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Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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einen ganzen Geschäftszweig in einem vollständigen, ab 
gerundeten Bilde vorzuführen, im grösseren Umfange 
oder selbst in der Ausdehnung auf alle Arbeitsgebiete 
Anwendung finden möchte. 
Dr. Heinrich Fränkel. 
Molkerei, Milch, Butter, Käse, Kunstbutter, 
Oel u. s. w. 
Die Kuhmilch hat zu allen Zeiten und bei allen 
Völkerschaften seit der Urzeit eine grosse Rolle bei 
der Ernährung gespielt. Sie ist das erste Nahrungs 
mittel des Menschen und das einzige, welches alle zum 
Aufbau unseres Körpers in der Jugend notwendigen 
Nährstoffe enthält; sie ist zugleich ein unersetzliches 
Stärkungsmittel für schwächliche Personen und für Ge 
nesende. Aus der Milch stellen wir andererseits von 
den Feinschmeckern hochgeschätzte Delikatesskäse her, 
und selbst berauschende Getränke, wie Kumis und der 
stärkende Kefir, werden aus der Milch gewonnen. 
In einfacher Weise wird der Bedarf an Milch auf 
dem Lande befriedigt. Anders liegt die Sache in den 
Städten, und mit dem Anwachsen der Grossstädte, 
in erster Linie Berlins, ist die Milchzufuhr eine Ange 
legenheit von der höchsten Wichtigkeit geworden. 
Wo einst die Kühe auf der Weide die Nahrung 
für die Erzeugung der Milch suchten, sind in den letzten 
Jahrzehnten grosse Stadtteile und volkreiche Vororte 
erstanden, und Berlin ist genötigt, die Milch aus immer 
weiteren Entfernungen zu beziehen, was die Eisenbahn 
ermöglicht; aus Orten, die bis zu 200 km entfernt sind, 
wird Milch nach Berlin geschafft. Dies ist beispiels 
weise die Entfernung Braunschweigs; daneben kommen 
als weitabliegende Orte in Betracht: Stensch in der 
Provinz Posen (160 km), Meyenburg (120 km), Wilsnack 
(110 km), Seehausen (120 km); auf der Anhalter Bahn 
kommt die Milch nur 35 km weit her. Von der 
»Bahnmilch« unterscheidet man die »Achsenmilch«, 
die auf Landwegen nach Berlin befördert wird und aus 
Entfernungen bis zu 39 km kommt; Zehlendorf bei 
Oranienburg ist der weitestgelegene Ort, der Achsen 
milch nach Berlin liefert. 
Zu Ende der 50er Jahre gab es in Berlin und 
seinen unmittelbaren Vororten keine Kuhställe mehr. 
Da trat bei einem Teile der Berliner Bevölkerung doch 
wieder das Verlangen hervor, frische Stadt-Milch 
direkt aus dem Stalle zu beziehen: 1864 wurden be 
reits wieder fünf Kuhhaltungen in Berlin gezählt, 
1893 397- 
Unter den Kuhhaltungen sind besonders drei, 
welche sich als Milchkuranstalten bezeichnen, hervor 
zuheben: diejenige des Oekonomierats Dr. Hartmann 
in der Invalidenstrasse, die Hellersdorfer Milchkuranstalt 
in der Friedrich Wilhelm-Strasse und diejenige des 
Oekonomierats Grub am Viktoriapark. 
Die Milchmenge, die Berlin verbraucht, betrug nach 
den neuesten Ermittelungen im Jahre 1893 
täglich jährlich 
mit der Bahn eingeführt: 258 510 Lit. 94 552 920 Lit. 
auf Landwegen: 1 93 97 2 » 41 618 780 » 
auseigenenKuhhaltungen: 56013 » 20444745 » 
im ganzen: 508495 Lit. 156616445 Lit. 
Hierbei sind nicht eingerechnet die in Blechbüchsen 
und Flaschen eingeführte Dauermilch und der ebenso 
eingeführte Rahm, welche sich in Berlin bisher keinen 
grossen Eingang zu verschaffen wussten. Auf das 
Hundert entfallen an Bahnmilch 55,12, Achsenmilch 
30,08 und Stadtmilch 14,80. Mithin verhält sich die 
Menge der Stadtmilch zu derjenigen der Achsenmilch 
und der Bahnmilch wie 1:2:4. In Berlin kommen 
etwa 0,20—0,25 Liter täglich auf den Kopf der Be 
völkerung oder 82—83 Liter im Jahre. 
Abgesehen von dem direkten Absatz aus Kuhställen 
wird der V ertrieb der Milch in Berlin durch Milchhändlerund 
Milchpächter besorgt. Das Adressbuch vom Jahre 1896 
führte im ganzen 1702 Milchhändler und 181 Milch 
pächter auf; von den ersteren sind manche gleichzeitig 
auch Milchpächter. Der »Verein Berliner Milchpächter«, 
dem alle grösseren Milchpächter angehören, zählt 370 Mit 
glieder, und wohl ein Viertel der Pächter steht ausser 
halb des Vereins. Ausser von den Milchhändlern wird 
die Milch noch in kleinen Geschäften, Milchläden, 
Bäckerei- und Gemüsekellern verkauft, die meist erst von 
den grösseren Milchpächtern ihre Milch beziehen. Die 
Milchpächter zählen zu den fleissigsten Leuten der Haupt 
stadt. Im Sommer bei Tagesgrauen und im Winter bei 
tiefer Nacht sind sie schon auf den Bahnhöfen mit ihren 
Fuhrwerken anwesend, um die ankommende Milch in 
Empfang zu nehmen und ihren Kunden rechtzeitig 
Morgenmilch zuzuführen. 
Der Verein Berliner Milchpächter hatte im Aus 
stellungspark auf der Ausstellung in einem eigenen, 
270 qm grossen Pavillon eine Meierei mit Dampf 
betrieb und den neuesten Maschinen, wie Kühlapparaten, 
Separatoren, Buttermaschinen, errichtet, in welchem dem 
Publikum Kostproben von frischer Milch, Butter und Käse 
für einen Preis von 10 Pfennig dargeboten wurden —- 
eine sehr anerkennenswerte Veranstaltung! Auf der Erfin 
dung der Centrifuge beruht die heutige Versorgung 
der Städte mit guter, billiger Milch und namentlich 
Magermilch, sowie mit guter Butter; denn diese Ma 
schinen haben es ermöglicht, überall auf dem Lande 
Meierei-Genossenschaften zu begründen und durch die 
so entstandeneKonkurrenz den Preis derButter wenigstens 
im Grosshandel herabzumindern. 
Unsere Milchpächter haben sich die in der Aus 
stellung vorgeführten Neuerungen in ausgedehntem 
Masse zu nutze gemacht, so dass sie in der Lage 
sind, stets ihren Kunden frische Butter zu liefern und
	        
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