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Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Berlin, mehr als irgend ein anderes Gewerbe, darunter 
zu leiden gehabt, dass die in kurzen Zwischenräumen 
immer wiederkehrenden Steuer- und Monopolpläne eine 
fast fortwährende Beunruhigung herbeiführten und das 
Gefühl der Sicherheit bezüglich eines dauernden, ruhigen 
Geschäftsganges fast nie aufkommen Hessen. Zur Ab 
wehr der zahlreichen Versuche, die Tabak- und Cigarren 
industrie entweder unmittelbar zu verstaatlichen oder 
durch dazu geeignete Einrichtungen auf dem Gebiete 
der Steuergesetzgebung im weitestgehenden Masse zu 
schwächen und dadurch monopolreif zu machen, ist seitens 
der deutschen Tabaks-Interessenten, in erster Linie der 
an dem Sitze der Gesetzgebung befindlichen, ein ge 
waltiger Aufwand an Arbeit, Zeit und Kosten geleistet 
worden, der der Geschäftsthätigkeit selbst bedauerlicher 
weise verloren ging. Dass die Industriellen hierbei 
nicht blos ihr einseitiges Sonderinteresse, sondern zu 
gleich den Vorteil der Konsumenten wahrnahmen, 
ergiebt sich aus der Thatsache, dass die Tabaks-Steuer- 
Erhöhung von 1879 den deutschen Tabaks-Konsum 
von 1,86 kg auf den Kopf der Bevölkerung bis auf 
1,5 kg herabgedrückt und dass dieser selbst bis heute 
erst die Ziffer von 1,7 erreicht hat. Dank den er 
wähnten erfolgreichen Bemühungen der Tabaks-Inter 
essenten behufs Abwehr neuer Tabaksbelastungen er 
freuen sich die deutschen Konsumenten im Gegensatz 
zu allen Nachbarländern des Zustandes, dass man bei 
uns für vergleichsweise wenig Geld eine geniessbare, 
gute Cigarre haben kann. Noch neuerdings ist der 
Geschäftszweig, ganz besonders in Berlin durch die 
Verschärfung der Bestimmungen über die Sonntags 
ruhe zu Gunsten der Gast- und Schankwirte geschädigt 
worden, und als fernere Erschwernis wirkt das Verbot 
des Aufsuchens von Bestellungen auf Waren bei Privat 
personen. 
Der Berliner Konsum hat für die Cigarren-Industrie 
und den Cigarren-Handel dadurch anregend gewirkt, 
dass man hier für die Cigarren selbst, sowie bezüglich 
der Einrichtung und Ausstattung der Verkaufsstätten 
die Bethätigung eines verfeinerten Geschmacks im Ver 
gleich mit früheren Zeiten forderte. Neuerdings hat 
in der Hauptstadt und nach ihrem Vorgänge auch in 
der Provinz der Cigarettengenuss in auffälliger Weise 
zugenommen und zur Entwicklung einer bedeutenden 
Cigarettenfabrikation geführt, an der sich Berlin seit 
einigen Jahren in schnell wachsendem Umfange beteiligt. 
Je mehr das völlig grundlose Vorurteil zu Gunsten ge 
wisser ausländischen Cigaretten verschwinden wird, desto 
mehr wird die in Berlin, Dresden und anderen deutschen 
Städten hergestellte Ware zu verdienter Anerkennung 
kommen. Uebrigens besteht in unterrichteten Kreisen 
kein Zweifel mehr daran, dass die deutsche 
Fabrikation feiner Cigarren aus besten Tabaken bereits 
begründete Aussichten hat, das ebenfalls nicht mehr 
haltbare Vorurteil zu Gunsten gewisser im Auslande 
fabrizierten Cigarren, wenn auch nicht ganz, so doch 
zu einem erheblichen Teile zu überwinden; gerade 
Berliner Cigarrenfabrikanten sind an dem siegreichen 
Vordringen der Erzeugnisse des deutschen Gewerbe- 
fleisses besonders stark beteiligt. Störend machen sich 
allerdings seit einigen Jahren die Verwüstung der 
Tabakspflanzungen auf Cuba, wodurch der Havanna 
tabak fast verschwunden ist, und die unerhörte Preis 
steigerung der als Ersatz des Havanna dienenden Tabake 
geltend. 
Noch immer besteht die grosse Mehrzahl der in 
der Tabaksbranche vorhandenen Fabrikationsgeschäfte 
aus Kleinbetrieben: die Zahl der bei der Berufsgenossen 
schaft der Tabaks-Industrie angemeldeten, in Berlin 
selbständig thätigen Gewerbetreibenden beträgt etwas 
über 400 mit rund 1500 Arbeitern, zu denen noch 
etwa 5°° halbselbständige Hausindustrielle, meist in 
den Vororten befindlich, hinzukommen. Der Hand 
betrieb ermöglicht es eben noch, sich in dieser Branche 
auch mit geringen Betriebsmitteln selbständig zu machen. 
Die Zahl der Cigarren-Ladengeschäfte in und bei 
Berlin beläuft sich auf etwa 2400. Für die Gesamt 
branche kommt Berlin namentlich insofern in Betracht, 
als hier mehrere Firmen ihren Sitz haben, die in der 
Provinz fabrizieren, und zwar zum Teil in ausserordentlich 
bedeutendem Umfange. In den Händen dieser Firmen 
liegt ein sehr grosser Teil, wohl mehr als ein Viertel 
des gesamten deutschen Cigarren-Exports. Infolge der 
Güte unserer Fabrikate und der hohen Cigarrenpreise 
in den anderen Ländern wäre eine ansehnliche Steigerung 
unserer Ausfuhr auf diesem Gebiete möglich, wenn sich 
die Gesetzgebung dazu entschliessen wollte, der deutschen 
Produktion durch ausreichende Einrichtungen bezüglich 
der Steuer-Rückvergütung entgegenzukommen. Or 
ganisiert sind die hiesigen Angehörigen des Geschäfts 
zweiges in dem »Verein aller Tabaks-Interessenten für 
Berlin und Umgegend«. 
Auf der Ausstellung war die Branche nur durch 
neun Firmen vertreten, was teils auf die gerade zur 
Zeit der Vorbereitung der Ausstellung im Gange be 
findlichen, die Beteiligten mit Sorgen erfüllenden und 
mit Arbeit belastenden Tabakssteuer-Kämpfe, teils darauf 
zurückzuführen ist, dass die Erzeugnisse des Geschäfts 
zweiges, deren Wert durch die blosse Betrachtung nicht 
festzustellen ist, zu Ausstellungsobjekten wenig geeignet 
sind — die Abgabe von Kostproben war bekanntlich 
verboten. Besondere Erwähnung verdienen die Vor 
führungen der allbekannten Tabakfabrik von Wilh. 
Ermeler & Co., deren Packet - Tabake (Varinas, 
Holländischer Kanaster u. s. w.) und Kau-Tabake ein 
ausserordentlich grosses Absatzgebiet besitzen, und die 
in einem eigenen Kiosk untergebrachten Cigarren 
fabrikate der Firma Carl Martienzen, die sich 
namentlich durch ihre Leistungsfähigkeit in Havanna- 
Handarbeit auszeichnete.
	        
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