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Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Ausstellung^-Pavi llon der Firma Sarotti (Hoffmann & Tiede). 
auffinden lässet, wird das Branntweinbrennen aus Korn 
zuerst in der verbesserten Mahlacciseordnung von 1618 
unter Kurfürst Johann Sigismunds Regierung gedacht, 
und es scheint, dass es in der Mark nicht so bald all 
gemein geworden als in anderen Ländern, indem man sich 
hier an die Clarete und bitteren Weine zu sehr gewöhnet 
hatte und den Kornbranntwein nicht sonderlich achtete«. 
Im Laufe des 17. und in der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts tritt dann eine grössere Entwicklung 
der Branntweinbrennerei in Berlin ein, und auch die 
Liqueurfabrikation kommt zu stärkerer Ausbildung. 
Friedrich Nicolai giebt in seiner im Jahre 1786 er 
schienenen »Beschreibung der Königlichen Residenz 
städte Berlin und Potsdam« über die Lage der Brannt 
weinindustrie folgenden Bericht: »Einige treiben die 
Branntweinbereitung sehr ins grosse, besonders Ludwig 
George in der Zimmerstrasse und Benjamin Claude 
in der Französischen; deren Brennerei und ansehn 
liches Lager auch für einen Fremden wohl sehenswert 
ist.« Im Jahre 1784 gab es in Berlin 53 Branntwein 
brenner, 8 Branntweinschenker und ausserdem 148 Destil 
lateure, welche aus gewöhnlichem Branntwein feinere 
Arten und Liqueure bereiten. Die Liqueurfabrikation 
namentlich scheint sich um diese Zeit, zum Teil unter 
dem Einflüsse der französischen Refugies in Berlin fort 
schreitend entwickelt zu haben, wie aus einem Berichte 
vom Jahre 1753 hervorgeht. Es wird dort erwähnt, 
»dass ein Herr Noris auf der Friedrichstadt in der 
Bärenstrasse durch die Zeitungsblätter bekannt machte, 
er habe extra feine Liqueure, als Parfaite Arnour, Fleur 
d’Orange, Crema de Barbade, Oskubade, Persico u. s. w., 
zu verkaufen.« Es heisst dann weiter: »dergleichen 
fremde Benennungen gebrannter Wasser seien zuvor in 
Berlin nicht bekannt gewesen oder hätten nicht im all 
gemeinen Gebrauch gestanden .... Die übrigen Be 
nennungen der Brandweine, als Anis, Kümmel, Nuss, 
Magen sind älter und länger allhier gewöhnlich ge 
wesen. Diese Sorten dienten auch zum gemeinen 
Getränke des Bürgers, der nun aber nach besserer 
Gattung solcher vermeintlichen Stärkung des Magens 
und des Leibes strebte, wobei die fremden Namen mit 
Verzuckerungen der Landesprodukte mächtige Em 
pfehlungen waren.« 
Auch über die damaligen Branntwein- und Liqueur- 
preise liegen Angaben vor; es ergiebt sich daraus, dass 
namentlich mit Rücksicht auf den höheren Wert des 
Geldes und die gegen heute wesentlich geringere 
steuerliche Belastung des Branntweins das Gewerbe der 
Branntweinbrennerei und Liqueurfabrikation damals 
wesentlich einträglicher gewesen sein muss, als jetzt. 
Nach der Berliner Taxe vom 31. Mai 1764 wurde nämlich 
bezahlt für ein Quart guten Kornbranntwein 3 Groschen, 
für einmal mit Kümmel, Anis u. s. w. abgezogenen 
Aquavit 5 bis 6 Groschen, für Ratafia, Parfait amour 
1 Reichsthaler 8 Groschen, und für Franzbranntwein 
22 Groschen bis 1 Reichsthaler. 
Die eigentliche Branntweinbrennerei, d. h. die Her 
stellung des Branntweins aus dem Rohmaterial (Getreide) 
selbst, ging aber bald wieder in Berlin zurück, so dass 
sich im Jahre 1820 nur noch gegen 50 Brennereien 
hier befanden, welche vorzugsweise in den beiden 
Hamburgerstrassen, der Steinstrasse, der Mulackstrasse, 
den Schönhauserstrassen und in der Lindenstrasse an 
sässig waren, und ausschliesslich aus Korn und Malz 
Branntwein herstellten. 
Schon im Jahre 1855 war die Anzahl in Berlin 
betriebener eigentlicher Brennereien auf sechs herunter- 
gegangen. Dieser Rückgang ist dem Entstehen der
	        
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