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Gruppe VII. Metallindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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sprechen, so verlockend es wäre, den immerhin ver 
schiedenen Charakter der hervorragenden, meist weit 
hin bekannten Werkstätten zu schildern oder die Be 
stimmung der zahlreichen, auf feste Bestellung gearbei 
teten grösseren Arbeiten zu nennen. Was hier aus 
etwa 25 Werkstätten vereinigt war, umfasste den ganzen 
Umkreis unserer Schmiedekunst. Die sieben mächtigen 
Portale der seit dreissig Jahren führenden Firma, für 
Privathäuser oder für Staatsbauten bestimmt, zeigten 
die vielseitige Fertigkeit in den alten Stilen und in 
neueren Versuchen; zur Belebung der Eisenmassen 
waren, besonders an dem stattlichen Portal für das 
neue Landtags-Gebäude, in gefälligerWeise auch Bronze 
zierraten verwertet worden. Vor dieser breit angelegten 
Ausstellung in der Haupthalle stand gleichsam als 
Wahrzeichen der Schmiedegruppe jener reizvolle Wand 
brunnen einer anderen Werkstatt, den die Abbildungen 
des grossen Hauptschiffes erkennen lassen: mit Lust 
und Laune gezeichnet (Architekt Gleichauf), meisterlich 
in allem Technischen, anregend durch die farbige Ver 
einigung mehrerer Metalle, des grünen Kupferbeckens, 
des eisengetriebenen Ritters St. Georg, in dem man 
Bismarcks Züge begriisste, des wuchtig geschmiedeten 
Drachen mit ihrer Zier von Aluminiumbronze, deren 
schmiedemässige Verarbeitung gerade diese Firma mit 
Erfolg pflegt. Daneben und im Seitenschiff dann eine 
lange Reihe mächtiger und anmutiger Werke: Gitter für 
Haus-und Gartenthore, Thüren, Grabmäler, Treppen u. a., 
Grabkreuze, Fahnenhalter, Dekorationsstücke aus dem 
Reichstagshause; seitens einer grossen Konstruktions 
werkstatt die Probe einer Treppenanlage. Mehrere Meister 
hatten ihre Ausstellungsstände durch eigens hergestelltes 
Gitterwerk abgekleidet oder Pavillons mit Eisenschmuck 
errichtet—und zwischen alle den grossen Werken nun eine 
Pulle von Möbeln, Ständern, Kaminböcken, Ofenschirmen, 
kunstvollen Uhrgehäusen, Beleuchtungskörpern, wie 
Lüstern, Kronen, Leuchtern und Lampen, sowie 
mancherlei kleinerem Ziergerät. Auch im Freien war 
noch manches Schmiedewerk zu bewundern; ein hüb 
sches Gitter vor dem Schulgebäude, ein anderes nebst 
einer Treppenanlage im Bauhofe der Gruppe III, zwei 
riesige Flaggenmasten aus einer Spezial fabrik u. a. m. 
Wer in der Fülle dieser Gegenstände suchte, fand 
für jede Stilart und für jede Technik der Schmiede 
kunst Beläge. Die mittelalterlichen Stile an mehreren 
Kirchenarbeiten, die Gothik auch in hübschen, sauberen 
Beschlägen eines Schlossermeisters, die Renaissance 
und alle barocken Stilarten nach verschiedenen Rich 
tungen entwickelt und nach neuerem Geschmack mehr 
fach durch Pflanzenornament bereichert. Unter anderem 
fielen auf: ein Treppengeländer aus Eichenlaub für ein 
Korpshaus in Göttingen, ein grosses Erbbegräbnis für 
den Friedhof in Weissensee mit Blumen im Stil der 
Frührenaissance und mehrere frische Arbeiten einer 
alten, seit 1835 thätigen Werkstatt. Die grösste Be 
achtung aber fanden die mutigen Versuche eines jün 
geren Meisters, der sich mit erstaunlicher, handwerk 
licher Kraft an die Ausschmiedung natürlicher Blumen 
(Rosen, Lilien, Nelken u. a.) und Früchte gewagt hatte 
und sie teils in einzelnen Zweigen und Sträussen, teils 
zu Festons oder Ranken geordnet vorführte. Keine 
Glättung, keine Feile; Hammerschlag neben Hammer 
schlag sichtbar; fast naturwüchsig, wie sie aus dem 
Herdfeuer kamen. Dieselbe Meisterschaft an zwei herr 
lichen, geschuppten Drachen; hier erschien durch den 
freien Anschluss an gewisse Vorbilder älterer Zeit die 
kühne Technik auch künstlerisch abgeklärt, während 
an den Blumen die Naturfreude noch fast übermütig 
und ungebändigt überschäumte. Mit Interesse endlich 
wurden die Versuche verfolgt, dem einfarbigen Eisen 
werk grössere Abwechslung auch in der Farbe zu 
geben. Die zeitweilig empfohlene bunte Bemalung 
hatte keine Erfolge zu verzeichnen; die nicht eben 
zahlreichen farbigen Arbeiten nahmen sich zumeist 
wenig sauber und dauerhaft aus; ganz unleidlich wirkte 
ein bronze- und patinafarbiger Anstrich an einem Gitter 
im Bauhof; auch die bislang unentbehrliche Bronzie 
rung, die sogen. Vergoldung, ist keine ganz monumen 
tale Technik. Dagegen schienen die schon erwähnten 
Versuche, Bronzeteile und vor allem die helle, schmied 
bare Aluminiumbronze einzufügen, eine recht erfreu 
liche Aussicht zu eröffnen. Auch hierin wird man 
hoffentlich weitergehen in dem Sinne, der unsere junge 
Schmiedekunst gross gemacht hat: echte Stoffe, echte 
Arbeit, echte Form! 
Für den Freund dieser drei Grund- und Kernforde 
rungen alles gesunden Kunsthandwerks war es recht 
betrübend zu sehen, dass auch die namhafte Schmiede 
kunst schon von dem verderblichen Maschinen- und 
Massen-Surrogat bedroht wird, das, wie wir oben sahen, 
schon manche ehrliche Kunst zugrunde gerichtet hat. 
Das unschätzbare Kapital an geschmiedeten Formen, 
das die langen Generationen unserer alten deutschen 
Meister geschaffen und uns vermacht, und das unsere 
wackeren Zeitgenossen uns wieder erobert haben, alle 
die Blätter, die Ranken, die Blumen, die vielfachen 
Spitzen und Enden, die am echten Schmiedewerk aus 
dem Vollen herausgearbeitet werden und uns durch 
ihre technische Wahrhaftigkeit entzücken: sie sind in 
Gefahr, der Ausbeutung durch die Maschine zum Opfer 
zu fallen. Sie werden aus Blech gestanzt und geprägt 
und in Massen verhandelt, um an das Stab werk, aus 
dem sie einst im Feuer entwickelt wurden, wohl oder 
übel angeheftet zu werden; das ganze Bemühen ist, 
den Schein echter Arbeit zu erwecken, einen soge 
nannten »Ersatz« zu bilden. Wenn die Surrogatware 
nicht auf den technischen und künstlerischen Unver 
stand des Publikums rechnen dürfte und, wie man be 
richtet, selbst auf die Preisdrückerei mancher Bauleiter, 
so brauchte man nicht besorgt zu sein; aber das ehr
	        
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