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Gruppe XI. Wissenschaftliche Instrumente

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Instrumente, welche früher nur vom Auslande zu be 
ziehen waren, in Deutschland nicht nur hergestellt, 
sondern auch besser als im Auslande angefertigt wurden. 
Die Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1879, auf 
welcher nur Berliner Mechaniker und Optiker vertreten 
waren, zeigte bereits ein so überraschendes Bild um 
fassender und glanzvoller Leistungsfähigkeit, wie man 
es 10 Jahre früher nicht zu hoffen gewagt hätte. Die Er 
folge ermutigten zu weiteren Anstrengungen. Die Berliner 
Mechaniker traten, um vereint kräftiger zu wirken, zu 
einem Fachverein der Berliner Mechaniker und 
Op tiker zusammen, welcher sich im Jahre 1881 zur 
Deutschen Gesellschaft für Mechanik und Optik 
erweiterte und die wirtschaftliche und technische Hebung 
der Präzisionstechnik, sowie die Förderung wirtschaft 
licher Fragen zur Aufgabe hat. Gleichfalls im Jahre 1881 
wurde, als Organ dieser Gesellschaft, die Zeitschrift 
für Instrumenten künde begründet, in welcher 
Theoretiker und Praktiker vereint die wissenschaftliche 
Instrumentenkunde pflegen. Fachschulen entstanden 
zur theoretischen Heranbildung der jüngeren Generation, 
an welchen erfahrene Praktiker gemeinsam mit den 
Männern der theoretischen Forschung wirken, und die 
seit dem Jahre 1889 eingerichteten jährlichen Mecha 
nikertage gaben Gelegenheit zu persönlichem Meinungs 
austausch. 
Die bedeutendste Förderung ihrer Aufgabe hat 
aber die deutsche Präzisionstechnik der im Jahre 1887 
begründeten Physikalisch-Technischen Reichs 
anstalt zu danken, deren erste, wissenschaftliche Ab 
teilung der reinen Forschung gewidmet ist, während die 
zweite, technische Abteilung der Feinmechanik führend 
und helfend zur Seite stehen soll. Die grossen Dienste, 
welche diese Anstalt der deutschen Technik bereits ge 
leistet hat, die vielen Anregungen und neuen Wege, 
welche ihr zu verdanken sind, haben schon sichtbare 
Früchte gezeitigt. 
Infolge aller dieser umfassenden und planmässigen 
Arbeiten nimmt die deutsche Präzisionstechnik 
zur Zeit die führende Stellung auf dem Welt 
märkte ein. Dies trat schon im Jahre 1888 auf der 
Weltausstellung in Brüssel, weit mehr aber noch im 
Jahre 1893 auf der Columbischen Weltausstellung in 
Chicago zu Tage. Auf der diesmaligen Berliner Ge 
werbe-Ausstellung hatte die Deutsche Gesellschaft für 
Mechanik und Optik zum ersten Male gemeinsam in 
Deutschland ausgestellt. Ihre Kollektivausstellung bot 
ein glänzendes Gesamtbild, aber das muss gesagt werden, 
sie zeigte die Leistungen der deutschen Präzisionstechnik 
nicht in ihrem vollen Umfange; viele Firmen und 
viele der wichtigsten und feinsten Instrumente fehlten. 
Es hat dies verschiedene Ursachen; einmal ist der 
einzelne deutsche Mechaniker, trotz der grossen Be 
deutung seines Faches in seiner Gesamtheit, grössten 
teils nicht so gestellt, dass er die Kosten einer Aus 
stellung nicht zu scheuen hätte; ferner sind viele In 
strumente zu kostspielig, um sie auf Vorrat bauen zu 
können; dann aber auch befinden sich gerade die kost 
barsten und feinsten Instrumente in den Staatsinstituten 
und entziehen sich daher meistens den Ausstellungen. 
Will man daher bei einer künftigen grossen Aus 
stellung ein wirkliches Gesamtbild der gebie 
tenden Stellung der deutsche n Präzisionst echnik 
vorführen, so wird man nicht umhin können, 
den einzelnen Mechaniker dabei zu unterstützen, 
insbesondere dadurch, dass, soweit thunlich, die 
wissenscha ft liehen Staatsinstitute für dieZweclce 
der Ausstellung einzelne wichtige Instrumente 
herleihen. 
Trotz der erwähnten Lücken war die Kollektiv 
ausstellung eine so umfassende, dass es unmöglich ist, 
in dem hier zur Verfügung stehenden Raum eine ge 
treue Schilderung zu geben. Die nachfolgenden Aus 
führungen müssen sich daher damit begnügen, zu 
skizzieren und nur auf ganz besonders wichtige Neue 
rungen kurz einzugehen. Gelegenheit zu genauerer 
Orientierung findet der Leser in der Zeitschrift für 
Instrumentenkunde, Berlin, Julius Springer, in 
deren bisherigen Jahrgängen (1881 —1897) die meisten 
der ausgestellten Instrumente beschrieben sind oder 
noch beschrieben werden. 
Wir beginnen mit den astronomischen und 
geodätischen Instrumenten, als den Hilfsmitteln der 
jenigen Wissenschaften, welche zuerst exakte Messungen 
ausgeführt haben, und deren Messmethoden und Messungs 
hilfsmittel anderen Wissenschaften zum Vorbild gedient 
haben. Von den deutschen astronomischen Instru 
menten gilt im wesentlichen auch heute noch das, 
was im Jahre 1879 Prof. Dr. Foerster von ihnen 
sagte, dass sie dem Charakter der deutschen astro 
nomischen Forschung entsprechen. An Grösse der 
Dimensionen stehen freilich auch noch bis in die 
neueste Zeit, infolge der Ungunst der äusseren Ver 
hältnisse, die deutschen Instrumente hinter denen anderer 
Nationen weit zurück. Erst in den letzten Jahren sind 
auch nach dieser Richtung an die deutsche Präzisions 
technik grössere Aufgaben herangetreten. Von dem im 
Bau begriffenen neuen grossen Refraktor des Potsdamer 
Observatoriums braucht man nur die Namen der Mit 
arbeiter, den geistigen Leiter Prof. Vogel, ferner 
Repsold, Steinheil, die Jenaer Glaswerke zu 
nennen, um überzeugt zu sein, dass sie die vielen grossen 
Errungenschaften der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiete 
der astronomischen Instrumentenkunde voll ausnutzen 
werden. Ein eigenartiger, von Archenhold kon 
struierter grosser Refraktor, das sogenannte »Riesen 
fernrohr«, welches die Oeffentlichkcit viel beschäftigt 
hat, war auf der Ausstellung errichtet; leider wurde 
das Instrument erst gegen Ende der Ausstellung fertig 
montiert und war in allen seinen Einzelheiten auch
	        
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