Path:
Gruppe IX. Chemische Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

408 
Metallen und Glas, zum Durchschmelzen gehärteter 
Stahlplatten (in dieser Anwendung sind sie zum Er 
brechen von Panzerschränken auch schon von Ver 
brechern benutzt worden), zum Schmelzen der Platin 
metalle und zu vielen anderen Zwecken. Die Vor 
führung der Elkanschen Fabrik auf der Gewerbe-Aus 
stellung war ungemein interessant, sie erläuterte ins 
besondere auch die verschiedenen Verwendungsweisen 
der ausgestellten verdichteten Gase. Dass diese Industrie 
vielleicht noch höhere Anforderungen an die Vor 
züglichkeit der von ihr benutzten Stahlflaschen stellt, 
als die Fabrikation der verflüssigten Gase, bedarf wohl 
kaum der Erwähnung. Während in den ersten Jahren 
der Fabrikation England allein Stahlflaschen von 
genügender Zuverlässigkeit zu liefern vermochte, haben 
die letzten Jahre den Beweis geliefert, dass von allen 
Stahlbearbeitungsverfahren dasjenige der Gebrüder 
Mannesmann die besten Stahlflaschen zu erzeugen im 
stande ist. Nicht unerwähnt darf hier auch das Hilfs 
mittel bleiben, welches Herr Dr. Elkan ersonnen hat, 
um die äusserst gefährliche Vermengung von Sauerstoff 
und Wasserstoff zu vermeiden. Er erreicht dies da 
durch, dass alle für die Verarbeitung und den Versand 
von Wasserstoff bestimmten Apparate Linksgewinde 
tragen und sich infolgedessen mit den mit Rechts 
gewinden ausgestatteten Sauerstoffvorrichtungen durch 
aus nicht verbinden lassen. 
Wir kommen nunmehr zu einer Industrie, die auf 
ein weit ehrwürdigeres Alter zurückblickt als die soeben 
besprochene. Es ist dies die Industrie der feineren 
chemischen Präparate, deren Beginn sich eigentlich gar 
nicht feststellen lässt, weil sie ganz allmählich hervor 
gegangen ist aus der seit den ältesten Zeiten geübten 
Gepflogenheit der Apotheker und Alchemisten, sich die 
als Heilmittel und zu verschiedenen Versuchen erforder 
lichen Materialien in grösserer oder geringerer Menge im 
Vorrat zu bereiten. Noch heute pflegen viele Apotheken 
nebenher ein oder das andre Präparat in grösserer 
Menge, als ihrem eigenen Bedarf entspricht, zuzubereiten 
und an andre Apotheken, sowie an die Industrie abzu 
geben. Nicht selten aber hat sich gerade in Deutsch 
land diese Thätigkeit stärker entwickelt, als ihre Unter 
nehmer selbst im Anfang es gehofft haben mögen. 
So sind aus solchem präparativen Arbeiten ganz all 
mählich Fabriken hervorgegangen, welche sich in ein 
zelnen Fällen zu ausserordentlicher Grossartigkeit ent 
wickelt haben. An Beispielen dafür fehlt es namentlich 
auch im Berliner Industriebezirk keineswegs. Wohl 
das glänzendste derselben ist die Chemische Fabrik auf 
Aktien vorm. E. Schering, welche vor etwas über 
40 Jahren im Anschluss an die Grüne Apotheke in der 
Chausseestrasse begründet und vor genau 25 Jahren 
durch Verwandlung in eine Aktiengesellschaft selb 
ständig gemacht wurde. Zu den wenigen Präparaten, 
welche im Anfang den Gegenstand dieses Betriebes 
bildeten, gesellten sich Jahr um Jahr immer neue, bis 
schliesslich das Unternehmen einen derartigen Umfang 
erreichte, dass es heute als eines der grossartigsten 
seiner Art bezeichnet werden darf. Die Scheringsche 
Fabrik hat von jeher eine Spezialität gemacht aus der 
Herstellung von Heilmitteln und von Präparaten für 
die Photographie, deren Erfindung und Aufblühen 
einigermassen mit der Entwicklung der Fabrik zu 
sammenfällt. Doch hat sich die Scheringsche Fabrik 
auf diese Spezialitäten keineswegs beschränkt, sondern 
auch die Fabrikation einer grossen Anzahl von Pro 
dukten aufgenommen, welche für die chemische Technik 
und den Betrieb chemischer Laboratorien in erster 
Linie von Wichtigkeit sind. Heute zählen die Erzeug 
nisse der Fabrik nach Hunderten, und nicht wenige 
sind darunter, für welche gerade diese Fabriksmarke 
die Garantie besonders sorgfältiger Herstellung bietet. 
Alle diese verschiedenen Produkte waren in Hunderten 
von Krystallflaschen in dem Pavillon der Firma in der 
Berliner Gewerbe-Ausstellung vertreten, und es ist voll 
ständig unmöglich, ihnen allen gerecht zu werden. Es 
sei hier nur einiger weniger gedacht, welche ein be 
sonderes Interesse verdienen. Die Scheringsche Fabrik 
war eine der ersten, welche die Fabrikation der von 
der Photographie so vielfach benutzten, äusserst zersetz- 
lichen Pyrogallussäure unternahm und es fertig brachte, 
dieses Produkt im Zustande schneeweisser, auf die 
Dauer haltbarer Krystalle zu liefern. Aber diese Fa 
brikation ist untrennbar von derjenigen der Gallussäure 
und des Tannins, welche ihrerseits in der Farbenindustrie 
und der Färberei ihre wichtigste Verwendung finden. 
So hat sich denn die Scheringsche Fabrik auch für 
diese Produkte einen grossen Ruf erworben. Sehr bald 
genügten für ihre Herstellung die früher benutzten, aus 
Südeuropa und Kleinasien stammenden Eichengalläpfel 
nicht mehr; heute wird weitaus die Hauptmenge dieser 
Präparate aus den viel grösseren und ergiebigeren 
Sumachgalläpfeln gewonnen, welche aus China und 
Japan zu uns gelangen. Auch in der Fabrikation des 
Kaliumpermanganates , jenes im festen Zustande 
schwarzen, in Lösungen leuchtend rotviolett gefärbten 
Salzes, welches immer grössere Beliebtheit als Des 
infektionsmittel und für die Zwecke der Technik ge 
winnt, ist die Scheringsche Fabrik bahnbrechend vor 
gegangen. Wir sahen dieses Salz auf der Ausstellung 
in grossen Mengen. Das für dasselbe ursprünglich an 
gegebene komplizierte Herstellungsverfahren ist heute 
längst durch ein einfacheres ersetzt, bei welchem das 
neue Hilfsmittel der Elektrolyse zu Hilfe genommen 
wird. Auf elektrolytischem Wege wird ferner auch in 
der Scheringschen Fabrik das Jodoform bereitet, jenes 
unangenehm safranartig riechende goldgelbe Krystall- 
mehl, welches von den Aerzten bei der Wundbehand 
lung in überreicher Menge verwendet wird. Einen be 
rechtigten Ruf geniesst ferner die Scheringsche Fabrik
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.