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Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Die Fischkonserven waren in der Gruppe X 
nur durch die Firmen W. Merkel Nachf. und C. V. Mor 
tensen vertreten; letztere Firma hat Exportversuche 
gemacht, die befriedigend ausgefallen sind. Viel wich 
tiger war hierfür Gruppe XX. 
Die der Gesundheit so zuträglichen Gemiise- 
und Kompotkonserven sind heute nicht nur ein 
Genuss-, sondern ein sehr beliebtes Nahrungsmittel. 
Leider giebt es keine Statistik über den Verbrauch an 
eingemachten Erbsen, Bohnen, Spargel, Morcheln und 
Champignons; er erreicht gewiss mehr als 500000kg. 
Als ein neuerer Artikel gelangten zur Ausstellung 
Suppen tafeln von Erbsen, Bohnen, Linsen, Reis, 
Gries, Julienne, Grünkern, Hafergrütze u. s. w., die 
gern gekauft werden, da die Zubereitung schnell und 
leicht zu bewirken ist. 
Ebenso verhält es sich mit den Kompotkonserven, 
unter welchen Preisselbeeren, Kirschen, Pflaumen, rote 
Rüben, Melonen, Kürbis, Senf- und Zuckergurken ver 
standen werden. Während früher die Zufuhr z. B. von 
Preisselbeeren aus Schlesien jährlich kaum tausend 
Zentner betrug, hat sie sich seit einigen Jahren da 
durch, dass die Eisenbahnverwaltung sich entschloss, 
frische Beeren aus weiter Ferne in Eilziigen für ge 
wöhnliche Fracht zu befördern, ausserordentlich ge 
hoben. Gegenwärtig gelangen Wagenladungen in 
offenen Behältern aus dem Fichtelgebirge, aus Han 
nover und aus Pommern hierher. In neuerer Zeit ent 
deckte man auch den ungeheuren Reichtum des Nordens 
an Beerenfrüchten. In den letzten Jahren hat der Im 
port aus Schweden, Norwegen und Finnland einen 
derartigen Aufschwung genommen, dass im September 
kaum ein Dampfer in Stettin, Stralsund und Lübeck 
eintrifft, der nicht mehrere Wagenladungen Krons 
beeren an Bord hat. Diese werden von unternehmenden 
Kaufleuten genussfertig, d. h. meistens süss, eingekocht 
und so an Wiederverkäufer abgegeben. Die Ver 
packung geschieht in Postfässchen von 10 Pfund oder 
in Patentfässern von 25—100 Pfund; ferner in Patent 
gläsern und Blechbüchsen. 
Auch Senf- und Zuckergurken haben sich zu einem 
achtbaren Artikel entwickelt; sie kommen meist aus 
der Lausitz, Schlesien u. s. w. 
Einen neueren Artikel stellen Melonen und Kürbis 
dar; sie werden in kleine Kugeln geschnitten und dann 
präpariert. Es giebt hier Geschäfte, welche auf diese 
Art in jedem Herbst mehrere tausend Zentner ver 
arbeiten. 
In allen diesen Artikeln hat sich nicht nur ein 
sehr umfangreiches Platzgeschäft entwickelt, sondern 
sie werden auch nach England und Nordamerika ex 
portiert; ferner geht viel nach den deutschen Kolonieen 
in Afrika, nach Transvaal u. s. w. Anlässlich der Ber 
liner Gewerbe-Ausstellung sind viele Verbindungen mit 
London und Petersburg angeknüpft worden; es ist zu 
hoffen, dass die Branche sich noch bedeutend weiter 
ausdehnen wird. Die Verarbeitung wird ganz fabrik- 
massig betrieben, wodurch die Herstellung des Dauer- 
kompots bedeutend billiger ist als im Haushalt. Der 
Umsatz einiger Häuser beträgt mehrere hunderttausend 
Mark jährlich. 
Auf der Ausstellung waren die Erzeugnisse dieses 
Gewerbezweiges in vollendeter Beschaffenheit und Aus 
stattung vertreten; namentlich durch die Firmen Franz 
Hellwig & Co., Moral, Berlin-Werdersche Früchte 
konservenfabrik, Emil Schwabe, Berliner Konserven 
fabrik Louis Lejeune, C. Ewers. 
Viele von den ausgestellten Artikeln waren neu 
oder doch noch nicht im Publikum bekannt. Schon 
aus diesem Grunde hat die Ausstellung den Beteiligten 
und dem Allgemeinwohl zweifellos erheblichen Nutzen 
gebracht. 
Cichorien. 
An der Berliner Gewerbe-Ausstellung haben sich 
auch die hiesigen Cichorienfabrikanten beteiligt, deren 
Absatz sich ausser auf Deutschland noch auf Oesterreich- 
Ungarn, Belgien, Holland, Frankreich u. s. w. erstreckt. 
Die Cichorie, auch Feldwegewart genannt, wurde 
schon im vorigen Jahrhundert angebaut, nachdem man 
die Verwendbarkeit der Cichorienwurzel zur Bereitung 
des bekannten Kaffee-Ersatzmittels erkannt hatte. Für 
die deutsche Landwirtschaft ist die Cichorie von grosser 
Bedeutung; im Deutschen Reiche werden etwa 11 000 ha 
mit Cichorienwurzeln bebaut, die zusammen einen Er 
trag von 2 bis 3 Millionen Doppelzentnern liefern. Wert 
voll ist die Cichorie namentlich als eines der verbreitetsten 
Mittel zur Einschränkung des Branntwein - Konsums; 
norddeutsches Gewächs wird bevorzugt, besonders das 
jenige aus Sachsen, Braunschweig, Brandenburg und 
Pommern, da die hier gewonnene Wurzel an Güte und 
Bitterstoffgehalt sämtliche ausländischen Sorten, bei 
spielsweise die neuerdings in stärkerem Umfange an 
gebaute österreichische, bei weitem übertrifft. 
Die Fabrikation erfolgt in der Weise, dass die 
Cichorienwurzel vom Kraut, das ein gutes Viehfutter 
giebt, abgetrennt, in Waschtrommeln gereinigt und 
in kleine Stücke geschnitten wird; diese werden dann 
auf Dörren getrocknet und in grossen Trommeln ge 
röstet, bis sie die dunkelbraune Farbe des gebrannten 
Kaffees erreicht haben, und endlich fein gemahlen oder 
geschrotet; das Fabrikat wird rein oder vermischt 
mit gebranntem Roggen, Feigen u. s. w. unter den 
verschiedensten Namen und in den mannigfachsten 
Verpackungen in den Handel gebracht. 
Die Berliner Gewerbe-Ausstellung bot einen vor 
züglichen Ueberblick der Cichorien- und verwandten 
Kaffeesurrogat-Produktion. Neben der eigentlichen 
Cichorie sah man Hohenzollern-Kaffee-Zusatz, Kaiser 
marke u. a. m. Ausgestellt hatten eine auf Aktien
	        
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