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Gruppe VII. Metallindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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künstlichen Kapselschmucksachen 
und die Silbersträusse für silberne 
Hochzeiten. Im ganzen darf man 
hoffen, dass die Berliner Gold 
schmiedekunst den Fortschritt der 
letzten Jahrzehnte auch weiterhin 
bewähren wird. Von den zwei 
Organisationen, die sich das Edel 
schmiedegewerk in Berlin gegeben 
hat, der Innung und der jüngeren 
»Vereinigung«, sucht namentlich 
die letztere auch für die künstleri 
schen Aufgaben des Faches zu wir 
ken. Im Sinne dieser Bestrebungen 
liegt es, was ein Ausstellungsbericht 
im Sommer 1896 aussprach: »Nicht 
die technische, sondern die künst 
lerische Seite ist es, nach der 
hin die Berliner Edelschmiede sich 
aufraffen und vertiefen müssen. Denn nicht daraut 
kommt es in dem grossen internationalen Wettbewerbe 
an, dass die eine oder andere Firma einen schwung 
vollen Juwelenhandel betreibt oder dem und jenem 
örtlichen Bedürfnis sich findig anschmiegt, sondern 
darauf, dass die Gesamtleistung des Berliner Kunst 
gewerbes ihren eigenen, ganz bestimmten und in der 
weiten Welt gekannten Ausdruck gewinnt; dass sie 
mit imponierendem Kraftgefühl auftritt, wie das 
deutsche Kunstgewerbe zur Zeit seiner Blüte überall 
auftreten durfte.« 
Neusilber. 
Im Anschluss an die breitere Fabrikation des Ge 
brauchssilbers hatte die Neusilber- Industrie ausgestellt, 
die in Berlin durch zwei grosse Betriebe, eine grössere 
Anzahl mittlerer Fabriken und etwa ein Dutzend 
kleiner Meister vertreten ist. Auf der Ausstellung 
hatten sich elf Firmen in der Metallgruppe eingefunden 
und einige Fabrikanten kleinerer Gegenstände sich der 
Kurzwarengruppe angeschlossen. Das Neusilber, be 
kanntlich eine Mischung aus Nickel, Zink und Kupfer, 
ist anfangs der zwanziger Jahre auf eine Anregung des 
preussischen Vereins für Gewerbfleiss eingeführt worden, 
der durch eine Preisaufgabe zur Erfindung eines Er 
satzes für Silber aufforderte und in dem Weisssilber 
oder Packfong der Chinesen eine Mischung bekannt 
machte, die als Vorbild dienen konnte. An diesen 
Versuchen beteiligte sich der thätige Silberschmied 
Hossauer, der auch die plattierte Ware eingeführt 
hatte; im Jahre 1824 errichteten die Gebrüder Henniger 
die erste Neusilberfabrik in Berlin. Zu Anfang be 
nutzte man eine Legierung, die durch starken Nickel 
gehalt ein weissliches, dem Silber ganz ähnliches An 
sehen hatte, so dass man keines Ueberzuges bedurfte. 
Heute wird das Neusilber auf gal 
vanischem Wege mit einer kräftigen 
Silberschicht überzogen und hat mit 
dem billigeren, jetzt vorwiegend 
Alfenide genannten Fabrikate zu 
kämpfen, dessen Kern aus Messing 
besteht und nur leicht versilbert 
wird. Seit 1824 ist Berlin ein 
Hauptort dieser Fabrikation geblie 
ben; 1844 traten zwei Aussteller 
auf, die beide auf das Geschäft 
von Henniger zurückgingen. Man 
fabrizierte damals neben Bestecken 
und Tafelgerät auch vielerlei kirch 
liche Gegenstände, Kruzifixe, Altar 
kannen, Taufbecken und der 
gleichen, die neuerdings — ein 
Zeichen des gestiegenen Wohl 
standes und Wertanspruches -— 
fast ausschliesslich in Silber verlangt werden. Da 
gegen hat die Herstellung aller der Artikel, welche 
dem Bedarf der Wirtschaft dienen oder Tisch und Haus 
schmücken können, zumal seit dem Beginn der kunst 
gewerblichen Bewegung, einen ganz unvergleichlichen 
Aufschwung genommen. Einem Hauptzweig der Neu- 
silber-Industrie, der Fabrikation von Gabeln und 
Löffeln, ist namentlich die Entwicklung der Gasthäuser 
und Restaurationen zu gute gekommen, in denen 
während der letzten Jahrzehnte die Ansprüche an be 
quemes und sauberes Essgerät sich ausserordentlich ge 
hoben haben. Auch in den bescheidenen Hausständen 
hat die aus Neusilber gepresste Gabel die alte Eisen 
gabel verdrängt. Ebenso schnell ist auch der Bedarf 
an Gebrauchsgerät (Schüsseln, Dosen u. s. w.) und 
Tafelschmuck (Aufsätzen, Leuchtern) sowie die Freude 
an Ziergerät überall in Deutschland gewachsen und 
scheint noch weiterer Entwicklung fähig, je mehr prak 
tische und neue Gegenstände für die Tafel und den 
bessern Hausstand in Aufnahme kommen. Endlich 
sind der Neusilber-Industrie auch mancherlei Gelegen 
heitsgeschenke, Ehrengaben, Sportpreise und dergleichen 
Aufträge zugefallen; besonders vor dem neuerlichen 
Sinken des Silberpreises. Ihren Absatz haben die Ber 
liner Geschäfte rüstig erweitert, obwohl die Zollkämpfe 
und die Konkurrenz anderer deutscher Plätze, sowie 
der englischen, österreichischen und italienischen 
Fabriken ihr die Arbeit nicht leicht machen. Im 
ganzen hat nach allen Berichten doch die Nachfrage 
nach besserer Ware zugenommen. 
Ihren Formenkreis hat die Neusilber-Industrie 
meist dem im Silber herrschenden Geschmack anpassen 
zu müssen geglaubt; sie hat die Wandlungen von der 
Renaissance durch das Barock und Rokoko bis zum 
jüngsten Empirestil treulich mitgemacht. Es ist gerade 
anlässlich der Ausstellung von 1896 die Frage auf 
Halskette. J. Schaper.
	        
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