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Gruppe IX. Chemische Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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ist dies der Fall. Man konnte dies auf das Deutlichste 
an den zahlreichen Ausstellungen dieser Branche be 
obachten. Die Berliner Industrie hat von alters her 
einen gewissen Ruf für die Erzeugung von Parfüms, 
aber bis vor kurzem bestand dieselbe im wesentlichen 
doch nur darin, die in dem blumenreichen Südfrank 
reich gewonnenen Extraits in passender Weise zu 
sammenzumischen. Heute herrschen diejenigen Par 
füms, welche künstlich auf synthetischem Wege be 
reitete Riechstoffe enthalten. Nicht der Geschmack 
des Publikums ist die treibende Kraft, welche es ver 
ursacht, dass die Wohlgerüche des Veilchens, des 
Flieders, des Heliotrops in grösseren Mengen erzeugt 
und gekauft werden, als irgend welche andere. Das 
Publikum hat hier nur insofern mitgewirkt, als es er 
kannt hat, dass die Parfüms, welche diese Namen tragen, 
die ausgiebigsten, frischesten und dem Duft der Blumen 
selbst ähnlichsten sind. Diese Vorzüge aber sind er 
reicht durch Verwendung der synthetisch hergestellten 
Riechstoffe, welche Quellen entstammen, die mit 
den genannten Blumen nichts zu thun haben. Die 
Fabrikation dieser Riechstoffe aber erfolgt heute in 
überwiegender Menge in Deutschland, dem Umstande 
entsprechend, dass der Berliner Forscher Professor 
Ferdinand Tiemann und seine Schüler diejenigen sind, 
welche bahnbrechend auf diesem Gebiete gewirkt haben. 
Aehnlich verhält es sich mit den Haarbleich- und 
Färbemitteln. Auch hier sind die alten, rein empiri 
schen Rezepte als unzulänglich befunden worden, denn 
teils hielten sie nicht, was sie versprachen, teils erwies 
sich ihre Anwendung als nachteilig für die Gesundheit. 
Heute wird als Haarbleichmittel ausschliesslich das be 
reits früher erwähnte Wasserstoffsuperoxyd verwandt, 
während zum Färben der Haare ein Teerpräparat, das 
»Ursol«, Verwendung findet, dessen Fabrikation im 
grossen Massstabe von der Berliner Aktiengesellschaft 
für Anilinfabrikation betrieben wird. Dieses Produkt 
wird indessen keineswegs blos zum Färben mensch 
licher Haare verwandt, sondern findet auch noch weit 
ausgedehntere Anwendung für die Färberei von Pelzwerk. 
Nicht vergessen dürfen wir endlich die Puder und 
Schminken. Auch hier ist ein wichtiger Fortschritt 
erreicht worden, und zwar ganz besonders durch die 
Initiative einer Berliner Firma, L. Leichner. Die früher 
bei der Herstellung von Puder und Schminken vielfach 
benutzten Bleipräparate sind namentlich bei regel 
mässigem Gebrauch unbedingt schädlich für die Ge 
sundheit. Die Firma Leichner hat sich seit einer Reihe 
von Jahren die Aufgabe gestellt, Puder und Schminken 
in erster Linie für den Gebrauch des Theaters herzu 
stellen, welche von schädlichen Bestandteilen frei sind. 
Es ist bekannt, von wie grossem Erfolge dieses an 
erkennenswerte Streben gekrönt war. 
Hiermit könnten wir die Schilderung der Fort 
schritte der chemischen Industrie, soweit sie auf der 
Berliner Gewerbe-Ausstellung zur Geltung kamen, ab- 
schliessen, wenn wir nicht noch eines Gewerbszweiges 
gedenken müssten, der zwar keine chemischen Produkte 
erzeugt, dessen Thätigkeit aber doch untrennbar von 
der Betrachtung chemischer Arbeit ist und der daher 
mit Recht der Gruppe IX einverleibt worden war. Es 
ist dies die Fabrikation chemischer Apparate, welche 
seit Jahrzehnten in Berlin zu ausserordentlicher Bedeu 
tung sich entwickelt hat. Die Bedürfnisse des Chemi 
kers in seinem Laboratorium sind so vielfältig, die 
Anwendung chemischer Untersuchungsmethoden ist in 
so vielen Geschäftsbetrieben erforderlich, dass die 
Fabrikanten chemischer Apparate einen ausserordentlich 
vielseitigen Betrieb unterhalten müssen. Schon seit einer 
Reihe von Tahren hat sich daher auch auf diesem 
Gebiete eine gewisse Arbeitsteilung geltend gemacht. 
Diese kam auch auf der Gewerbe-Ausstellung deutlich 
zum Ausdruck. Während einzelne Firmen hauptsächlich 
aus der Herstellung richtig geformter und genügend 
widerstandsfähiger Glaswaren eine Spezialität machen, 
wenden sich andere mehr der Erzeugung metallener 
Instrumente und Apparate zu, wieder andere haben 
sich auf den Bau der ausserordentlich empfindlichen 
Wagen gelegt, deren der Chemiker bei seinen Arbeiten 
bedarf. Auf allen diesen Gebieten kam die grosse 
Leistungsfähigkeit der Berliner Industrie zu vollkommen 
stem Ausdruck. Firmen, wie Schmidt & Haensch, 
Jülius Schober, Warmbrunn, Quilitz & Co., Kaehler & 
Martini, Gustav Christ und viele andere, deren Auf 
zählung hier zu weit führen würde, können mit Recht 
darauf Anspruch machen, in ihren Leistungen• als un 
übertroffen bezeichnet zu werden. Sie folgen mit 
regem Interesse den Fortschritten der chemischen 
Wissenschaft, unternehmen oft mit erheblichen Opfern 
die Herstellung jedes neuen, in der wissenschaftlichen 
Litteratur beschriebenen Apparates und tragen auf 
diese Weise das Ihre bei zu einer raschen und immer 
glänzenderen Entwicklung der Chemie. 
Blicken wir noch einmal zurück auf das, was in 
dem Chemiegebäude zu Treptow uns entgegentrat. 
Seine weiten Säle, angefüllt mit wohlgeordneten ein 
zelnen Ausstellungen, der sich anschliessende wissen 
schaftliche Hörsaal in der Rotunde — sie bildeten ein 
einheitlichesGanzes, welches mehr vermochte,als uns blos 
eine in blühendem Zustande befindliche Industrie vor 
Augen zu führen. Wir stehen hier vor dem Resultat 
einer grossartigen und von höheren Interessen als 
dem blossen Streben nach Erwerb beseelten nationalen 
Arbeit. Entsprungen aus dem idealen Ringen nach 
rein wissenschaftlicher Erkenntnis, hat sich die deutsche 
chemische Industrie aus kleinen Anfängen allmählich 
zu solcher Höhe emporgearbeitet, dass ihre Grösse, 
wo immer es auch sei, willig anerkannt wird. Aber 
sie hat in diesem Erfolge bis jetzt nur den Sporn 
zu immer neuer Arbeit, zu immer grösserem Fort
	        
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