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Beleuchtung und Illumination der Ausstellung

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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»Cirkul-Schmidt« verfertigen. Heister lobt einen »sehr 
geschickten Messerschmidt und Instrumentenmacher« 
in Amsterdam, der auch für den Operateur Rau ar 
beitete (31. Wahrnehmung). Die ältere Geschichte der 
Instrumentenkunde ist ausführlich von J. Th. Eller in 
seiner Vorrede zu Garengeots »Abhandlung von 
denen nützlichsten und gebräuchlichsten Instrumenten 
der Chirurgie«, Berlin und Potsdam 1729, besprochen. 
C. van Solingen tadelt in seinen »Handgriffen der 
Wund-Artzney«, Frankfurt a. O. 1693, die Verzierungen 
in den Instrumenten; dies sind für ihn nur schädliche 
»Rustuester«. Er machte sich einen grossen Teil seiner 
Instrumente selbst und giebt genaue Anweisungen 
für die Herstellung derselben. Später wurde es aber 
so: wer etwas Tüchtiges in der Chirurgie lernen wollte, 
ging nach Paris, London, Antwerpen, und wer gute 
Instrumente haben wollte, bezog sie von dort, und zwar 
hauptsächlich aus England; sie waren allerdings sehr 
teuer, s. z. B. Pavigny. Sehr gute Bougies fabrizierte in 
London der Pedell am Colleg. chirurgicum (s. G. Fischer, 
Chirurgie vor 100 Jahren). »Vater Theden«, einer der 
preussischen General - Chirurgen des vorigen Jahr 
hunderts, der sich auch viele Arzneien selbst zu 
bereitete, machte bei uns die ersten chirurgischen Instru 
mente aus Gummi, namentlich elastische Katheter und 
Milchpumpen. Bekannt sind auch seine Hohlschienen 
aus Nussbaumholz, seine Extensionsmaschinen für Ober 
schenkelbrüche. Er und sein früherer Chef Schmucker 
hatten in zahlreichen Feldzügen die Erfahrung gemacht, 
dass unter den damals gebräuchlichen Instrumenten 
sehr viele zu kompliziert und viele ganz überflüssig 
waren. Sie suchten hier eine Besserung herbeizuführen 
und stellten das Notwendige in handlicher Form und 
praktischer Verpackung zusammen. Die von den 
besten Instrumentenmachern in London, Paris und 
Berlin stammende Sammlung des Berliner Chirurgen 
(früheren Regimentsfeldschers) Pallas wird von 
Nicolai (Residenzstädte Berlin und Potsdam) unter 
den Sehenswürdigkeiten aufgeführt. 
Im Anfänge unseres Jahrhunderts, insbeson 
dere nach den Befreiungskriegen, hat man sich auch in 
Berlin mehr mit der Fabrikation chirurgischer Instru 
mente beschäftigt. Wenigstens wurde, wie in der Ein 
leitung zum Katalog unserer Ausstellung (No.V, S. 57) 
zu lesen ist, nicht, wie bisher, »eine grosse Scheere, 
ein Speckmesser, ein Tafelmesser und eine Gabel« als 
Meisterstück von dem Messerschmiede-Gewerk verlangt, 
sondern »ein Speckmesser von neun Daumen Länge 
und drei bis vier Daumen Breite, ein Amputations 
messer, eine Trepankrone und eine Coopersche Scheere«. 
Später wurde auch das Speckmesser nur noch verlangt, 
wenn es sich speziell um einen Messerschmiedemeister 
und nicht um einen »chirurgischen Instrumentenmacher«, 
wie es seit 1822 heisst, handelte. Der Aufschwung 
dauerte nur kurze Zeit; obgleich die deutsche Wissen 
schaft, und nicht am wenigsten die deutsche Chirurgie, 
in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Reihe 
glänzender Namen zu verzeichnen hat, lag doch auf 
ihr noch immer die Missachtung der voraufgegangenen 
Jahrhunderte — Wissen und Werkzeug schienen nur im 
Auslande, und damals speziell in Frankreich, in be 
sonderer Güte geboten zu werden. Ein klassisches 
Beispiel dafür und für das allmäliche Erwachen, sowie 
für die heutige Kraft und Selbständigkeit unserer Kunst 
ist ein Buch, das als Uebersetzung eines französischen 
Lehrbuches der Chirurgie im Anfänge der fünfziger 
Jahre entstand, bis zum Jahre 1880 acht Ausgaben er 
lebte und, entsprechend den Fortschritten der deutschen 
Chirurgie, in den letzten Ausgaben auch nur diese 
darstellte und nur noch durch die Citate aus der Ver 
gangenheit an seinen Ursprung erinnerte — ich meine 
Bardelebens Lehrbuch der Chirurgie. 
Seitdem sind wir nicht zurückgeblieben, und unsere 
fleissigen und intelligenten technischen Mitarbeiter, die 
uns das Handwerkszeug so, wie wir es heute brauchen, 
herstellen, sind tapfer mit vorwärts gegangen. Sie 
haben gewiss manche Enttäuschung erlebt; manches 
Instrument, mancher Apparat, mit grossen Erwartungen 
und Unkosten eingeführt, wurde durch die Fortschritte 
der Wissenschaft schnell überflüssig gemacht. Dass 
ihnen dadurch der freudige Mut des Schaffens und 
Mitarbeitens nicht genommen wurde, dass sie im Gegen 
teil jetzt, wie ihre Auftraggeber, die deutschen 
Chirurgen, bei aller Anerkennung und aufmerksamen 
Beobachtung ausländischer Fortschritte, vollkommen 
selbständig geworden sind, bewies die Berliner Ge 
werbe-Ausstellung vom Jahre 1896. 
Der Fachmann, der die alljährlich wiederkehren 
den Kongresse der Deutschen Gesellschaft für 
Chirurgie besucht, konnte, da diese immer mit einer 
technisch-chirurgischen Spezialausstellung verbunden 
sind — wir erinnern nur an das bei der Eröffnung des 
Langenbeckhauses dort Gebotene —, nicht erwarten, 
plötzlich auf unsrer Ausstellung vieles Neue und Ueber- 
raschende zu finden. Das war auch gar nicht ihr Zweck; 
sie sollte ein gutes und klares Bild des derzeitigen Standes 
unserer chirurgischen Hilfsmittel geben, soweit die 
Berliner Arbeit daran beteiligt ist, und das that sie, 
bis auf unbedeutende Ausnahmen, in bester Weise. 
Der Bericht darüber würde den zur Verfügung stehen 
den Raum weit überschreiten, wenn er viel auf Einzel 
heiten einginge; wir sind deshalb gezwungen, das 
Geleistete mehr vom allgemeinen Gesichtspunkte aus 
zu betrachten; dabei können die einzelnen Aussteller 
nur selten erwähnt werden. Auch auf die Beifügung 
von Abbildungen haben wir verzichtet; es ist ja für 
jeden, den es interessiert, leicht, die illustrierten Kataloge 
der betreffenden Firmen zu bekommen. 
Das Gebiet der »technischen Hilfsmittel der 
Heilkunde« ist allmählich ein so ausgedehntes
	        
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