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Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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sie daher lieber sich der teuren, aber besseren und 
preiswerten Ware zuwenden mögen. Hervorgehoben 
mag noch werden, dass gerade für die feinere Ware 
sich die Berliner Industrie in der letzten Zeit auch be 
müht hat, auf eine geschmackvolle, vornehme, jeder 
Tafel zur Zier gereichende Ausstattung Wert zu legen 
— was allerdings auch auf den Preis von Einfluss ist —, 
während bei der billigeren, für den Massenverbrauch 
bestimmten Ware unter dem Streben nach Eigenartigkeit 
der Aufmachung oft der gute Geschmack zu leiden hat. 
In den letzten Jahren hat sich die deutsche und 
mit ihr auch die Berliner Branntwein-Industrie nicht 
ohne Erfolg einem Betriebszweige zugewandt, in welchem 
bisher die weinbautreibenden Länder, allen voran Frank 
reich, die Alleinherrscher waren, nämlich der Cognac 
bereitung. Unter Cognac — der Name wird von der 
in der Charente gelegenen Stadt Cognac, dem Mittel 
punkte der französischen Weinbrennerei, abgeleitet — 
versteht man ein durch Verarbeitung von Wein er 
haltenes alkoholisches Destillat. Die Weindestillate 
zeigen insgesamt ein eigentümliches, an Wein er 
innerndes Aroma, durch welches sie sich von den an 
deren Materialien entstammenden Branntweinen in vor 
teilhafter Weise unterscheiden. Diese Eigentümlichkeit 
der Weinbranntweine ist durch die Gegenwart ge 
wisser, noch nicht genau charakterisierter Aether- und 
Bouquetstoffe bedingt, welche zum Teil schon im Wein 
vor seiner Verarbeitung gegenwärtig sind, sich aber 
wohl auch während des Abtreibungs- (Destillations-) 
Prozesses vermehren und beim Lagern des Weines 
weitgehende chemische Prozesse, fortwährend chemische 
Veränderungen erleiden, die dem Erzeugnisse auf dem 
Markte einen noch höheren Wert verleihen. 
Es ist leicht erklärlich, dass diejenigen Länder, 
welche den Weinbau in ausgedehntestem Masse be 
treiben und in ihm einen wesentlichen Faktor ihres 
Nationalwohlstandes erblicken, vornehmlich in der Lage 
sind, hinreichende Mengen des zur Herstellung der 
Weinbranntweine notwendigen Rohmaterials, des 
Weines, zu erzeugen und zu verwerten. Dies gilt in 
erster Linie für Frankreich, von dem die Wein 
brennerei ausging, und welches lange Jahre hindurch in 
Bezug auf die Menge und Güte der von ihm auf den Markt 
gebrachten Produkte von keiner Seite übertroffen wurde. 
Welchen Umfang die französische Cognac-Industrie 
besitzt, mögen folgende einer französischen Quelle ent 
nommenen Zahlen zeigen. In den Jahren 1861 —1880 
wurden aus 88813 I2 4 hl Wein 12682246 hl Brannt 
wein hergestellt; als dann 1878 die Phylloxera die 
französischen Weinberge vernichtete, ging naturgemäss 
auch die Weinbrennerei zurück, so dass in der 
Periode von 1881—1891 aus 15 441 895 hl Wein nur 
1 692 441 hl Branntwein hergestellt wurden. Diese 
Erzeugung reichte für die Befriedigung des regelmässigen 
Verbrauchs in Frankreich und im Auslande nicht aus 
und wenn auch die aus der Zeit der starken Produktion 
übrig gebliebenen Bestände, deren Menge für 1880 auf 
6760766 hl, d. h. 676 Mill. Liter, angegeben wird, für 
den Ausfall der Produktion Deckung gaben, so waren 
doch diese Bestände zu kostbar und teuer, um sie 
namentlich für die billiger abzugebenden Sorten ver 
werten zu können. Es hat sich daher unter diesen 
Verhältnissen die Gewohnheit, mit anderem Sprit ver 
schnittene Cognacs oder künstlich hergestellte Cognacs 
in den Verkehr zu bringen, auch in Frankreich stark 
eingebürgert. Der Rückgang der französischen Cognac- 
Industrie gab aber auch anderen Weinländern, nament 
lich Italien, Californien, Ungarn, Portugal und neuer 
dings auch Spanien, welches in den letzten Jahren 
nach Verbesserung der französischen Weinberge und 
durch die französische Zollgesetzgebung in seiner 
Ausfuhr nach Frankreich stark zurückgegangen ist, 
Veranlassung, sich der Weinbrennerei zuzuwenden, und 
einige dieser Fabrikate, z. B. die portugiesischen, haben 
in letzter Zeit sowohl in Deutschland, als auch in 
England sich langsam Eingang verschafft. 
Auch in Deutschland fing man, nachdem am Rhein 
der Anfang gemacht war, allmählich an, sich der Her 
stellung des Cognac, der Weinbrennerei in grösserem 
Masse zu widmen, und aus der amtlichen Statistik 
lässt sich erkennen, dass sich die Verarbeitung von 
Wein auf Cognac immer weiter entwickelt. Nach amt 
lichen Mitteilungen wurden in Deutschland auf Brannt 
wein (Cognac) verarbeitet: 
1887/88 . 
3848 hl Traubenwein 
1888/89 • 
3833 » » 
1889/90 . 
. 2981 » » 
1890/91 
. 8965 * * 
1891/92 . 
11 301 » » 
1892/93 . 
■ 1S 743 » » 
1893/94 . 
. 22 119 » » 
1894/95 . 
. 22613 » » 
1895/96 . 
. 27 706 » » 
Es lassen also diese Zahlen eine fortdauernd ge 
steigerte Produktion an deutschem Cognac erkennen. 
Zur Herstellung von deutschem Cognac, welche Industrie 
ihren Sitz ausser am Rhein namentlich in einigen 
grossen Fabriken Schlesiens (Grünberg) und Sachsens 
hat, werden ausser einheimischen Weinen auch vielfach 
ausländische, vornehmlich italienische Weine verbraucht. 
Namentlich wird aber auch viel Cognac aus vom Aus 
land eingeführten und in Deutschland gekelterten 
Trauben gewonnen; es steigt daher auch die Einfuhr 
von Weintrauben zur Weinbereitung und Cognac 
brennerei zunehmend. Es wurden nämlich zu diesen 
Zwecken eingeführt: 
1893 91 503 Doppel-Ctr. Weintrauben 
1894 86441 » » 
1895 14033 6 » » 
1896 101 026 » »
	        
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