Path:
Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

342 
tönt. Ecken, Mittelstücke, Spangen und ganze Deckel 
aus Silber, Silberimitationen, Kupferniederschlägen, 
Bronze und leider auch Zink, mit Ornamenten und 
Figuren reich bedacht; dazu auch Elfenbein und Schildpatt 
oder ihre Surrogate und edle Steinarten, wie der schim 
mernde Onyx; das alles meist in lebhaftem Relief ge 
halten, zum Teil recht tüchtig gezeichnet und modelliert. 
Aber auch hier erhebt sich, wie oben bei den Leder 
arbeiten, die Frage, ob es gelingen wird, diesen ganzen 
Aufwand so durchzuführen, dass auch das Einzelne 
künstlerisch und technisch vollauf befriedigt. Wenigstens 
kündigte sich in einer Reihe von Beispielen eine neue 
Richtung an, die auch in diesem Zweige der Leder 
arbeit von dem gefälligen, leicht bunten Reichtum zu 
ernsterer Grösse hinstrebt. Man hatte sich hie und da 
gesagt, dass das Album nicht immer einzeln als Prunk 
stück auf dem Tische liegen werde; dass man es ge 
legentlich auch in den Bücherschrank stellen oder 
zwischen andere grössere Bände werde legen wollen, 
dass aber dafür die meisten Deckel mit ihrem Metallzierrat 
ganz untauglich seien, ja dass, wer mehrere solcher 
Albums besitze, wohl schon erfahren habe, dass ihre 
Deckel durch Kratzen einander arg zu beschädigen pflegen. 
Es scheint daher, als ob auch das Album mehr als Buch, 
als glatter Lederband gestaltet werden wird, bei dem 
dann das schöne Material mit allen Reizen seiner Ober 
fläche und der Färbung und mit massvollem, einge 
presstem oder eingelegtem Zierrat die Hauptsache sein 
würde. Vorläufig gilt es noch, die Käufer an diese 
Ansprüche zu gewöhnen; denn noch wird, nach der 
Ausstellung zu urteilen, das Album meist als kleines 
Salonmöbel gewünscht und erhält deshalb gar seine 
eigene Staffelei, die besonders leicht dazu beiträgt, den 
Eindruck des missverstandenen Prunkes zu erhöhen. 
Als Besonderheiten dürfen wir die Doppelalbums mit 
gemeinsamem Verschluss und die Albums mit Musik 
herausheben. 
Wenn wir von der Industrie jetzt 
zu künstlerischer Einzelarbeit über 
gehen, so darf der Lederschnitt 
voranstehen. Die schöne Kunst war 
einst im späteren Mittelalter zumal 
in Deutschland viel geübt worden, 
aber schon während der Renaissance 
verloren gegangen. Es ist ein be 
sonderer Ruhm des heutigen deut 
schen Kunstgewerbes, diese Technik 
nicht nur wieder belebt, sondern 
auch zu ihrer vollkommenen Wir 
kung ausgebildet zu haben. Einzelne 
Versuche waren in Wien, München 
und Leipzig gemacht worden, als am 
Ende der siebziger Jahre Georg Hulbe, 
dessen Künstlersinn und Schaffens 
lust der Beruf als kleiner Buchbinder 
in Kiel nicht befriedigte, sich nach Hamburg wandte, um 
sich dort zeichnerisch auszubilden, und durch den Direktor 
des Hamburger Gewerbe-Museums, Justus Brinckmann, 
auf die alten Vorbilder der Lederplastik hingewiesen 
wurde. Von Hamburg aus hat Hulbe, in dem sich der 
Handwerker, der Künstler und der Geschäftsmann ver 
einigen, was leider in unserem Kunstgewerbe so selten 
ist, aus kleinsten Anfängen heraus einen neuen Zweig des 
Kunstgewerbes geschaffen, in dem er jetzt allein gegen 
200 Mitarbeiter beschäftigt; an vielen Orten Deutschlands 
hat er Nachfolger gefunden und auch auf dem Weltmarkt 
der deutschen Arbeit Ehren und Erfolge eingetragen. 
Seit 1886 besteht ein Zweiggeschäft der Firma in Berlin, 
so dass sie auf der Ausstellung in einem hübschen Pavillon 
im Mittelschiff selbst auftreten konnte; ein zweites, gefäl 
liges Häuschen hatte ein in Berlin heimischer Meister 
errichtet. Man konnte sehen, welch weites Feld das 
künstlerisch bearbeitete, bald flach geritzte, bald im 
Relief getriebene Rindsleder sich in diesen zwanzig 
Jahren erobert hat. Grosse Füllungen zur Decken- und 
Wandbekleidung, Tapeten, allerhand Möbel, besonders 
Stühle, Sofas, Bänke, Sitztruhen, ferner Wandschirme, 
Ofenschirme, Papierkörbe, alles wesentlich moderne 
Aufgaben. Dazu die altüblichen Zwecke, Einband 
decken für Prachtbände, Adressen, Diplome, Mappen; 
endlich eine Fülle kleinerer Geräte jeder Grösse und 
jeder Art, bei denen, wo es not thut, auch die Pressung 
mit guten Stempeln eintritt, jedoch stets scharf getrennt 
von der Handarbeit. 
Ueberall war das Leder seinem Stil gemäss an 
gewendet und gefügt: Flechtarbeit und Verschnürungen 
an den Kanten und Rändern, vorwiegend glatte, nur 
geritzte Flächen auf den Polstern. Die Zeichnung der 
Muster bewegte sich in allen neueren Stilarten, von der 
vollsaftigen Spätgotik durch die breite Renaissance und 
das Rokoko bis zu modernem Pflanzenornament; auch 
im Figürlichen strebte man neuer 
dings immer entschlossener nach vor 
nehmer Grösse. Die bunte Bema 
lung und reiche Vergoldung, durch 
die man unter der üblichen Berufung 
auf die Wünsche des Publikums 
die Wirkung verstärken zu müssen 
glaubte, scheint zum Glück in den 
neuesten Arbeiten zurückzutreten; 
und diese letzteren beweisen durch 
aus, dass das edle Material keines 
vergänglichen Anstrichs bedarf, son 
dern mit seinen eigenen, dauernden 
Mitteln nicht nur rein, sondern auch 
kräftig wirken kann. Man darf hoffen, 
dass insbesondere der vielseitige 
Führer dieser edlen Kunst sie auch 
weiter auf ihren eigenen Bahnen zu 
neuen Erfolgen leiten werde.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.