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Gruppe XII. Die Berliner Musikinstrumenten-Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Der sonore, reiche, prächtige, volle Klang unseres 
Pianos gründet sich zum Teil auf das System des 
kreuzsaitigen Bezuges mit den stärkeren Gussstahl 
saiten, welche die Bildung hoher, dissonanter Obertöne 
nicht begünstigen. Aber auch die richtige Wahl der 
Anschlagstelle des Hammers trug mit dazu bei. Da 
durch wurden die in der Reihe der tiefen Obertöne 
zunächst auftretenden, durch ihre relative Intensität 
noch hinlänglich wahrnehmbaren, unharmonischen 
Partialtöne aus dem Klange der Saite ausgeschieden. 
Als Hauptverbesserung ist aber ein richtig funktio 
nierender Resonanzboden anzusehen, dessen Haupt 
eigenschaften möglichste Elasticität und hohe Wider 
standsfähigkeit sein müssen. Der Druck, welchen die 
Bespannung der Saiten ausübt, ist ja ein ungeheurer; 
bei unseren heutigen Pianinos und Flügeln entspricht 
er einer Belastung von 8000 bis 11 660 Kilogramm, 
d. h. einem Gewicht von 160 bis 220 Centnern; bei 
der Violine von 28Y2, bei der Viola von 31, beim 
Violoncello von 45 und beim Contrebass von 200 Kilo 
gramm. 
Um solcher Belastung zu widerstehen, müssen die 
Resonanzböden Verstärkungen erhalten, die aber durch 
aus die Schwingungen der Platten nicht behindern 
dürfen; ein Punkt, der als der wichtigste und schwierigste 
im Instrumentenbau bezeichnet werden muss. Als 
Hauptmittel hat bis jetzt die Berippung gegolten, wenn 
man auch in neuerer Zeit begonnen hat, einen rippen 
losen, aber verdoppelten Resonanzboden zu bauen. 
Was das Bestreben betrifft, durch fortgesetzte 
Spannung eine Vermehrung der Schallkraft der Saite 
zu erzielen, so dürfte im heutigen Pianofortebau die 
Grenze so ziemlich erreicht sein. Bedarf es doch jetzt 
schon einer gewaltigen Eisenkonstruktion, um den 
enormen Spannungen der immer stärker und länger 
gewordenen Besaitung zu widerstehen. Dass aber eine 
erhöhte Eisenkonstruktion den Klang nicht vermehrt, 
darüber ist sich doch wohl jeder Instrumentenbauer klar. 
2. Die Haltbarkeit des Baues 
wurde eigentlich schon durch die kräftige Eisenkonstruk 
tion gesteigert. Nicht, dass der frühere Holzbau geringer 
in seiner Dauerhaftigkeit gewesen wäre — wenigstens 
nicht im Verhältnis zur Gesamtkonstruktion —, sondern 
zugleich mit der vermehrten Anwendung des Eisens im 
Bau von Pianinos und Flügeln trat zu der früheren 
Methode des Verleimens das jetzt fast allgemein ange 
wendete Verschrauben hinzu. Selbst die Tasten solcher 
Instrumente, die nach den Tropen verschifft wurden, 
mussten sich ein Verschrauben gefallen lassen, und die 
Mechanik, der Mechanikstuhl und verschiedene Teile 
des Innern wurden teilweise aus Eisen und anderen 
Metallen hergestellt. Unsere heutigen Tasteninstrumente 
sind Panzerfregatten gegenüber den älteren Segelscho 
nern unserer Voreltern. 
Ein früher unbekannter Gesichtspunkt war der, 
dass man nunmehr die klimatischen Verhältnisse 
der überseeischen Länder beim Bau der Instrumente 
mit aller Sorgfalt in Betracht ziehen musste. Wie 
schon ausgeführt, hatten sich die deutschen Pianoforte 
fabrikanten seit ca. drei Dezennien zu grossen Expor 
teuren auf dem Weltmarkt emporgeschwungen und die 
früheren Konkurrenten, hauptsächlich die Franzosen, voll 
ständig verdrängt. Wollte man das Feld behaupten, so 
mussten auch die neugewonnenen Kunden befriedigt 
werden. In erster Linie musste das auf dem Wege ge 
schehen, dass ein dauerhaftes, gegen die wechselnden 
Witterungsverhältnisse widerstandsfähiges Instrument ge 
schaffen wurde, welches trotz langer Seereise und oft 
noch schwierigeren Landtransports in gutem Zustande 
am Bestimmungsorte ankam und bei abnormen klima 
tischen Verhältnissen sich als gesund und leistungs 
fähig bewies. Mit wenigen Ausnahmen geschah dies 
auch, und bis heute hat sich die deutsche Pianoforte 
fabrikation aui dem Felde des Exports siegreich be 
hauptet. 
Aber nicht allein die Zonenverhältnisse unserer 
überseeischen Kundenkreise wurden beim Bau der In 
strumente berücksichtigt, man trug auch dem nationalen 
Geschmack bei der Ausstattung Rechnung. Und in 
dieser Hinsicht sind ganz verschiedene Anforderungen 
an unsere Fabrikanten gestellt worden, Anforderungen, 
die in der Lebensweise, dem künstlerischen Bedürfnis, 
der Macht der Ueberlieferung und Gewohnheit fremder 
Völkerschaften ihren Ursprung hatten. Schon der 
österreichische offizielle Berichterstatter, Dr. Eduard 
Hanslick, erkannte dies auf der letzten Pariser Welt 
ausstellung an, wenn er schrieb: »Jede Nation hängt 
an ihren besonderen Kultur- und Lebensformen, wie 
sie sich auch in den Musik-Instrumenten ausprägen; 
jede liebt die Spielart, den Ton, woran sie gewöhnt 
ist, und hält leicht für geringer, was nur anders 
ist.« Was z. B. den Ton anbelangt, so sind die An 
forderungen und Ansichten weit auseinandergehend. 
Fast alle Völkerschaften romanischen Sprachstammes 
lieben mehr einen zarten, elegischen Ton, während Nord 
amerikaner, Engländer, Russen für eine mächtige, durch 
dringende Klangmasse sind. Bei ersteren, Spaniern, 
Portugiesen, Italienern etc., ist das auch sehr ange 
bracht, da die leichten Holzbauten ihrer Wohnungen 
dem für unser Ohr klimperigen Tone sehr günstig sind, 
während Nordamerikaner, Engländer, Russen und auch 
wir Deutschen für unsere, von dicken Steinmauern um 
gebenen Wohnräume, die mit Teppichen belegt und mit 
Gardinen, Portieren etc. drapiert sind, naturgemäss Instru 
mente mit kräftigem, durchdringendem Tone verlangen. 
Genau so ist es auch mit derAusstattung, von welcher 
der Volkscharakter, das künstlerische Bedürfnis der 
Nationen ganz Verschiedenartiges fordert. Wie bizarr er 
schien uns z. B. der barockartige Stil, den der englische
	        
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