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Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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wicklung des Brauwesens ist auch die Thatsache, dass 
1872 Berlins Biererzeugung 8,8 pCt. der Produktion 
von ganz Norddeutschland ausmachte, dagegen 1896 
nahezu 11 pCt. Bedeutsam ist auch die grosse Zahl der 
Aktienbrauereien (22), deren gesamtes Aktienkapital 
den stattlichen Betrag von 50 Millionen Mark reprä 
sentiert. Die Rentabilität derselben, soweit sie sich in 
den gezahlten Dividenden kundgiebt, schwankte in den 
letzten 7 Jahren zwischen 5,39 und 7,92 pCt. im Durch 
schnitt. 
Besonders charakteristisch für die Berliner Brauerei 
ist das hoch entwickelte Geschäft der Brauereien mit 
Flaschenbier. Ohne den von Bierverlegern und 
anderen Händlern in sehr grossem Umfange selbständig 
betriebenen Flaschenbierabzug und -Handel wurden 
allein von den Lagerbierbrauereien jährlich an hundert 
Millionen Flaschen mit Bier vertrieben; im ganzen wird 
ungefähr 1 /t des Berliner Biers in Form von Flaschen 
bier genossen. Durch die allgemein gute Qualität 
und den sehr massigen Preis dieses Biers ist es den 
Berliner Brauereien gelungen, den normalen Biergenuss 
in immer weiteren Kreisen der Bevölkerung heimisch 
zu machen und so den Branntweinkonsum erheblich 
zurückzudrängen. 
Mit den mächtigen süddeutschen Gewerbsgenossen er 
folgreich wetteifernd, haben auch die Berliner Brauereien 
teilweise beträchtliche Mittel für die Einrichtung eigener, 
anständig ausgestatteter Ausschankstätten aufge 
wendet. Des ferneren dürfte kaum eine zweite Stadt 
im deutschen Reich eine absolut und relativ so hohe 
Zahl von Brauereien aufweisen, die in ihren Baulich 
keiten und technischen Ausstattungen mit allem tech 
nischen Zubehör eingerichtet und in ihrer Art als 
Sehenswürdigkeiten zu bezeichnen sind. Demgemäss 
ist auch Berlin einer der ersten Plätze für die zahl 
reichen mit der Brauerei hochgekommenen Hilfs- 
industrieen. Berlin ist der Sitz mehrerer der grössten 
Brauerei-Maschinen- und Fassfabriken; wohl alle be 
deutenden Brauereibedarfsfirmen Deutschlands unter 
halten in Berlin Filialen. 
Auch als Handelszweig haben die Berliner Braue 
reien grosse Bedeutung. Sie nehmen durch Vermittlung 
des Handels jährlich annähernd eine Million Doppel- 
centner Gerste und 9—10 000 D.-Ctr. Hopfen auf, deren 
Gesamtwert unter Zugrundelegung der verhältnismässig 
niedrigen Preise des letzten Jahres dennoch die ge 
waltige Summe von zusammen ca. 20 Millionen Mark 
darstellt. An diesem Wertumschlag partizipiert übrigens 
die deutsche Landwirtschaft zum weitaus grösseren 
Teile, ungerechnet den ihr ebenfalls entnommenen Futter 
bedarf der Berliner Brauereien für ihren starken Pferde 
bestand. 
Sozialpolitisch wird die Bedeutung der Berliner 
Brauereien u. a. gekennzeichnet durch ihren fast 
SYa Tausend betragenden unfallversicherungspflichtigen 
Personalbestand, dessen jährlicher Lohnbezug sich auf 
ca. 5 Millionen Mark im ganzen beziffert. 
Naturgemäss weist die Berliner Brauindustrie auch 
einen weitverzweigten Fernabsatz auf, doch beträgt der 
örtliche Verbrauch immer noch ca. 90 pCt., während 
daran zu 5 bis 7 pCt. die süddeutschen und österrei 
chischen (böhmischen) Exportbrauereien beteiligt sind. 
Leider geben die zur Verfügung stehenden statistischen 
Verkehrszahlen kein klares Bild hierüber, da in den 
Einfuhr- und Ausfuhrzahlen des Eisenbahnverkehrs viel 
fache Durchfuhren nach bezw. von Niederlagen ent 
halten sind und da ferner ein erheblicher Teil des 
Berliner Biers mittelst Achse in die umliegende Provinz 
verführt wird. Nur unter diesem Vorbehalt mögen die 
nachstehenden Angaben hier Platz finden. Nach den 
Berichten der Aeltesten der Kaufmannschaft betrug in 
Berlin in den Jahren 
die Biereinfuhr 
die Bierausfuhr 
hl 
hl 
1890 
261 827 
269 790 
1891 
275 215 
284 119 
1892 
269 407 
336 452 
1893 
284 101 
35i 786 
1894 
364 564 
408 031 
1895 
332 306 
490 310 
Hierbei ist zu bemerken, dass sich unter der nach 
Berlin gekommenen Menge 191 333hl (1893/94: 214044hl) 
befanden, die aus Süddeutschland (Anhalter Bahnhof) 
kamen. Soviel ist jedenfalls aus vorstehenden Zahlen zu 
entnehmen, dass die Entwicklung des Fernabsatzes der 
Berliner Brauereien stärker gewesen ist als die der 
Importkonkurrenz, für deren Zunahme in den letzten 
Jahren zum Teil übrigens Ausnahme-Verhältnisse, wie 
der Bierboykott von 1894, mitbestimmend gewesen 
sind, die naturgemäss nicht von Bestand sind. Eine 
allmähliche Verlangsamung der Einfuhrsteigerung, be 
sonders der bayerischen »echten« Biere, ist unverkenn 
bar; die Konkurrenz der von der Mode immer noch 
bevorzugten Pilsener Biere können die Berliner Brauereien 
mit Zuversicht hoffen über kurz oder lang siegreich 
zurückzudrängen, da sie in der glücklichen Lage sind, 
dem biertrinkenden Publikum ein eigenes Erzeugnis 
»nach Pilsener Art« zu bieten, das dem Original-Pilsener 
gegenüber unbestreitbare Vorzüge aufweist: die wün 
schenswerte allgemeine Erkenntnis dieser Thatsache 
beginnt sich im Publikum bereits ersichtlich Bahn zu 
brechen. 
Erwähnt sei endlich, dass Berlin der Sitz des 
grössten deutschen Brauerei - Vereins ist, dessen 
»Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei« im Verein mit 
den zugehörigen Betriebsanlagen die hervorragendste 
wissenschaftlich - technische Centrale des Brauwesens 
darstellt. 
Die Gewerbeausstellung des Jahres 1896 be 
zeichnet für die Berliner Brauerei eine bedeutsame
	        
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