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Gruppe IX. Chemische Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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für die Herstellung kostbarer Metallsalze. In einer 
langen Reihe sehen wir Silber-, Gold-, Platinsalze in 
grosser Mannigfaltigkeit. Ein besonders bemerkens 
wertes Erzeugnis dieser Art bilden die beiden Produkte 
Glanzgold und Glanzplatin. Dieselben sind allerdings 
sehr unscheinbar; sie stellen sich als dunkel gefärbte, 
dicke Flüssigkeiten dar und bestehen aus Lösungen ge 
wisser Gold- und Silberpräparate in gewissen verharzten 
Oelen. Diese Glanzmetalle haben die Fähigkeit, auf 
Glas und Porzellan aufgetragen, beim nachfolgenden 
Einbrennen in der Muffel eine spiegelglänzende Schicht 
des in ihnen enthaltenen Metalles zu hinterlassen. Durch 
die Einführung des Glanzgoldes und Glanzplatins, 
welches letztere auch mitunter als Glanzsilber bezeichnet 
wird, sind die keramische und die Glasindustrie be 
fähigt worden, zu verhältnismässig billigen Preisen sehr 
wirksame Gold- und Silberdekorationen auf ihren Er 
zeugnissen anzubringen. 
Die neuesten Errungenschaften der Scheringschen 
Fabrik liegen wiederum auf den beiden Gebieten, aus 
denen sie in den ersten Jahren ihres Bestehens eine 
Spezialität gemacht hatte, auf demjenigen der Heil 
mittellehre und der Photographie. Aber die Natur 
dieser Errungenschaften, verglichen mit derjenigen jener 
früheren Epoche, spricht deutlicher, als Worte es können, 
für die Entwicklung, welche der chemischen Industrie 
in den letzten 40 Jahren zu Teil geworden ist. Wäh 
rend der Begründer der P'abrik es sich mit Recht zur 
Ehre anrechnen durfte, die Heilkunst und die Licht 
bildnerei mit Präparaten zu versehen, die zwar wohl- 
bekannt, aber in jenen Tagen in zuverlässig reinem 
Zustande nicht zu erlangen waren, geht heute die Fabrik 
bahnbrechend ihre eignen Wege und fordert Medizin 
und Photographie auf, ihr zu folgen und sich davon 
zu überzeugen, dass ihre Führung eine richtige war. 
Eine Reihe von Heilmitteln, welche die Fabrik in den 
letzten Jahren der Wissenschaft zugeführt hat, gehören 
der Klasse der synthetischen Verbindungen an, d. h. 
sie sind nicht mehr wie die älteren Heilmittel von der 
Natur präformiert und von der Technik nur aus den 
Droguen isoliert worden, in denen sie Vorkommen, 
sondern sie sind auf Grund ganz bestimmter wissen 
schaftlicher Erwägungen willkürlich aufgebaut worden. 
Hierher gehört das Piperazin, ein Produkt, mit welchem 
die Fabrik grosse Erfolge geerntet hat, weil es zu den 
wenigen gehört, denen die Fähigkeit zukommt, die im 
Organismus ausgeschiedene Harnsäure aufzulösen und 
fortzuführen. Den Wert eines solchen Mittels kann 
auch schon der Laie ermessen, denn es ist zur Genüge 
bekannt, dass weit verbreitete Plagen der Menschheit, 
wie Rheumatismus und Gicht, auf nichts andrem be 
ruhen, als auf der Abscheidung übermässig produzierter 
Harnsäure in den Geweben des Körpers. Dem Piperazin 
schliessen sich noch eine Reihe von anderen synthe 
tischen Heilmitteln an, von denen hier nur das jüngste 
genannt sein mag, nämlich das Eucain, ein in sinn 
reicher Weise hergestelltes Alkaloid, welches in seinen 
Eigenschaften und in seinen Wirkungen dem schmerz 
stillenden Cocain so ausserordentlich ähnlich ist, dass 
eine teilweise oder vollständige Verdrängung dieses 
letzteren nur noch eine Frage der Zeit sein kann. Da 
das Cocain aus den in ihrem Gehalt sehr variablen, zu 
uns aus Brasilien importierten Blättern von Erythroxylon 
Coca hergestellt wird, so können wir in dem Aufbau 
des Eucains wiederum einen jener Triumphe der syn 
thetischen Chemie über die Natur begrüssen, auf welche 
die moderne chemische Technik mit Recht stolz ist. 
Aehnlich wegweisend wie auf dem Gebiete der 
Heilmittellehre gestaltet sich die Thätigkeit der 
Scheringschen Fabrik auch auf demjenigen der Photo 
graphie. Ganz abgesehen davon, dass die Fabrik in 
neuerer Zeit sich nicht mehr damit begnügt, lediglich 
das chemische Rohmaterial für die Photographie her 
zustellen, sondern auch die überaus schwierige und 
unsichere Fabrikation photographischer Trocken 
platten und Papiere bei sich aufgenommen hat, ist 
es ihr vor kurzem auch gelungen, eine Beobachtung 
zu machen, deren Tragweite heute noch gar nicht ab 
zusehen ist. Es ist dies nämlich die von der Fabrik 
entdeckte Thatsache, dass der in jüngster Zeit auf den 
chemischen Markt gekommene Formaldehyd, dessen 
vierzigprozentige wässrige Lösung unter dem Namen 
»Formalin« als vorzügliches Desinfektionsmittel und zu 
vielen anderen Zwecken Verwenduug findet, die Eigen 
schaft besitzt, sich mit Gelatine zu verbinden und die 
selbe in einen unlöslichen hornartigen Körper zu ver 
wandeln. Diese Verbindung, welcher sie den Namen 
»Gelatoid« gegeben hat, benutzt die Fabrik zur Her 
stellung lichtempfindlicher Platten und Papiere. Es ist 
leicht ersichtlich, dass ein derartig gehärtetes Produkt 
eine weit grössere Garantie für die Widerstandsfähigkeit 
und Unveränderlichkeit der mit seiner Hilfe erzeugten 
Bilder bietet, als die bisher benutzte leicht lösliche 
Gelatine. Die Scheringsche Fabrik hatte auf der 
Berliner Gewerbe - Ausstellung ihre sämtlichen den 
Zwecken der Photographie dienenden Erzeugnisse in 
einem besonderen Pavillon in der photographischen 
Abteilung vereinigt. 
Die Technik der feineren chemischen Präparate, 
welche in geringerem Masse als die chemische Gross 
industrie an lokale Verhältnisse gebunden ist, hat in 
Berlin und seiner Umgegend besonders glücklich Fuss 
gefasst. Nicht weit von dem Pavillon der Scheringschen 
Fabrik finden wir den Aufbau eines zweiten Unter 
nehmens ähnlicher Art, welches ebenfalls auf eine lang 
jährige Thätigkeit zurückblickt. Es ist dies die Firma 
I. D. Riedel, welche schon im Anfänge dieses Jahr 
hunderts ebenfalls aus einer Apotheke hervorgegangen 
ist. Die Riedelsche Fabrik unternahm schon im Jahre 
1826 für Rechnung des Preussischen Staates die Ge
	        
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