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Gruppe VII. Metallindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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durch die Zollschranken sich abschlossen. Seitdem 
hat man seitens der Freunde besserer Ware mancherlei 
Klagen hören müssen. Die Käufer, heisst es, suchen 
noch immer mehr das Bunte und das Reiche, als das 
Gediegene; die Sucht, billig zu kaufen, unterstütze die 
Neigung, um jeden Preis billig zu fabrizieren; die Un 
redlichkeit in der Entlehnung von Mustern sei auch 
durch das treffliche Musterschutzgesetz von 1876, das 
viel Gutes gethan hat, nicht beseitigt; vor allem müsse 
der einzelne stets zu viel neue Modelle schaffen und 
auf Lager halten, so dass er neue Vorwürfe nicht in 
Ruhe bearbeiten könne. Die Hast, mit welcher immer 
neue Stilkreise aufgegriffen und wieder abgethan werden, 
scheint diese Klagen zu rechtfertigen. 
Denn noch bevor der Formenkreis der Renaissance, 
den die siebziger Jahre heraufgeführt hatten, recht begriffen 
oder gar weiter entwickelt worden war, kamen um das 
Jahr 1880 die späteren Stilrichtungen, in der Dekora 
tion das Berliner Barock, in der Kleinkunst das Rokoko, 
in die Mode. Mit staunenswerter Gewandtheit arbeb 
teten sich unsere Modelleure in die neue Weise ein, 
unterstützt durch die Menge der Photographieen und 
Vorlagewerke, welche die Bibliotheken zur Verfügung 
stellten oder der fliegende Buchhändler in die Werk 
stätten trug. Allein es war leichter, die flotten Schnörkel, 
Muscheln und Blumen des Rokoko zu kopieren und 
leichthin zu variieren, als sie für die heutigen Bedürf 
nisse selbständig zu verwerten. Der Berliner Bronze 
industrie hat um diese Zeit ein einheitlicher Auftrag 
so grossen Stils und ein Künstler von so freier Sicher 
heit gefehlt, wie sie die Silberschmiede in dem Tafel 
silber des Prinzen Wilhelm und in Adolf Heyden gleich 
zu Anfang der Barockbewegung fanden. Die Bronze 
industrie musste sich zunächst auf eigene Hand wohl 
oder übel mit dem neuen Stil abfinden; was dann zu 
ihrer Förderung geschehen ist, hat sie wohl bessernd, 
aber nicht führend beeinflusst. 
Allerdings war das, was unserer Bronzekunst am 
Anfang der achtziger Jahre noch fehlte, nur in lang 
samer und stetiger Arbeit zu erobern. Im Zeitalter 
des Cuivre poli hatte man wohl flott modellieren, nicht 
aber peinlich ciselieren gelernt. Die Behandlung der 
Oberfläche, wie sie die Pariser Bronzeure im vorigen 
Jahrhundert und neuerdings wieder übten, war bei uns 
nur wenigen bekannt und fast niemandem geläufig; 
die mühsame Technik der Feuervergoldung war so 
gut wie ausgestorben; für das tiefere Studium der 
Rokoko-Bronze fehlte es in Berlin fast an jedem Vor 
bild. Es ist ein dauerndes Verdienst mehrerer Künstler, 
Kunstfreunde und Beamten, hier mit Nachdruck ein 
gegriffen zu haben. Im Sinne der Kaiserin Friedrich 
wirkte der Hofmarschall Graf von Seckendorff; der 
Architekt Ihne wusste Privatbesteller für hervorragende 
Bronzemöbel zu gewinnen; das Kunstgewerbe-Museum 
erwarb einen ansehnlichen Bestand an Vorbildern, rief 
eine Reihe von Staatsaufträgen ins Leben und bildete 
in eigens eingerichteten Bronzeklassen fähige Schüler 
zum Modellieren und Ciselieren heran. Den stärksten 
Rückhalt aber fanden diese Bestrebungen an den um 
fangreichen Aufträgen, die Seine Majestät der regie 
rende Kaiser zur Ergänzung des Mobiliars der könig 
lichen Schlösser erteilte. So hat die kunsttechnische 
Fertigkeit im Laufe des letzten Jahrzehnts ausserordent 
liche Fortschritte gemacht. Die Ausstellung von 1896 
spiegelte diese verschiedenen Etappen der Berliner 
Bronzekunst wieder. 
Die reichhaltige Gruppe von Möbeln und Geräten, 
die Seine Majestät der Kaiser herzuleihen geruht hatte, 
stand in künstlerischer Vollendung zweifellos voran. 
Zur Ergänzung des alten Mobiliars der königlichen 
Schlösser bestimmt, das ja vorwiegend im vorigen 
Jahrhundert unter der Herrschaft der französischen 
Stilarten entstanden ist, halten sich auch diese Möbel, 
Uhren, Rahmen, Schreibzeuge etc. an die Art und 
Form des Barock und des Rokoko und bieten daher 
als Ganzes oder an den Beschlägen und Einlagen der 
Bronzekunst reichsten Stoff. Man darf sagen, dass für 
die Zeichnung und Modellierung sowohl, wie für die 
technische Ausführung die alten Muster mit höchster 
Sorgfalt verwertet worden sind, und dass die Berliner 
Werkstätten, die an diesen Arbeiten Anteil haben 
(C. Preetz u. a.), der Fertigkeit der alten Meister, denen 
sie nachstreben, in nichts nachgeben. Das gleiche Lob 
gebührt den Bronzearbeiten, welche die Unterrichts 
anstalt des Kunstgewerbe-Museums in ihrer Ausstellung 
im Schulgebäude vorführte; sie sind in den Fachklassen 
unter Leitung der Lehrer (Bildhauer Behrend, Ciseleur 
Rohloff) entstanden, das beste, ja einzige Mittel, um 
die Schüler in alle die technischen Fertigkeiten thätig 
einzuführen, die eine gediegene Bronzekunst erheischt. 
Dass auch diese Arbeiten sich zunächst auf den Formen 
kreis des Rokoko und des Louis XVI.-Stils beschränken, 
liegt zum Teil daran, dass für selbständigere Erfin 
dungen die Abnehmer schwer zu finden sind; jeden 
falls ist der Beweis geliefert, dass unsere Bronzetech 
niker auch für frischere künstlerische Ansprüche vor 
bereitet sind. 
Wie hat sich nun die Industrie zu allen diesen 
Anregungen gestellt? Man sah in der Bronze-Gruppe 
wohl, dass es gewissen Werkstätten nicht an dem 
guten Willen und am Können fehlt, die beste Arbeit 
dieser Art zu leisten. Neben den Meistern, die an 
den Aufträgen des Hofes Anteil haben, hatte nament 
lich die in der Beleuchtungsindustrie führende Aktien 
gesellschaft eine Reihe von Kronleuchtern und Wand 
armen hergestellt, deren Ciselierung und feintönige Ver 
goldung die höchsten Ansprüche befriedigen musste. 
Allein uns fehlt unzweifelhaft noch der sichere Kreis 
von Kunden, der es ermöglichte, solche Werke auf 
Vorrat oder Risiko herzustellen. Die Berliner Bronze
	        
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