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Gruppe IX. Chemische Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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zu verwerten. In diesem Bestreben griff sie die Ver 
arbeitung der Gasreinigerniassen auf, welche aus den 
Berliner Gasfabriken in grosser Menge erhalten werden 
können. Diese Reinigermassen entstammen den so 
genannten Trockenreinigern, Apparaten, welche in 
keiner Gasfabrik fehlen und die Aufgabe haben, das 
rohe Leuchtgas von seinem Gehalt an Schwefelwasser 
stoff zu befreien. Diese Reiniger werden von Zeit zu 
Zeit mit Eisenerz beschickt, welches durch einen Oxy 
dationsprozess den im Rohgas enthaltenen Schwefel 
wasserstoff zerstört, wobei Schwefel sich abscheidet 
und sich allmählich in dem Erz dermassen anreichert, 
dass die Wirksamkeit des letzteren sinkt und schliesslich 
erlischt. Gleichzeitig scheiden sich noch andere Ver 
unreinigungen des Gases in der Masse ab; vor allem 
Ammoniak und Cyanverbindungen. Diese unbrauchbar 
gewordenen Massen sind es nun, welche die Kunheimsche 
Fabrik zur Verwertung und Wiederbrauchbarmachung 
übernimmt. Sie gewinnt aus denselben sowie aus dem 
ebenfalls aus den Gasfabriken ihr zukommenden so 
genannten Gaswasser zunächst das Ammoniak, dann 
scheidet sie die Cyanverbindungen in Form von Blut 
laugensalz ab, welches als solches einer ausgedehnten 
Anwendung fähig ist, aber auch in der Fabrik selbst 
weiter verarbeitet werden kann auf das durch seine 
Giftigkeit berüchtigte Cyankalium, ein Salz, dessen 
Fabrikation in neuester Zeit einen ungeheuren Auf 
schwung genommen hat, seit man in seiner Lösung 
das beste Extraktionsmittel für die sogenannten wider 
spenstigen Golderze erkannte. Nachdem die Reiniger 
massen von ihrem Gehalt an Ammoniak und Cyan 
verbindungen befreit sind, wird der in ihnen ent 
haltene Schwefel durch Abrösten, d. h. durch Ver 
brennen in passend konstruierten Oefen, nutzbar ge 
macht, indem die dabei entstehende schweflige Säure 
dem grossen Schwefelsäurebetriebe cler Nieder-Schön- 
weider Fabrik zu gute kommt. Als Rückstand ver 
bleibt endlich fein verteiltes Eisenoxyd, welches die 
Gasfabriken gern zurücknehmen und aufs neue zur 
Beschickung ihrer Reiniger verwenden. 
Wie schon erwähnt, steht die chemische Gross 
industrie heute nicht mehr so isoliert da wie früher. 
Veranlassung dazu ist wohl in erster Linie die Ein 
führung des Ammoniaksodaprozesses durch Solvay 
gewesen. Es handelt sich hier keineswegs um eine 
neue Erfindung, sondern um ein Verfahren, welches in 
seinen Grundzügen nahezu ebenso alt ist, wie der 
Leblanc-Sodaprozess, auf den sich das Kreisverfahren 
der älteren chemischen Grossindustrie aufbaut. Aber 
der Ammoniaksodaprozess bot für seine Ausführung 
ausserordentliche Schwierigkeiten dar, deren Ueber- 
windung erst dem belgischen Industriellen Solvay unter 
Zuhilfenahme der gesteigerten Leistungsfähigkeit unserer 
Apparatentechnik gelungen ist. Da der Solvay-Prozess 
weder in Berlin, noch in der Umgebung ausgeübt wird, 
so könnten wir in diesem Bericht über die Berliner 
Gewerbe-Ausstellung füglich von demselben schweigen, 
wenn nicht seine Wirkungen auch bei uns fühlbar 
wären. Der ungemein billige Preis, zu welchem sich 
nach dem Ammoniaksodaverfahren eine sehr reine Soda 
herstellen lässt, hat sehr nachteilig eingewirkt auf die 
Haupterwerbsquelle der älteren chemischen Gross 
industrie, die Fabrikation der Soda. Diese Industrie 
hätte sogar ihren Betrieb vollkommen einstellen können, 
wenn derselbe nicht aufrechterhalten werden müsste 
für die Gewinnung derjenigen uns unumgänglich not 
wendigen Erzeugnisse, welche früher als Nebenprodukte 
der Sodafabrikation galten. Die Konkurrenz mit dem 
Solvay-Prozess hat aber auf die ältere Grossindustrie 
auch segensreich eingewirkt, und zwar insofern, als sie 
dieselbe zwang, verbesserte Arbeitsmethoden aufzu 
suchen und durch Einbeziehung einer Fülle von Fabri 
kationen, denen sonst geringere Beachtung geschenkt 
worden war, ihren Betrieb zu erweitern und aufs neue 
gewinnbringend zu machen. So sahen wir denn auch 
in der Kunheimschen Fabrik, welche auf der Gewerbe- 
Ausstellung die Grossindustrie zu vertreten hatte, eine 
Reihe von Nebenfabrikationen, die eine Fülle des 
Interessanten darboten. 
Eine der neuesten Schöpfungen auf chemischem 
Gebiet ist die Industrie der verdichteten und ver 
flüssigten Gase. Auf diesem Gebiete ist die Firma 
Kunheim & Co. bahnbrechend vorgegangen, wenn sie 
auch heute selbst in Berlin nicht mehr allein auf dem 
selben thätig ist. Diese neue Industrie unternimmt es, 
die verschiedensten, technisch brauchbaren Gase fabrik- 
mässig herzustellen und in einen transportfähigen Zu 
stand überzuführen. Allen Gasen ist das gemeinsam, 
dass ein gegebenes Gewicht derselben unter gewöhn 
lichem Druck einen verhältnismässig sehr grossen Raum 
einnimmt. Allen wohnt aber auch eine vollkommene 
Elasticität inne, so dass wir sie durch Anwendung 
eines genügenden Druckes auf ein sehr kleines Volumen 
verdichten können. Da aber die Gase elastisch sind, 
so bleibt die zu ihrer Kompression verwendete Kraft 
in ihnen aufgespeichert und kann, wenn sie plötzlich 
entfesselt wird, sehr verheerende Wirkungen hervor 
bringen. Aus diesem Grunde hat man sich früher meist 
davor gescheut, ein Gas auf die Dauer unter einen 
Druck zu stellen, welcher über wenige Atmosphären 
hinausging. Erst die neue Zeit hat uns gelehrt, stäh 
lerne Gefässe von vollkommener Zuverlässigkeit herzu 
stellen, deren Beanspruchung auf einen Druck von 
200 Atmosphären und darüber vollkommen ungefähr 
lich ist. Nun stand der beliebigen Kompression tech 
nisch wertvoller Gase und dem bequemen Transport 
nichts mehr im Wege. Wenn wir in einer Stahlflasche 
von io Liter Inhalt einen ganzen Kubikmeter eines 
Gases unterbringen können, so hört das letztere auf, 
zu den sperrigen Gütern zu zählen. Nun kommt hier
	        
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