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Gruppe XI. Wissenschaftliche Instrumente

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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dann noch nicht ganz gebrauchsfähig, und wissenschaft 
liche Beobachtungen, die über die Brauchbarkeit der 
Konstruktion ein sicheres Urteil gestatteten, wurden erst 
viel später möglich. Die grosse Schwierigkeit derMontage 
ist durch die bekannte Berliner Maschinenfabrik von 
C. Hoppe glücklich gelöst worden; über die von 
G. Meissner ausgeführte Feinmechanik folgt näheres 
in einem Sonderbericht. Der Archenholdsche 
Refraktor verwirklicht den von Y. Villarceau her 
rührenden Gedanken, das Okular bei jeder Bewegung 
in seiner Lage zu belassen, d. h. das grosse Fernrohr 
um das Okular zu bewegen, so dass der Beobachter 
seinen Platz nicht zu verlassen braucht. Sodann ist, 
um die grossen Kosten für einen Kuppelbau zu 
sparen — ein Gedanke, den schon der älteste Struve 
mit dem Begründer der Repsoldschen Werkstatt 
ventiliert haben soll —, das Fernrohr mit einem 
äusseren Rohr umgeben, zum Schutze gegen den Ein 
fluss der Witterung, des Windes u. s. w. Im übrigen ist 
auf den schon erwähnten Sonderbericht zu verweisen. 
Wenn also die deutsche Technik mit den vorstehen 
den Ausnahmen an Instrumenten grösster Dimensionen 
bisher ihre Kraft nicht versuchen konnte, so ist sie doch in 
den letzten Jahrzehnten ihrem Charakter insofern treu ge 
blieben, als sie in Bezug auf die Feinheit undVollkommen- 
heit der einzelnen Einrichtungen mancherlei wichtigeVer- 
besserungen aufzuweisen hat. Eine den astronomischen 
wie den geodätischen Instrumenten zu gut kommendeVer- 
besserung bilden die Errungenschaften der Jenaer Glas 
werke auf dem Gebiete des optischen Glases. Vor zwanzig 
Jahren war man bei grossen astronomischen Fernröhren 
an der Grenze des Möglichen angekommen, soweit es 
die Kunst des Optikers betrifft. Es gelang nicht, die 
verschiedenen Strahlen des Spektrums in einer oder 
nahezu in einer Ebene zu vereinigen; so zeigte ein 
Grubbscher Refraktor von 675 mm Oeffnung Focus 
differenzen von 34 mm. Dies musste besonders auf 
die neueren spektroskopischen und photographischen 
Aufgaben der Astronomie einen störenden Einfluss aus 
üben. Eine Aenderung konnte nur durch eine Ver 
besserung der Glassorten bewirkt werden. Umfang 
reiche Untersuchungen wurden nach dieser Richtung 
von Prof. Abbe und Dr. Schott in Jena mit namhafter 
Unterstützung der Preussischen Regierung unternommen. 
Die beiden Forscher knüpften da an, wo Fraunhofer 
der bahnbrechende Optiker zu Anfang dieses Jahr 
hunderts, durch einen frühen Tod abgerufen, 
stehen geblieben war. Es gelang, eine Reihe von 
Glassorten mit wesentlich besseren optischen Eigen 
schaften herzustellen, als die bisherigen Gläser hatten. 
Leider ist es noch nicht möglich gewesen, gerade den 
anscheinend besten dieser Glassorten die nötige Un 
empfindlichkeit gegen atmosphärische und andere Ein 
flüsse zu geben, aber es ist doch gelungen, die bisher 
gebräuchlichen Sorten, Krön- und Flintgläser in so 
vorzüglicher Weise herzustellen, dass die chromatischen 
Differenzen der sphärischen Aberration nahezu auf 
gehoben sind. Durch diese Verbesserungen haben 
nun einerseits die optischen Einrichtungen der astro 
nomischen und geodätischen Instrumente gewonnen; 
andererseits aber haben die Jenaer Glaswerke eine 
solche Leistungsfähigkeit erreicht, dass die bisherige 
Abhängigkeit der deutschen Optiker von englischen 
und französischen Glasschmelzern nicht allein ge 
schwunden, sondern fast in ihr Gegenteil umgeschlagen 
ist. Heute ist kein Glaswerk der Welt imstande, zu 
leisten, was die Jenaer Werke leisten. Einen Beweis 
bilden die grossen Scheiben optischen Glases für 
Objektive von 110 und 125 cm Oeffnung, die auf der 
Ausstellung vertreten waren und die einen Triumph 
der deutschen Technik darstellen. 
Ein weiterer P'ortschritt, welcher gleichfalls die 
astronomischen und geodätischen Instrumente gemein 
sam angeht, ist den Untersuchungen der Physikalisch- 
Technischen Reichsanstalt zu verdanken; er betrifft die 
Libellen, diese für die astronomische, wie geodätische 
Forschung so wichtigen Hilfsmittel zur Bestimmung 
der horizontalen Lage der Instrumente. Es war be 
obachtet worden, dass viele Libellen Ausscheidungen 
zeigten, welche ihre Angaben schädlich beeinflussten. 
Durch die Untersuchungen der Reichsanstalt wurde 
ermittelt, dass diese Ausscheidungen durch die Ein 
wirkung des im Aether, welcher zur Füllung der Li 
bellen dient, enthaltenen Wassers auf die Glaswände 
der Libellen hervorgerufen werden. Es wurde den 
Mechanikern ein Mittel an die Hand gegeben, unge 
eignete Glasröhren, bei welchen das Auftreten von 
Ausscheidungen zu befürchten ist, schnell zu erkennen, 
und ferner wurde ein Weg gezeigt, um zu guten Glas 
sorten für Libellen zu gelangen. — Während die vor 
stehend geschilderten Verbesserungen erst beim Ge 
brauch der Instrumente und zum Teil erst nach längerer 
Gebrauchszeit zu Tage traten, waren andere Fortschritte 
bei den ausgestellten Instrumenten unmittelbar zu er 
kennen. Eine wichtige Verfeinerung zeigten die trag 
baren Passageninstrumente, welche C. Bamberg- 
Friedenau und M. Hildebrand-Freiberg i. S. aus 
gestellt hatten, in Bezug auf die Ausbalancierung der 
Friktionsrollenträger, auf denen das Fernrohr ruht. 
Untersuchungen des Kgl. Geodätischen Instituts hatten 
ergeben, dass ungleiche Belastung der Friktionsrollen 
einen ziemlich beträchtlichen Kollimationsfehler hervor 
ruft, der zum Teil durch geeignete Anordnung der 
Beobachtungen unschädlich gemacht werden kann, zum 
anderen Teil aber, weil auf Senkung des Fadennetzes 
beruhend, die Beobachtungen verfälscht. Der Fehler 
wurde durch Umwandlung der Friktionsrollen in einen 
Waagebalken gehoben, derart, dass sich ein gleicher 
Druck der Friktionsrollen von selbst einstellt. Bam 
berg hat diese Anordnung zuerst benutzt; ihm ist
	        
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