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Gruppe IX. Chemische Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Namen »Olein« verschiedene Verwendungen in der 
Technik gefunden; früher war dieses Olein ein höchst 
unerquickliches Produkt. In Treptow aber konnten 
wir es als ein vollständig reines Oel von hellgelber 
Farbe und gesteigerter Verwendbarkeit begriissen. Die 
letzten Jahre haben ferner eine sehr viel grössere 
Sicherheit in der Gewinnung solchen Stearinmaterials 
gebracht, welches dauerhafte und zum Brechen wenig 
geeignete Kerzen liefert. Sicherlich ist es schon 
weiteren Kreisen aufgefallen, dass man heute weit 
seltener als früher zerbrochene Kerzen in die Hand 
bekommt. Derartige Fortschritte, welche für die Ent 
wicklung einer Industrie von einschneidender Bedeutung 
sind, Hessen sich auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung 
bei beiden ausstellenden Firmen beobachten und dies 
um so mehr, weil beide es unternommen hatten, die von 
ihnen vertretene Industrie in voller Thätigkeit den Be 
suchern vorzuführen. Was nun die Seifenindustrie an 
belangt, so hatten sich die zahlreichen Berliner Seifen 
fabriken zu einer gemeinsamen Gruppenausstellung ver 
einigt und führten ihre Erzeugnisse in Form grosser, 
zu einer Pyramide aufgetürmter Blöcke den Beschauern 
vor Augen. Diese Seifen entsprachen den strengsten 
Anforderungen. Auch das Nebenprodukt beider Fett- 
industrieen, das Glycerin, war auf der Ausstellung ver 
treten. Es ist noch nicht so lange her, dass wir diesen 
Körper im Zustande vollkommenster Reinheit kennen 
gelernt haben. Seine eigenartige Natur, die ihn von 
fast allen anderen Substanzen scharf unterscheidet, 
erklärt es, dass die Technik verhältnismässig lange 
gebraucht hat, ehe sie volle Meisterschaft über ihn er 
langte. Das heute am meisten geübte Reinigungs 
verfahren besteht in der Destillation mit stark über 
hitztem Wasserdampf. Die Raffination von Glycerin 
wird in Berlin von mehreren Fabriken betrieben, 
darunter auch von den beiden genannten Stearin 
fabriken. 
Wir können die Fettindustrie nicht verlassen, ohne 
einiger eigentümlichen Produkte zu gedenken, durch 
welche in jüngster Zeit unsere Technik bereichert 
worden ist. Das eine derselben ist das Lanolin, ein 
eigentümliches, durch seine Unverseifbarkeit aus 
gezeichnetes Fett, welches in der Natur sehr weit ver 
breitet, in grösserer Menge aber nur in dem Woll- 
schweiss der Schafe enthalten ist. Obgleich nun schon 
den alten Griechen bekannt war, dass das Wollfett ein 
wertvolles Produkt ist, so war doch seine Verwendung 
vollkommen in Vergessenheit geraten, und Tausende 
von Zentnern Wollfett verunreinigten in den Abwässern 
der Wollwäschereien die Wasserläufe. Die Firma 
Benno Jaffic & Darmstädter in Berlin hat es zuerst 
unternommen, das Wollfett aus diesen Waschwässern 
wiederzugewinnen und in einen solchen Zustand der 
Reinheit überzuführen, dass es zahlreicher Verwendungen 
fähig wurde. Die grossen Schwierigkeiten, die sich 
diesem Unternehmen entgegenstellten, sind heute 
glücklich überwunden und das Lanolin ist schon seit 
einigen Jahren ein wertvolles Rohmaterial der Phar- 
rnacie und Kosmetik geworden. Eine der wichtigsten 
Eigenschaften des Lanolins, welche dasselbe von allen 
anderen Fetten scharf unterscheidet, besteht darin, sich 
mit Wasser beliebig mischen zu lassen. Gerade da 
durch ist das Lanolin sehr wertvoll geworden und in 
dieser Form des wasserhaltigen »Lanolincremes« fanden 
wir dasselbe auch in Treptow, sowohl in der Schau 
stellung der oben genannten f'irma, als auch in zahl 
reichen Vitrinen von Ausstellern aus dem Gebiete der 
Kosmetik. 
Das zweite neue Produkt, welches wir hier nicht 
vergessen dürfen, ist das Ceresin, ein eigentümlicher 
Ersatz des für viele Zwecke zu kostspieligen Bienen 
wachses. Dieses letztere ist insofern den Fetten 
analog, als es wie diese zu der chemischen Körper 
klasse der Aether gehört. Obgleich nun das Ceresin 
ganz anders zusammengesetzt und als echter Kohlen 
wasserstoff dem Paraffin und Petroleum am nächsten 
verwandt ist, so ist es doch in seiner ganzen äusseren 
Erscheinung und in seinen physikalischen Eigenschaften 
dem Bienenwachs so ähnlich, dass es äusserst schwierig 
ist, beide voneinander zu unterscheiden. Das Ceresin 
ist ein Produkt des Mineralreiches. Es wird durch ein 
Reinigungsverfahren aus dem Ozokerit oder Erdwachs 
gewonnen, von welchem in Galizien seit etwa 20 Jahren 
fast unerschöpfliche Lager ausgebeutet werden. Während 
früher die Ozokeritraffinerieen fast ausschliesslich in 
Wien sich befanden, hat seit kurzem die Firma 
Grab & Kranich auch in Berlin eine derartige Fabrik 
errichtet, deren Erzeugnisse in verschiedenster Weise 
hergestellt und mehr oder weniger gefärbt alle ver 
schiedenen Abarten des rohen, gebleichten und ge 
färbten Wachses täuschend nachahmen. Namentlich 
für die Herstellung von Wachskerzen ist der Ozokerit 
vorzüglich geeignet, während für gewisse andere Ver 
wendungen, bei denen die chemische Natur des 
Wachses eine Rolle spielt, das echte Bienenwachs sich 
wohl nicht wird ersetzen lassen. 
Ein anderes neues Produkt, welches dem Ozokerit 
sehr nahe verwandt ist, ist das durch Eindampfen von 
Rohpetroleum und nachfolgende Reinigung gewonnene 
Vaselin. Dasselbe wird hauptsächlich in Amerika ge 
wonnen, doch besitzt die Cheseborough Manufacturing 
Company, welche sich mit dieser neuen Industrie be 
schäftigt, auch eine Niederlassung in Berlin, welche 
indessen nur die endgiltige Reinigung des aus Amerika 
importierten Rohproduktes betreiben dürfte. 
Auch auf dem Gebiete der Kosmetik und Par 
fümerie haben sich neue Prinzipien geltend gemacht. 
Man sollte meinen, dass dieses Gebiet weniger als 
andere dazu angethan sei, durch die moderne wissen 
schaftliche Chemie beeinflusst zu werden. Trotzdem
	        
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