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Gruppe VIII. Graphische und dekorative Künste und Buchgewerbe

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Gruppe VIII. Graphische und dekorative Künste 
und Buchgewerbe. 
it dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts 
ist für das Buchgewerbe eine neue Aera ange 
brochen. Seit der Erfindung der Buchdrucker 
kunst durch Gutenberg war dieselbe fast immer in den 
durch ihn geschaffenen Bahnen gewandelt; sie hatte 
diese nur ausgetreten, ohne neue Wege zu finden; ein 
wirklicher Fortschritt war bis zum Ende des achtzehnten 
Jahrhunderts kaum zu verzeichnen. Gutenberg, Fust, 
Schöffer und ihre Nachfolger, die Jenson, Koberger, 
Sensenschmid, Zainer, die Elzevire, Plantin, Froben, 
Aldus Manutius, die Estienne und wie sie alle heissen 
diese Altmeister der Druckkunst, sie waren ohne 
Zweifel bei ihren Arbeiten nicht nur von dem Be 
streben, sie zu lohnenden zu machen, geleitet worden, 
sondern hatten es auch als einen Ehrenpunkt be 
trachtet, das erreichbar Vorzüglichste zu schaffen; ihre 
noch heute bewunderten Werke, bewundernswert 
namentlich, wenn man die primitiven Mittel in Betracht 
zieht, die zu ihrer Herstellung gedient haben, sind 
sprechende Zeugen von solch rühmlichem Ehrgeiz. 
Aber er konnte auf die Länge der Zeit nicht un 
beeinträchtigt fortbestehen. Es traten Verhältnisse ein, 
welche von der Buchdruckerkunst nicht sowohl-muster- 
giltige, als rasche Druckleistungen verlangten, und 
namentlich war es die Zeit der Reformation mit ihrer 
ungezählten Menge von Flug- und Streitschriften, 
welche einen ungünstigen Einfluss auf die Qualität des 
Druckes ausübte, obgleich gerade die Buchdrucker 
kunst die mächtigste Helferin der Reformation ge 
wesen ist; nach der anderen Seite gewann sie aller 
dings in deren Folge, wenn nicht an künstlerischer 
Vertiefung, so doch in ungeahnter Weise an räumlicher 
Ausbreitung. Als dann aber im folgenden Jahrhundert 
der unselige grosse Krieg dreissig Jahre lang Deutsch 
lands Gauen verheerte und deren Bevölkerung ver 
rohte, da sank die Kunst des Bücherdrucks, die man 
mit Recht als ars artium conservatrix bezeichnet hat, 
vollends tief herab in ihren Leistungen, und die Illu 
stration, welche als Holzschnitt schon bald nach Er 
findung des Buchdrucks Einzug gehalten hatte in deren 
typographische Erzeugnisse und die selbst in den ersten 
Jahrzehnten der Reformation noch eine hohe Blüte er 
reichte, gepflegt von Künstlern, an deren Spitze ein 
Dürer stand, auch sie wurde nur noch in handwerks- 
mässiger Weise geübt; als aber allmählich bessere, 
ruhigere Zeiten eintraten und man daran ging, der 
druckenden Kunst wieder grössere Aufmerksamkeit zu 
schenken, verdrängte der inzwischen zu grösserer Ent 
wicklung gelangte Kupferstich den vergröberten Holz 
schnitt selbst aus Büchern, die nur technischen Zwecken 
zu dienen bestimmt waren. 
Da kam im vorigen Jahrhundert für Deutschland 
die grosse Zeit des geistigen Wiederauflebens. Klop- 
stock, Lessing, Herder, Wieland, Goethe und Schiller 
erschienen als leuchtende Sterne am Himmel unserer 
Litteratur, deren Strahlen indes sehr bald auch er 
kennen Hessen, wie wenig die druckende Kunst in 
ihrem damaligen Stande den Anforderungen zu ent 
sprechen vermochte, welche in deutschen Landen das 
ästhetische Bedürfnis und jenseits der Vogesen bald 
darauf die grosse Revolution in politischer Hinsicht 
an sie stellten. Und diese Erkenntnis sollte nicht ohne
	        
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