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Gruppe XI. Wissenschaftliche Instrumente

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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hohe Anforderungen gestellt werden. Von hochempfind 
lichen Galvanometern der gewöhnlichen Bauart (beweg 
licher Magnet, feste Stromspule) wurde das von du 
Bois und Rubens konstruierte und von Keiser & 
Schmidt gefertigte Instrument vorgeführt; eine eben 
falls von dieser Werkstätte ausgestellte, sehr verein 
fachte Form des vorigen nach Szymanski eignet sich 
infolge ihres geringen Preises besonders für De 
monstrationsversuche in Lehranstalten. 
Ehe wir dieses Gebiet der feinen elektrischen 
Messinstrumente verlassen, müssen wir noch ein sehr 
interessantes physikalisches Messwerkzeug, das Bolo 
meter, erwähnen, das in dem von der Reichsanstalt 
ausgearbeiteten, sehr empfindlichen Modell die Werk 
stätte von P. Görs in Berlin ausstellte. Das Instru 
ment ist zur Messung einer Licht- oder Wärme- 
Strahlung auf elektrischem Wege bestimmt; es besteht 
aus einem Gitter von einseitig berussten, mäander- 
förmig zusammenhängenden schmalen Streifen Platin 
blech, dessen Dicke zur Erzielung möglichst grosser 
Empfindlichkeit nur 0,001 mm beträgt. Die Herstellung 
eines so dünnen Bleches ist allein durch den Kunstgriff 
möglich, dass man das Gitter aus dünn ausgewalztem 
silberplattierten Platinblech auf der Teilmaschine aus 
schneidet, auf einem Schieferrähmchen fertig montiert 
und dann das Silber mit verdünnter Salpetersäure ab 
ätzt. Wird die berusste Seite der Strahlung einer Licht 
oder Wärmequelle ausgesetzt, so steigt durch die Ab 
sorption der Strahlen die Temperatur des Bleches und 
hierdurch wiederum dessen elektrischer Widerstand. 
Sind zwei genau gleiche Bolometergitter in die 
Wheatstonesche Brücke eingeschaltet, so kann man 
durch elektrische Widerstandsmessung zwei Strahlungs 
quellen, deren jede nur ein Gitter bestrahlen darf, mit 
einander vergleichen. 
An diesem ingeniösen, nicht nur für die Physik, 
sondern in anderen Formen auch für die Meteorologie 
und Astronomie sehr wichtigen Bolometer sind wohl 
die meisten Besucher achtlos vorbeigegangen; für 
eine Gruppe von Ausstellungsgegenständen gilt das 
sicher nicht, nämlich für alles, was mit der Photo 
graphie mittelst X-Strahlen zusammenhängt. Es 
hiesse Eulen nach Athen tragen, wollten wir auf 
die zur Erzeugung der Röntgenschen Strahlen 
dienenden Apparate hier des Näheren eingehen; ist 
doch diese Entdeckung, Dank der Thatsache, dass 
Fleisch und Knochen die neuen Strahlen verschieden 
stark absorbieren, in einer so kurzen Zeit und in so 
weiten Kreisen populär geworden, dass man in der 
Geschichte aller exakten Wissenschaften wohl vergeblich 
nach einem Analogon suchen würde. Es genüge, kurz 
diejenigen Firmen zu erwähnen, die hierher gehörige 
Apparate zur Schau brachten. F. Ernecke, Keiser 
& Schmidt und W. A. Hirschmann hatten zur 
Erregung der Röntgenschen Röhren dienende Induk 
toren in zum Teil ungewöhnlich grossen Dimensionen 
ausgestellt; zu dem gleichen Zweck sind bekanntlich 
auch Influenz-Elektrisiermaschinen sehr wohl geeignet, 
die mit allen Nebenapparaten von A. Wehrsen und 
namentlich von der auf diesem Spezialgebiet durch 
eigene Konstruktionen bekannten Werkstätte von 
J. Robert Voss, beide in Berlin, sehr reichhaltig vor 
geführt wurden. Es seien hier namentlich die selbst 
erregenden Influenzmaschinen nach Wimshurst her 
vorgehoben. All diesen Apparaten hat sich durch die 
Entdeckung der neuen Strahlen ein weites Anwendungs 
gebiet neu eröffnet. 
Evakuierte, die Strahlen erzeugende Röhren waren 
in den verschiedensten Abarten noch weit zahlreicher 
vorhanden als die zu ihrem Betrieb notwendigen 
Elektricitätsquellen, nicht nur unter den Vorführungen 
der obigen Mechaniker, sondern auch als selb 
ständige Ausstellungsobjekte in den Schränken der 
jenigen Firmen, die sich mit der Herstellung und 
dem Vertrieb von Erzeugnissen der Glasbläserkunst 
befassen, wieP. Altmann, Ch. F. Geissler, Dr. Robert 
Muencke und W. Niehls; auch die Crookesschen und 
Geisslerschen Röhren fehlten nicht, die jetzt im Zu 
sammenhang mit der Röntgenschen Entdeckung als 
Demonstrationsapparate erneute Bedeutung gewonnen 
haben. Es sei hier noch bemerkt, dass die hierzu vor 
züglich befähigten Glühlampen-Fabriken der Allge 
meinenElektricitäts-Gesellschaft und vonSiemens 
& Halske ebenfalls Röntgensche Röhren in aus 
gezeichneter Ausführung anfertigen. Von den rapiden 
Fortschritten auf dem Gebiete der Photographie mit 
X-Strahlen gaben eine grosse Zahl der interessantesten 
Aufnahmen ein deutliches Bild. So sei nur die von 
Ernecke ausgestellte Aufnahme eines menschlichen 
Brustkastens erwähnt, welche das Schlüsselbein und die 
Rippen der Vorder- und Rückseite scharf erkennen 
liessen. Die ebenfalls vorzüglichen Photographieen von 
Hirschmann boten vom medizinisch - chirurgischen 
Standpunkt viel des Interessanten. Wehrsen führte 
sogar die aus vielen Einzelaufnahmen zusammengesetzte 
Photographie des vollständigen Knochengerüstes eines 
lebenden erwachsenen Menschen vor, die mittelst einer 
Influenz-Maschine aufgenommen war. 
Ausser für Vakuumröhren herrschte infolge der Ent 
deckung der neuen Strahlen noch für ein anderes Er 
zeugnis der Glasbläserkunst im Ausstellungsjahr ein 
solcher Bedarl, dass die Verfertiger der Nachfrage kaum 
genügen konnten, nämlich nach eben den Apparaten, 
die zum Luftleermachen der Röntgenschen Röhren 
dienen, den Quecksilber-Luftpumpen. Für die Be 
dürfnisse des Physikers, des Physiologen und Chemikers 
ursprünglich konstruiert, hatten diese Apparate in den 
letzten Jahren durch ihre Verwendung in der Glüh- 
lampen-Industrie auch eine grosse technische Bedeutung 
gewonnen; zahlreiche, oft sehr geistvolle neue Kon
	        
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