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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Mässigung; nicht mehr dicke Goldschichten über die 
ganze Fläche hin, sondern sparsame, gut verteilte 
Ränder oder Einzelstücke, für die dann die Stempel 
um so sauberer geschnitten sein können. Nur die noch 
vielfach übliche Bemalung des Leders schiesst meistens 
über ihr Ziel hinaus; die Kräfte reichen selten hin, um 
ganz Gutes zu liefern oder sich auf das, was sie leisten 
können, zu beschränken; so gewinnt man oft den Ein 
druck, dass ein schönes Stück Leder durch den Pinsel 
verdorben worden ist. 
Bemerkenswert ist die Zurückhaltung, die neuer 
dings auch in den billigen Beschlägen geübt wird. 
Statt der prunkvollen Reliefs, an denen der Kenner 
natürlich die feinere Behandlung vermissen musste, 
sieht man massvolle, glatte Zierstiicke, die sich auf der 
Maschine tadellos herstellen lassen und deshalb auch 
die höchsten technischen Ansprüche befriedigen. Man 
belebt diese Teile gern durch geschickte Tönung des 
Ganzen. 
Das Bild, das diese Industrie auf der Ausstellung 
bot, darf im ganzen sehr günstig genannt werden. Die 
besseren Arbeiten geben dem, was der englische oder 
der Pariser Geschmack fordert und was die älteren 
Fabrikationsorte Wien und Offenbach leisten, nichts 
nach. Das ist um so mehr anzuerkennen, als die ge 
schäftliche Lage der Berliner Ledergalanterie seit einigen 
Jahren durchaus nicht glänzend ist. Die Etuis- und 
Ledergalanterie-Arbeiter hatten sich nach der Auf 
hebung des Zunftzwanges selbständig neben die Buch 
binder gestellt; auf der Ausstellung von 1844 waren 
mehrere Geschäfte als solche genannt. Von den 1896 
vertretenen Spezialgeschäften bestehen einige schon 
seit den fünfziger Jahren. Mit dem Aufschwung unserer 
Kunstindustrie war auch dieser Geschäftszweig in Berlin 
lebhaft gestiegen und hatte sich auf dem Kontinent, 
in England und in Amerika beträchtliche Absatzgebiete 
erobert. Im Jahre 1888 sagt ein amerikanischer Be 
richt: »Die Einfuhr deutscher Lederwaren ist sehr be 
deutend, und besonders ist es Berlin, welches sich an 
dieser Einfuhr in hervorragender Weise beteiligt. Den 
Leistungen der Berliner Lederwaren-Industrie zollt man 
die grösste Anerkennung. Der bei weitem grösste 
Prozentsatz von Photographiealbums, Portemonnaies und 
Cigarrentaschen, sowie anderen Lederwaren, welche sich 
auf den hiesigen Märkten vorfinden, stammt aus Berlin.« 
Aber die Schutzzölle der fremden Staaten haben seit 
dem auch dieser Industrie empfindlichen Abbruch ge- 
than. Das ist am stärksten in der Albumfabrikation 
empfunden worden, dem Teile der Lederarbeit, der 
im Berliner Export an der Spitze gestanden hat. 
Für die Albums, die trotz der kleinen Zahl 
von Ausstellern auch diesmal zu einer eigenen Unter 
gruppe herausgehoben waren, war Berlin vor kurzem 
der Hauptplatz. Im Jahre 1880 wurden für 4^2 Millionen 
Mark hergestellt, im Jahre 1889 für 9 Millionen, wobei 
etwa 2000 Arbeiter beschäftigt wurden. Jetzt erreicht 
die Produktion kaum die Hälfte; die Preise sind sehr 
empfindlich zurückgegangen und grosse Verluste sind 
zu verzeichnen; man hat berechnet, dass von etwa 
100 Firmen dieses Geschäftszweiges nur etwa 35 die 
ganze Entwicklung mitgemacht und alle Schwankungen 
überdauert haben. Erst ganz neuerdings scheint sich 
das Geschäft leise zu heben, zunächst der Absatz in 
Deutschland selber und auch nach dem Ausland. Denn 
diese Industrie ist auf den Export zugeschnitten und 
angewiesen. Allein die Zölle in ihren früheren Absatz 
gebieten machen sich besonders wegen des schweren 
Gewichts dieser Ware sehr bitter fühlbar; sie stiegen 
zum Teil bis auf 250 Prozent des Wertes, so dass 
z. B. Frankreich, Schweden, Russland als vollständig 
verloren gelten. Die Handelsverträge haben zu geringe 
Ermässigungen gebracht, als dass das Geschäft sich 
hätte wiederherstellen können. Unter dem Schutze 
dieser Zölle sind in den damaligen Exportländern 
eigene Fabriken entstanden, da die Materialien nicht 
teuer sind und die Löhne nur 20 Prozent vom Wert 
ausmachen. Der schwerste Schlag war auch hier der 
Mac Kinley-Tarif und die amerikanische Krisis; die 
Vereinigten Staaten, die im Jahre 1889 ein Drittel der 
Berliner Albumfabriken beschäftigt hatten, nahmen 
1895 nur ein Fünftel des ehemaligen Absatzes auf. 
Auch die Mode hat wohl ihren Anteil an dem Wechsel. 
Seit die Photographie immer allgemeiner wird, scheint 
das Sammeln in Albums abzunehmen; wir stellen das 
Bild der nahen Freunde unter Glas und Rahmen uns 
vor Augen, und die Masse muss sich oft mit einem 
Platz im Schubkasten begnügen. Dies scheint nament 
lich den Verkauf nach England beeinträchtigt zu 
haben. 
Aus dieser Lage mag es sich erklären, dass die 
Albumindustrie nur mit fünf Namen vertreten war, 
gegen ca. zehn im Jahre 1879 und gegen etwa siebzig 
Betriebe. Es hiess, dass einzelne Firmen auch ihrer 
Abnehmer wegen Bedenken getragen hätten, ihre Ar 
beiten hier direkt vorzuführen. Im ganzen fand man 
die bessere Ware von gutem Material und sauberer 
Arbeit vertreten. Die Fabrikanten wären sehr zufrieden, 
wenn sie mit dieser besseren Ware Lohn genug fänden, 
um sich darauf beschränken zu können. In Deutsch 
land selber haben sich die Ansprüche neuerdings 
gehoben, während früher darüber geklagt wurde, dass 
die Artikel möglichst gross sein, nur äusserlich in 
die Augen fallen und für runde Bazarpreise billig zu 
geschnitten sein müssten. Es ist kein Zweifel, dass 
die Albums diesen Ansprüchen auch in ihrem Zier 
rat und in ihrem Stil vielfach nachgeben müssen. 
Obwohl das Leder, von verschiedenster Art und 
Güte, das Hauptmaterial für die Albumdecken bildet, so 
ist daneben der Beschlag- und Belagschmuck so üppig 
entwickelt, dass er oft den bescheideneren Hauptstoff über-
	        
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