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Gruppe XI. Wissenschaftliche Instrumente

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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In sinnreicher und durchsichtiger Weise führt Herr 
Ernst, Inhaber der Firma C. F. Rochlitz, Berlin S., 
Brandenburgstrasse 55, in seinen Turmuhren die Ein 
richtungen zur Erhaltung einer auf die zarteren Teile 
des Gehwerkes konstant wirkenden, das notwendige 
Mass nicht überschreitenden Kraft vor. Diese Ein 
richtungen sind für Turmuhren von ganz besonderer 
Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Zeiger allen 
Unbilden des Wetters ausgesetzt sind und bei starkem 
Winde je nach der Richtung desselben eine treibende 
oder hemmende Wirkung auf das Gehwerk vermitteln. 
Ungeachtet der getroffenen Vorsichtsmassregeln 
ist manchem Zapfen und Zapfenloch etwas viel zuge 
mutet, und ich erlaube mir, daran zu erinnern, dass so 
grosse Uhren Raum genug bieten, um, ähnlich wie bei 
astronomischen Instrumenten, Hebel mit Gewichten zur 
Ausbalancierung des Druckes anzubringen, der die 
Zapfen in der Richtung der Resultante aus der Schwere 
und Triebkraft gegen die Innenfläche des Zapfenlochs 
treibt. Solche Einrichtungen sind den Uhrmachern 
sicher nicht neu und bei Taschenuhren durch die be 
kannte Anbringung von Steinen verwirklicht. Aber 
sie verteuern die Uhr, und die Entgegnung des Fabri 
kanten würde lauten: »Wer bezahlt mir die Arbeit?« 
Professor Dr. V. Knorre. 
Chirurgische Instrumente und Bandagen. 
Die Lehre von den chirurgischen Instrumenten 
und Bandagen, ein wichtiger Bestandteil der chirurgischen 
Wissenschaft, ist so alt, wie diese selbst und war im 
Laufe der Jahrtausende denselben Wechseln unterworfen, 
wie sie und wie Kultur und Wissenschaft im allgemeinen. 
In jeder Zeit entsprach die Herstellung chirurgischer 
Geräte, ihre Beschaffenheit und Brauchbarkeit dem 
Stande des chirurgischen Könnens und dem Stande der 
Technik; die Modelle wurden zuerst dem gewöhnlichen 
Leben entnommen, so dass wir z. B. den »Erfinder« 
des chirurgischen Messers, der Schere, der Säge, des 
Meisseis und Hammers vergeblich suchen würden. Das 
Verfahren und die Verbände bei Verrenkungen und 
Knochenbrüchen, die Mittel, um heftige Blutungen 
zu stillen, um Hitzegefühl und Schmerz zu lindern, um 
Fremdkörper aus Wunden zu entfernen, sind anfangs 
Improvisationen für den Bedürfnisfall gewesen und mit 
dem Material gemacht, das gerade zur Verfügung stand. 
In ernsten und schweren Fällen, für die die einfachen, 
noch dazu oft ohne Kenntnis des Grundes und der Art 
ihrer Wirkung angewendeten Mittel nicht ausreichten, 
half man sich mit Beschwörungen, Gebeten, Be 
sprechungen, Opfern und vielerlei Zauber und Hokus 
pokus —■ es ist noch gar nicht so lange her, dass diese 
abergläubischen Dinge von Laien geglaubt und von 
Aerzten ernst genommen und empfohlen wurden. 
Die erste Erwähnung und Besprechung chirurgischer 
Instrumente findet sich am Schlüsse der 42 heiligen 
Bücher des ägyptischen Königssohnes Thoth, neben der 
Abhandlung vom Bau des Menschen, den Krankheiten 
und Arzneimitteln. Eine Reihe von Lanzetten, Messern, 
Zangen und Pinzetten aus dieser über 4000 Jahre zu 
rückliegenden Blütezeit ägyptischer Wissenschaft sind, 
wenn auch in stark verändertem Zustande, wieder auf 
gefunden. In der ägyptischen Abteilung des Berliner 
Museums befinden sich einige kleine zierliche Scheren, 
deren einer Handgriff messerförmig zugeschliffen ist, 
ferner eine kleine Zange (Pinzette) und einige Messer; 
wahrscheinlich alle nicht chirurgischen, sondern kos 
metischen Zwecken, der Entfernung der Haare dienend. 
Besonders berühmt waren die Aegypter als Augenärzte; 
allerdings weist Hirschberg nach, dass das Ausziehen 
der Wimpern die einzige im Papyros Ebers erwähnte 
Augenoperation sei. Dagegen kannten sie die Am 
putation, Kastration, das Glüheisen, Schröpfen und 
Aderlässen. (Haeser, Geschichte der Medizin.) 
Jahrtausende später finden wir in Indien wieder in 
einer den Wissenschaften im allgemeinen günstigen Zeit 
auch eine Blütezeit der Heilkunde. Die Nachrichten 
lauten schon etwas ausführlicher, die Zahl der operativen 
Eingriffe und damit die Zahl der chirurgischen Geräte und 
Instrumente ist schon bedeutend grösser, die letzteren 
waren aus Stahl, und gewiss schon recht gut gearbeitet, 
da Augenoperationen, wie die Reklination (Versenkung 
der getrübten Linse in den Glaskörper), da ferner 
Bauchschnitt und Darmnaht, Steinschnitt, Amputation, 
Geschwulst- und Fisteloperationen, die Wundnaht, der 
plastische Ersatz abgeschnittener Teile der Nase, der 
Lippen und Ohren aus der Wangenhaut bekannt und 
vielfach geübt waren. Zur Ausziehung von Pfeilspitzen 
wurden schon Magnete verwendet, Knochenbrüche und 
Verrenkungen geschient, nachdem sie eventuell mit 
Hilfe von Maschinen eingerenkt waren. Die Zahl der 
gebräuchlichen Instrumente wird auf 127 angegeben. 
— In den trojanischen Kriegen waren die Heerführer 
selbst im Besitze chirurgischer, allerdings auf die Ent 
fernung von Fremdkörpern und Behandlung von Ver 
letzungen beschränkter Kenntnisse; chirurgische In 
strumente werden bei Homer nicht besonders erwähnt. 
—- Zu den Zeiten des Hippokrates muss bei dem hohen 
Stande der Heilkunde die Ausstattung des »t-qxpiov« oder 
der »laTpna«, der Werkstatt des Arztes mit chirurgischen 
Instrumenten eine recht stattliche gewesen sein; ausser 
den oben genannten Operationen werden noch I repa- 
nation, Operation der Eiterbrust (Empyem), der Hernien 
u. a. m., sowie die dazu benutzten Instrumente be 
schrieben. Aber eine gute Sammlung chirurgischer 
Geräte besitzen wir erst aus viel späterer Zeit; sie ist 
bei den Ausgrabungen in Pompeji gefunden und wird 
im Museo nazionale in Neapel aufbewahrt. Gurlt hat 
sie in der freien Vereinigung der Chirurgen Berlins am
	        
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