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Gruppe IX. Chemische Industrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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rastlose Arbeit festzuhalten ist, und auch die Regierungen 
werden nicht vergessen dürfen, dass der Baum, der in 
ihrer Pflege so kraftvoll emporwuchs, weiterer Pflege 
bedarf, wenn er fortfahren soll, immer reichere Früchte 
zu tragen. 
Da die chemische Industrie in ihren meisten Zweigen 
nicht auf lokalen Absatz angewiesen ist, sondern Pro 
dukte herstellt, die sich in hohem Grade zum Trans 
port eignen, so finden wir die chemischen Fabriken 
nicht gleichmässig über das ganze Deutsche Reich 
verteilt, sondern es haben sich dieselben gruppenweise 
in gewissen Gebieten angesiedelt, welche sich für die 
Entwicklung solcherBetriebe vergleichsweise geeignet er 
wiesen. Besonders bequeme Transportverhältnisse, 
die leichte Zugänglichkeit eines billigen und guten 
Brennmaterials, das Vorhandensein andrer Roh 
materialien des beabsichtigten Betriebes, günstige 
Arbeiterverhältnisse u. a. m. sind als die Ursachen zu 
bezeichnen, welche diesen oder jenen Ort zum Centrum 
industrieller chemischer Arbeit gemacht haben. Dem 
Umstande, dass auch Berlin schon seit langen Jahren 
zu einem solchen Centrum sich entwickelt hat, haben 
wir es zu danken, dass auf der jüngst beendigten 
Berliner Gewerbe-Ausstellung gerade die chemische 
Industrie in besonders glänzender Weise vertreten war. 
Freilich haben auch die chemischen Fabriken von 
Berlin und der Umgebung in besonders einmütiger und 
opferwilliger Weise daran gearbeitet, eine glänzende 
Schaustellung ihrer Gruppe zu Wege zu bringen. So 
konnten wir denn schon am Eröffnungstage in dem 
dicht beim Hauptportal der Ausstellung gelegenen 
Chemiegebäude eine vollkommen fertige und in sich 
abgeschlossene Vorführung der chemischen Industrie in 
ihren verschiedenen Zweigen begrüssen. Nur ganz 
wenige Gebiete der chemischen Industrie sind es, welche 
in Berlin und seiner Umgebung vollständig unvertreten 
sind, und wenn auch einzelne Zweige in anderen Teilen 
Deutschlands eine grossartigere Entwicklung erlangt 
haben, als gerade in der Umgegend von Berlin, so 
kann doch die Vorführung der chemischen Industrie 
auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung als eine der ge- 
rundetsten und in sich geschlossensten Schaustellungen 
der chemischen Gesamtindustrie bezeichnet werden, 
die wir bisher gehabt haben. Es hatten sich an der 
selben insgesamt 121 Firmen beteiligt, welche sich mit 
der Fabrikation der verschiedenartigsten Erzeugnisse 
befassen. Es war daher auch notwendig geworden, 
die Gruppe IX, welche die gesamte chemische Industrie 
umfasste, in eine Reihe von Untergruppen zu zerlegen. 
Der ausgegebene Spezialkatalog unterscheidet deren 
sechs. Es ist zu bedauern, dass eine derartige Zer 
legung nicht auch schon im Hauptkatalog stattgefunden 
hat. Unter den bestehenden Verhältnissen hat die 
Zerlegung in Untergruppen zu einer Zerreissung der 
im Hauptkatalog erteilten fortlaufenden Nummern ge 
führt, welche der Uebersichtlichkeit des Spezialkataloges 
schaden musste. 
In der nachfolgenden Schildung soll der Versuch 
gemacht werden, die Entwicklung und den heutigen 
Stand der verschiedenen Zweige der chemischen In 
dustrie allgemein verständlich zu schildern und dabei 
die in Gruppe IX der Berliner Gewerbe-Ausstellung 
zur Schau gestellten Erzeugnisse als Beläge für das 
Vorgetragene zu benutzen. In dem Gange unserer 
Darlegungen werden wir uns daher auch nicht an die 
Einteilung des Kataloges oder an die Besprechung 
einzelner P'irmen halten. 
In jedem Lande, in welchem die chemische In 
dustrie Fuss fasst, beginnt sie mit der Errichtung von 
Fabriken, welche der sogenannten chemischen Gross 
industrie angehören. Unter diesem Namen, welcher 
heutzutage durchaus nicht mehr zeitgemäss ist, ver 
steht man diejenigen Betriebe, welche, ausgehend von 
einigen Produkten des Bergbaues, durch einfache Um 
formung diejenigen Chemikalien herstellen, welche einer 
ganz allgemeinen Anwendung fähig sind; also in erster 
Linie die verschiedenen Mineralsäuren, Soda, Potasche, 
Aetzkali und Aetznatron, Chlor und Chlorkalk. Das 
Eigentümliche dieser Industrie ist, dass die ver 
schiedenen Verfahren, nach denen die genannten Pro 
dukte hergestellt werden, in einem gewissen Zusammen 
hänge miteinander stehen. Die Fabrikation beginnt 
mit der Herstellung der Schwefelsäure, zu welchem 
Zwecke entweder der natürlich vorkommende Schwefel 
oder auch Schwefelkies in Oefen verbrannt wird, wo 
bei sich durch Verbindung des Schwefels mit dem 
Sauerstoff der Luft schweflige Säure bildet. Diese ist 
ein Gas, welches indessen befähigt ist, in die flüssige 
Schwefelsäure überzugehen, wenn man es aufs Neue 
einer Art von Verbrennungsprozess unterwirft, indem 
man es in gewaltigen, aus Bleiblech hergestellten 
Kammern mit Luft, Wasserdampf und einer geringen 
Menge von Salpetersäure zusammenbringt. Die er 
haltene Schwefelsäure, die zunächst noch ziemlich ver 
dünnt ist, wird durch Eindampfen konzentriert und bildet 
dann die »Englische Schwefelsäure« des Handels. Von 
dem so erzeugten Produkte verkaufen aber die Fabriken 
meist nur einen Teil, während sie einen andern Teil 
im eigenen Betriebe zur Zersetzung des bekanntlich 
bergmännisch gewonnenen Kochsalzes verwenden. Da 
bei entstehen Salzsäure und schwefelsaures Natrium. 
Die erstere bildet einen wertvollen Handelsartikel, von 
dem aber auch wiederum nur ein Teil auf den Markt 
kommt, während ein anderer Teil zur Herstellung des 
als Bleichmittel geschätzten Chlors und Chlorkalks 
benutzt werden kann. Ebenso wie Kochsalz sich durch 
Schwefelsäure zersetzen lässt, thut es auch der Sal 
peter, welcher heutzutage fast ausschliesslich aus 
Bolivien zu uns kommt, wo sich gewaltige Lager dieses 
wertvollen Salzes finden. Auch hier entweicht Salpeter
	        
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