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Gruppe XI. Wissenschaftliche Instrumente

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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zehnten die durchgreifendsten Aenderungen erfahren 
hat. Bis zu Anfang der achtziger Jahre suchte man 
die dem Anscheine noch regellos verlaufenden Aender 
ungen in den Angaben mancher Thermometersorten, 
die bis zu ganzen Graden gingen, durch Verbesserung 
der Konstruktion der Thermometer, Befestigung der 
Skalen u. s. w. zu beseitigen. Erst als umfangreiche 
Untersuchungen zeigten, dass die Unregelmässigkeiten 
die Folge von Temperatureinwirkungen, der sogenannten 
thermischen Nachwirkungen, waren, dass ein An 
steigen des Eispunktes (Thermometer-Nullpunktes) in 
folge von Zusammenziehungen des Glases und anderer 
seits eine Erniedrigung (Depression) des Eispunktes nach 
Erwärmung auf höhere Temperaturen stattfand, war der 
Weg gegeben, auf welchem man zu besseren Thermo 
metern kommen sollte. Zunächst versuchte man, die ther 
mischen Nachwirkungen durch längeres andauerndes 
Kochen und nachfolgende langsame Abkühlung zu heben. 
Da dies nicht zum Ziele führte, strebte man darnach, 
ein Glas zu finden, das von diesen thermischen Nach 
wirkungen frei sei. An diesen Arbeiten nahmen haupt 
sächlich Teil die Kaiserliche Normal-Aichungskommis- 
sion, das von Prof. Abbe und Dr. Schott gegründete 
Jenaer Glaswerk Schott & Gen., welches unter wesent 
licher Unterstützung der Preussischen Staatsregierung 
grundlegende Untersuchungen vornahm, Prof. R. Weber 
und der Berliner Mechaniker R. Fuess. Die chemische 
Untersuchung verschiedener Thermometergläser ergab, 
dass das Verhältnis der gleichzeitig im Glase vorhan 
denen Alkalien das thermische Verhalten des Glases 
bedingte. Thermometer, welche aus nahezu reinem 
Kaliglase verfertigt waren, zeigten die kleinste De 
pression, während die aus kalihaltigem Natronglase ver 
fertigten Thermometer eine um so grössere Depression 
hatten, jemehr beide Alkalien in gleichen Mengen vor 
handen waren. Das Rätsel, weshalb die deutschen 
Thermometer im Laufe der Zeit immer schlechter ge 
worden waren, war gelöst. Früher hatte man das 
bessere, aber schwerer schmelzbare Kaliglas verwendet, 
in neuerer Zeit benutzte man aus äusseren Gründen 
das leichter schmelzbare Kalinatronglas. Auf Grund 
dieser Erkenntnis ging man in Jena mit systematischen 
Glasschmelzungen vor; man fertigte eine Anzahl von 
Glassorten, von denen die einen nur Kali, die anderen 
nur Natron enthielten, während in den übrigen Sorten 
beide Alkalien gemischt waren. Bei Thermometern, 
die aus diesen Gläsern verfertigt waren, ergab sich, 
dass reine Kali- und reine Natrongläser die geringste 
Nachwirkung zeigten, während die beide Alkalien ent 
haltenden Gläser so hohen Nachwirkungen unterworfen 
waren, dass sie für thermometrische Zwecke vollständig 
zu verwerfen sind. Aus allen diesen Untersuchungen 
ging zunächst ein vorzügliches Natronglas der Jenaer 
Glaswerke, Marke 16 111 , hervor; es hat eine verhältnis 
mässig leichte Verarbeitungsfähigkeit vor der Glas 
bläserlampe und erleidet für ioo° eine Depression von 
nur o,i°. Diesem noch überlegen dürfte das von Schott 
unter Mitwirkung der Physikalisch-Technischen Reichs 
anstalt hergestellte Borosilicatglas 59 111 sein; es ist 
zwar schwerer schmelzbar als das Glas 16 111 , doch 
zeigen die daraus hergestellten Thermometer eine 
noch geringere Maximaldepression (nur 0,05°) und, was 
besonders wichtig ist, eine vorzügliche Uebereinstim- 
mung mit dem Wasserstoffthermometer. Die Ab 
weichungen der Angaben von denen des letzteren In 
strumentes erreichen zwischen o° und ioo° nur o 0 ,O2, 
eine Grösse, die in allen praktischen Anwendungen voll 
ständig vernachlässigt werden kann. Infolge dieser 
planmässigen Arbeiten hat die deutsche Thermometer 
fabrikation einen ungeahnten Aufschwung erfahren und 
beherrscht heute auf diesem Gebiete den Weltmarkt. 
Deutsche Thermometer werden in allen Staaten mit um 
so grösserem Vertrauen gekauft, als sie mit staatlichen 
Prüfungsscheinen versehen werden können. Die Phy- 
sikalisch-TechnischeReichsanstalt hat seit ihrem Bestehen 
an 80000 Thermometer geprüft; in der Grossherzog 
lich Sächsischen Prüfungsanstalt für Thermometer in 
Ilmenau, welche unter der wissenschaftlichen Kontrolle 
der Reichsanstalt steht, steigt diese Zahl auf jährlich 
etwa 30 000 Thermometer. Der Bedeutung dieses 
Fabrikationszweiges entsprach ihre Vertretung auf der 
Ausstellung. Ausser einer Auswahl von Thermometer 
röhren, welche das Jenaer Glaswerk Schott & Gen. 
ausgestellt hatte, war die Physikalisch-Technische 
Reichsanstalt mit einem grösseren Satz von Normal 
thermometern vertreten; ferner zeigten reiche Kol 
lektionen die Firmen R. F'uess, welche für wissen 
schaftliche Normalthermometer einen hervorragenden Ruf 
besitzt, W. Niehls, G. A. Schultze und C. Plempel. 
Wir haben uns bei diesem Gegenstände länger auf 
gehalten, als es eigentlich der Raum gestattet, weil 
die neueste Entwicklungsgeschichte der Thermometer 
ein typisches Beispiel dafür ist, wie befruchtend die 
strenge wissenschaftliche Forschung in den letzten 
Jahrzehnten auf die Präzisionstechnik eingewirkt hat, 
und wegen der Wichtigkeit, welche genaue Thermo 
meter nicht allein für die sämtlichen Zweige der 
Physik, Chemie und Meteorologie besitzen. Für die 
medizinische Forschung ist die Möglichkeit, Körper 
temperaturen bis auf ein zehntel Grad genau zu 
messen, von hoher Bedeutung. Aber auch die Technik 
hat ihren Nutzen von der Verbesserung des thermischen 
Glases gezogen, da es nunmehr möglich wurde, Ther 
mometer zu konstruieren, welche sehr hohe Temperatur 
grade zu messen gestatten, die sogenannten hochgradigen 
Thermometer. 
Die einwandsfreie Herstellung von Thermometern 
für hohe Temperaturen ist der gemeinsamen Arbeit der 
Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und der schon 
erwähnten Jenaer Glaswerke zu verdanken. Eine grössere
	        
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