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Gruppe XI. Wissenschaftliche Instrumente

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz (Public Domain)

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artig, dass schliesslich bei sehr grossen Instrumenten 
die Kuppel fast nur als Schutzgehäuse beim Nicht 
gebrauch des Fernrohrs zu betrachten war. Durch 
Erwägungen dieser Art war Herr Archenhold ver 
anlasst worden, die Frage zu stellen: Auf welche Art 
schützt man ein Fernrohr beim Gebrauch am voll 
ständigsten mit dem geringsten Aufwand an Material 
und Kraft? Beim Nichtgebrauch konnte ja der Schutz 
auf viel einfachere Weise erreicht werden, als durch 
einen Kuppelbau. 
Das hieraus hervorgehende Projekt einer Ersetzung 
der Kuppelbauten durch die Anbringung einer mit 
dem Fernrohr zu bewegenden, aber von dem 
selben thunlichst zu isolierenden Schutzhülle aus 
dünnem Metallblech verband sich alsdann in sehr 
glücklicher Weise mit dem Plane einer anderen sehr 
erheblichen Verbesserung, die an sich nicht neu, aber 
bei sehr grossen Fernrohren noch nicht zur Aus 
führung gelangt war, während sie gerade bei diesen 
den Gebrauch des Instrumentes ausserordentlich zu er 
leichtern versprach. Konnte nämlich die Aufstellung 
und Bewegung des Fernrohrs so eingerichtet werden, 
dass dasselbe sich nicht, wie bisher meistens geschehen, 
um seine Mitte, sondern um das Augen-Ende drehte, 
so ergaben sich nicht nur für den Ersatz der Kuppel 
durch Schutzhüllen die günstigsten Bedingungen, son 
dern es wurde dadurch auch die Anstrengung des 
Beobachters, der sonst bei den langen Fernrohren 
immer dem Augenende des Fernrohrs in der zeit 
raubendsten und lästigsten Weise nachzuklettern hatte, 
auf das Erheblichste vermindert. 
Das neue Instrument wurde in gemeinsamerGedanken- 
arbeit von den Herren Archenhold und Paul Hoppe 
geschaffen, wobei, ganz entsprechend dem allgemeinen 
Zusammenwirken der Wissenschaft und der Präzisions 
technik, Herr Archenhold die ideellen Forderungen 
vertrat, Herr Paul Hoppe die Mittel zu ihrer Befriedigung 
ersann und durchführte. 
So lange die Verwirklichung des ganzen Projektes 
nicht blos starken Zweifeln der Fachgenossenschaften 
ausgesetzt, sondern, wie jede etwas weitgreifende 
Neuerung, mit einem gewissen Odium belastet war, 
haben die beiden Männer keinen Anlass gehabt, den 
Anteil jedes Einzelnen an den einzelnen neuen Ge 
danken entwicklungsgeschichtlich zu fixieren. Sie trugen 
damals die achselzuckende Missachtung gern gemeinsam. 
Jetzt, wo ihre Freunde beim Anblicke des Gelingens eine 
Fixierung der Prioritätsansprüche anregen, um in dieser 
Zeit leidenschaftlichen persönlichen Wettbewerbes jeden 
von ihnen vor Angriffen und Verkennungen schützen zu 
helfen, bietet die nachträgliche Sonderung der einzelnen 
Entwicklungsstufen Schwierigkeiten, doch wird die obige 
allgemeine Formel gern von beiden acceptiert. 
Eine Art der Bewegung des Fernrohrs, bei welcher 
sein Objektivende einen nahezu doppelt so grossen 
Umkreis als sonst beschreibt, während sein Augen 
ende in voller Ruhe bleibt, war bisher bei den grossen 
Fernrohren in Kuppeln dadurch ausgeschlossen ge 
wesen, dass diese neue Einrichtung den erforderlichen 
Durchmesser der Kuppel mindestens verdoppelt und 
den Kuppelraum sowie die Kosten in noch viel stär 
kerem Verhältnis vergrössert haben würde. — Nun 
aber, wenn man die Kuppel auch aus anderen Gründen 
verwarf und durch einfachere Veranstaltungen ersetzte, 
konnten sich beide Verbesserungen in der nützlichsten 
Weise verbinden. 
Endlich konnte der Wegfall der Kuppel auch die 
Lösung der optischen Aufgaben grosser Fernrohre von 
der drückenden Einschränkung befreien, welche sie bis 
dahin, wegen des enormen Anwachsens der Kosten der 
Kuppelbauten mit der Verlängerung der Brennweiten, 
durch die Forderung möglichst kurzer Brennweiten er 
litten hatte. Dieser grosse Vorteil der kühnen Neuerung 
wurde von Professor Abbe sofort aufs Lebhafteste an 
erkannt. 
Bei der Durchbildung des Projektes der neuen 
Einrichtung durch Herrn Paul Hoppe ergaben sich zu 
gleich sehr günstige Bedingungen für die Ausführung 
der Feinbewegungen des Instrumentes. Die Bewegungs 
mechanismen für die der Erdaxe parallel zu stellende 
Hauptaxe (Polaraxe) konnten völlig geschützt in die 
Fundamente des ganzen Aufbaues verlegt werden, 
während die Bewegungseinrichtungen für die zu der 
Hauptaxe rechtwinklige zweite Axe (die Deklinations- 
axe), deren Drehung nur bei der Einstellung des 
Fernrohrs ins Spiel kommt, in unmittelbarer Nähe des 
Beobachters gelagert werden konnten, dessen Auge 
sich zwischen den beiden Zapfen dieser Axe in dem 
Schnittpunkte der Verbindungslinie der beiden letzteren 
mit der Verlängerung der Hauptaxe befindet. 
Es ist klar, dass, wenn ein Fernrohr sich nach 
allen Seiten hin um sein Augenende, also um zwei 
durch den Augenpunkt des Beobachters gehende Axen 
drehen soll, auf der Rückseite des Beobachters ein 
Gegengewichtssystem an der vorerwähnten Deklinations- 
axe wirken muss, damit nicht blos der Drehpunkt des 
Fernrohrs, sondern auch der Schwerpunkt des Ganzen 
mit dem Augenpunkt nahe zusammenfällt. 
Betrachten wir zunächst die Polaraxe, deren 
Drehung sowohl zu der Einstellung des Fernrohrs auf 
bestimmte Objekte, als auch dazu dient, dasselbe der 
scheinbaren Drehung des Himmelsgewölbes mittelst 
eines Uhrwerkes folgen zu lassen, nämlich die Wir 
kungen der Drehung der Erde aufzuheben, um das 
eingestellte Objekt im Gesichtsfelde zu behalten. 
Diese 6 1 /ä m lange Axe ist in dem Fundamentbau 
sehr solide gelagert, und für die Contrebalancierung 
ihres Gewichtes ist durch Gegengewichtsrollen gesorgt. 
Von denjenigen Gegengewichts-Einrichtungen, welche 
erforderlich sind, damit die Polar-Axe nicht mit dem
	        
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