und andere Maschinen 
werke in der jetzigen Kirchstrasse zu Moabit durch die 
Kgl. Seehandlungs-Societätf). Während Egells be 
reits 1828 eine Eisengiesserei angelegt hatte, 1837 aber 
in der Nähe von Tegel ein Hammerwerk zur Her 
stellung schwerer Schmiedestücke, schuf die Freundsche 
Anstalt 1837—38 die dritte Eisengiesserei, und zwar 
in Charlottenburg. 
Um dieselbe Zeit gab Joh. Carl Friedr. August Borsig 
mit Errichtung seiner Fabrik vor dem Oranienburger 
Thor, die er 1837 mit etwa 50 Arbeitern eröffnete, 
dem Berliner Maschinenbau einen neuen mächtigen 
Aufschwung. Als gelernter Zimmermann hatte er auf 
Veranlassung der Königlichen Regierung zu Breslau 
von 1823 bis 1825 das Kgl. Gewerbe-Institut besucht, 
war dann Mühlenbauer gewesen und von 1832 ab 
Maschinenzeichner bei Egells, dessen Fabrik er zuletzt 
mit dem Titel eines »Faktor« vollständig selbständig 
geleitet hatte. Hatte er in seinem neuen Werke zuerst 
vorwiegend Dampf- und sonstige Maschinen für gewerb 
liche Zwecke gebaut, so fand die nunmehr anhebende 
*) 1846 beschäftigte er 40—5° Arbeiter; eine vom Finanz 
ministerium geschenkte 5 pferdige Dampfmaschine trieb damals in 
seiner Werkstatt 8 kleine, zumeist selbstgefertigte Drehbänke von 
4' Länge, 3 grössere von 6, 7 und 9' Länge, 3 desgleichen mit Ein 
richtungen zum Schraubenschneiden von 5, 10 und 13' Länge, sowie 
2 Bohrmaschinen, 4 Hobelmaschinen und mehrere andere Maschinen 
zum Fräsen von Schraubenmuttern, Schneiden von Schraubenbolzen 
und dergl. 
**) In der Maschinenbauanstalt von Holzapfel & Deyerlein. 
***) Noch heute leistet die Fabrik (vorm. Aug. Hamannsche Werk 
zeugmaschinenfabrik H. Walz) Hervorragendes in Präzisions-Drehbänken 
für die Feinmechanik und Optik, sowohl für Deutschland, als auch 
für Italien, Russland und die englischen Kolonieen. 
f) Die Kgl. Seehandlungs - Societät, 1772 gegründet, hatte 
ursprünglich das ausschliessende Vorrecht, alle Arten von ausländischen 
Salzen in die Häfen der Ostsee einzuführen; sie betrieb ausserdem 
damals einen schwungvollen Handel mit vielerlei über See bezogenen 
oder über See gehenden Waren. 1850 ging die Maschinenfabrik an 
A. Borsig über.
	        
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