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Gruppe VII. Metallindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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fachen Reihe selbständiger Schöpfungen verwertet 
worden, an denen einige künstlerisch geleitete Ateliers 
ihre beste Kraft eingesetzt haben. Die Ehrengeschenke, 
die das deutsche Reich zur Weltausstellung in Chicago 
schickte, zeigten die ersten Proben dieser ausgedehnten, 
frischen Thätigkeit. Als zweiten Gewinn der letzten 
Jahre darf man die sorgfältige Schulung in künstlerischer 
Ciselierung ansehen, die besonders das Kunstgewerbe- 
Museum in seinen verschiedenen Fachklassen pflegte. 
Die virtuose Silberbehandlung der Pariser Meister aus der 
Zeit des Rokoko und des Louis XVI-Stils ist an besten 
alten Mustern studiert und in die besseren Werkstätten 
eingeführt worden, so dass auch diese letzte Voll 
endungstechnik für uns erobert worden ist. Die Berliner 
Silberkunst ist jetzt völlig vorbereitet, über die Nach 
ahmung alter Muster hinaus auch freierere, moderne Er 
findungen bedeutender Künstler in Werkarbeit um 
zusetzen. 
Die Ausstellung von 1896, auf der diese Unter 
gruppe 41 Aussteller zählte, spiegelte die jüngeren 
Abschnitte dieser Entwicklung mannigfach wieder. 
Alle grösseren Firmen hatten sich eingefunden und 
nach einheitlichem Plane in gleichartigen Schränken 
von Dunkelmahagoni-P'ärbung ausgestellt. Bei vielen 
Ausstellern waren Silber- und Goldarbeiten vereinigt, sei 
es, dass sie selber beides in eigener Werkstatt her- 
steilen, sei es, dass sie nur das eine Gebiet selbstthätig 
üben und des Ladengeschäfts halber das andere als 
Besteller oder Verkäufer mitpflegen müssen, sei es, dass 
ihre Thätigkeit überhaupt mehr vermittelnd ist und sie 
wesentlich die Erzeugnisse ungenannter Werkstätten auf 
den Markt bringen. Die Silberwaren werden in einigen 
grossen und mehreren mittleren Fabriken gefertigt, 
teils mit den dort eingestellten Kräften, teils unter 
Heranziehung unabhängiger Künstler, Architekten, Mo 
delleure und Ciseleure. Einige Ciseleure hatten mit 
den Graveuren in der Gruppe VIII ausgestellt. Die 
meisten Firmen hatten für die Ausstellung, so gut es 
bei der kurzen Vorbereitungsfrist möglich war, einige 
besondere Stücke im Rahmen des Verkäuflichen 
geschaffen und auch einzelne Gelegenheitsstücke, 
Ehrengaben und dergleichen herangezogen. Allein 
um einen vollen Begriff von der Leistungskraft 
unserer Werkstätten zu geben, hätten die zahlreichen 
Einzelstücke, die in den letzten Jahren hier entstanden 
sind, in noch grösserer Zahl und besserer Auswahl zur 
Stelle sein müssen, was sich teils durch den hohen 
Geldwert dieser Gegenstände und teils dadurch verbot, 
dass sie als Wanderpreise ihren gegenwärtigen Besitzern 
nur auf Frist anvertraut und deshalb nicht verfügbar 
sind. Ohnehin ging ja der Versicherungswert gerade 
dieser Abteilung in die Millionen. Da das Berichts 
werk in der Regel nicht die einzelnen Aussteller, 
sondern die Gesamtheit der Erzeugnisse kennzeichnen 
soll, so dürfen wir hier ohne Rücksicht auf die Werk 
stätten die Silberarbeiten und die Schmucksachen 
getrennt behandeln. 
Unter den Werken der Silberschmiede wogen Ge 
brauchsgeräte und Festgeschenke vor. Kirchliche Auf 
träge fallen unseren Werkstätten seltener zu, können 
aber auf das Edelste gelöst werden, wie das romanische 
Altargerät für die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche 
zeigte. An die grossen Ehrengaben, an denen sich in 
den achtziger Jahren unsere Werkstätten geschult hatten, 
erinnerten einige prächtige Stücke aus dem Tafelsilber 
des Fürsten Bismarck, darunter der Mittelaufsatz, eine 
Viktoria auf dem von zwei Germanen gezogenen Sieges 
wagen, und zwei Armleuchter, Arbeiten, aus denen der 
leitende Geist eines wirklichen Künstlers sprach. Leider 
ist die Lehre, die man aus der Anlage und dem Erfolg 
jener grossen Aufträge hätte ziehen müssen, nicht 
überall beherzigt worden. Noch glaubte z. B. eine 
grössere Werkstätte, die ihrem alten Rufe eine Fülle 
ansehnlicher Bestellungen verdankt und damit eine 
grosse Vitrine füllen konnte, jedes freieren künstlerischen 
Beirats antraten zu können und sich mit der geistlosen 
Wiederholung verbrauchter Motive begnügen zu dürfen. 
Dass die Schuld nicht auf die Besteller abgewälzt 
werden kann, bewiesen mehrere tüchtige Stücke aus 
anderen Werkstätten, Ehrenschilde, Votivtafeln u. dergl. 
Im ganzen bildete das Gebrauchsgerät den frischeren 
Teil der Vorführungen. Eine Tafelgarnitur aus Punsch 
bowle, Armleuchtern und Schüsseln, die als Haupt 
gewinn angekauft worden waren, mehrere ähnliche 
Tafelstücke, Aufsätze, Schalen, ferner eine Reihe von 
Thee- und Kaffeeservicen, eine Waschtischgarnitur und 
dergl., endlich eine ansehnliche Anzahl stattlicher 
Leuchter zeigten, dass man für geschmackvolle, gut 
ausgeführte Arbeiten in anerkannten Stilformen auf Ab 
nahme zu rechnen wagt. Für eine besonders umfangreiche 
Tafelgarnitur aus fünf Teilen, an deren Mittelstück eine 
Gruppe von Tritonen und Nixen verwertet war, die 
einem Riesen das geraubte Boot abzujagen suchen, 
hatte der Bildhauer (E. Boermel) auch kleine elektrische 
Lämpchen anmutig benutzt. Auch für die übrigen Ar 
beiten dieser Art waren besonders Bildhauer (P. Schley, 
H. Eichberg) als Erfinder herangezogen worden. 
Sie hatten als Formenkreis vorwiegend das Rokoko 
benutzt, das vor fünfzehn Jahren durch Adolf Heyden in 
unsere Werkstätten eingeführt worden ist, und das auch 
in den Fachklassen unseres Kunstgewerbe-Museums noch 
vorherrscht. Daneben waren einige Versuche im Stil 
Louis XVI. und in den strengeren Formen des Empire 
zu sehen. In mehr maschineller Arbeit hatte man ge 
wisse glatte Waren, wie sie heute in England Mode 
sind, gefertigt. Im ganzen ist durch die Anlehnung an 
die alten Vorbilder der ungeheuerliche Naturalismus, der 
sich vor Beginn unserer kunstgewerblichen Bewegung 
breit machte, so weit zurückgedrängt worden, dass ver 
einzelte Geräte in Form von Tierköpfen und dergl.,
	        
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