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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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der brauchbarste Stoff gewesen ist: Brieftaschen, Bank 
notentaschen, Geldbörsen von mancherlei Gestalt, zu 
meist in der modernen Form des Portemonnaies, für 
die wiederum eine Reihe neuer Muster vorlag, Taschen 
für Visitkarten und Cigarren, also die Behälter, die der 
Einzelne persönlich mit sich führt. Ferner die trag 
baren Taschen unserer Damen, deren grössere Formen 
sich schon den Reisehandtaschen nähern, die zum 
grössten Teile bei den Koffern in Gruppe XIII vorge 
führt waren. Für die Reise die Trinkflaschen und die 
mancherlei Muster von Toilettetaschen, für die der viel 
deutige Fremdname Necessaires sich noch immer be 
hauptet. Nähkasten, Schmuckkasten, Handschuhkasten, 
Etuis und Spiegelrahmen für das Damenzimmer; Schreib 
mappen, Dokumentmappen, Bilderrahmen und Photo 
graphieständer für den Schreibtisch und das Wohn 
zimmer. Eine Fülle kleiner und kleinster Bedarfsartikel, 
wie Feuerzeuge, Schachteln u. dergl., wird fürsorglich 
aus den Federresten gefertigt, die beim Zuschneiden 
der grösseren Stücke abfallen. Ein Teil dieser Waren 
muss im Innern mit Feder, Papier und besonders 
Seide gefüttert und ausgestattet werden, wofür der 
Fachmann den Namen »konfektioniert« übernommen 
hat. Statt des Leders wird als Bezug auch Plüsch in 
mancherlei Art verarbeitet, zum Teil auch mit Sticke 
reien oder für das Besticken vorbereitet. 
So hat die feinere Lederindustrie sich für ihre 
Massenarbeit ein weites Gebiet erobert. Es versteht 
sich, dass für das Zuschneiden, die Verzierung u. a. in 
möglichstem Umfange die Hilfe der Maschine verwertet 
wird. Aber ein grosser Teil der Arbeit, das Zusammen 
stellen und Vollenden, wird ein Vorrecht der Hand 
arbeit bleiben. Daher stellt die Sauberkeit und Ge 
nauigkeit der Arbeit, die sich an dem grössten Teil 
der vorgeführten Gegenstände aussprach, dem Geschick 
der Berliner Federarbeiter ein treffliches Zeugnis aus. 
Einen ganz beträchtlichen Fortschritt haben alle 
ernsthaften Beobachter im Geschmack der Waren fest 
gestellt. Als vor etwa dreissig Jahren unsere kunst 
gewerbliche Bewegung einsetzte, empfahl man allerorten, 
an erster Stelle die Formen und die Arbeitsweisen der 
alten Meister des Mittelalters und der Renaissance 
wieder aufzunehmen. »Der Väter Werke« waren das 
höchste Vorbild nicht nur für den Kunsthandwerker, 
sondern auch für die breiter arbeitende Kunstindustrie. 
Ueberall wollte man die gepriesenen Muster Wieder 
sehen, die man aus den Handvergoldungen, den Feder 
mosaiken, den Punzenarbeiten der Alten kannte. Aber 
alle diese Muster waren einst in Handarbeit ausgeführt 
und für die Handarbeit ersonnen worden. Als solche 
waren sie für das heutige Kunsthandwerk recht wohl 
am Platze. Dagegen war die Kunstindustrie mit ihrer 
Maschinentechnik und Massenware übel daran. Sie 
hatte keine anderen Vorbilder, als die der alten Hand 
arbeit; und da die Theoretiker und das Publikum nur 
in dieser ihr Ideal sahen, so war es verführerisch, nun 
auch in der Massenware und mit der Maschine den 
Schein der Handarbeit zu erstreben. Man schnitt die 
Muster der alten, mühsamen Stempelvergoldung in 
Platten ein und presste sie bequemlich im ganzen auf; 
man gravierte das Relief des geschnittenen und ge 
triebenen Feders in Stahl und täuschte mit der ge 
pressten Ware nur zu leicht das kurzsichtige Publikum; 
man suchte durch überreiche und bunte Beschläge den 
Mangel an gediegener Qualität zu ersetzen. Mit diesem 
Stil hat unsere Industrie sich lange Jahre begnügen zu 
dürfen geglaubt. Und doch kann sie nicht hoffen, auf 
diesem Wege sich die Achtung der wahren Freunde 
unseres Kunstgewerbes zu erwerben. Das geübtere 
Auge merkt die Täuschung, und der gebildetere Ge 
schmack verachtet dieser Täuschung halber die ganze 
Arbeit. So war Gefahr, dass die Kunstindustrie sich 
selber in Misskredit bringe. Es ist darum höchst er 
freulich, an diesen Lederarbeiten wahrzunehmen, dass 
die Industrie sich auf sich selber und auf ihren eigenen 
Stil zu besinnen beginnt. 
Sie sucht nicht mehr durch falschen Zierrat, son 
dern zunächst durch das echte Material zu wirken. Die 
Auswahl und die Bearbeitung des Leders hat ausser 
ordentliche Fortschritte gemacht. Es werden alle ge 
eigneten Sorten herangezogen: Juchten, Kalbleder, 
Ziegenleder, Krokodil-, Schlangenhäute und vieles an 
dere, besonders der schöne Kap-Saffian; in der Ober 
fläche werden die verschiedensten Arten der Narbung 
geschätzt, besonders ist man in der Glättung der Fläche 
erheblich vorangeschritten und weiss sie zu starkem 
Glanze zu polieren. Man wird es weniger billigen, 
wenn durch maschinelle Pressung die Narben seltener 
Ledersorten künstlich nachgeahmt werden; da beginnt 
das böse Gebiet des Surrogats. Den grössten Fort 
schritt vielleicht hat die Kunst der Färbung gemacht. 
Vor nicht gar langer Zeit herrschten Schwarz, Braun 
und Rot fast ausschliesslich. Jetzt sind fast alle Farben 
hinzugetreten, bald kräftig, bald zart; ein leuchtendes 
Orange, ein sattes Grün, ein fein gestimmtes Stahlblau 
und viele andere; auch die Marmorierung nach engli 
scher Art war vertreten. Die Imitationen, dieser Fluch 
der heutigen Kunstindustrie, machen dem Leder wesent 
lich nur dort Konkurrenz, wo der Gebrauchszweck 
billigeres Material, insbesondere das sogenannte Leder 
papier, zulässt, an Bilderrahmen u. dergl.; schon ein 
älterer Berliner Handelsbericht beklagt es, dass gewisse 
Fabrikanten die Geldbörsen mit Papier fütterten, da 
durch bei unseren Kunden Misstrauen erweckten und 
den Kuf der ganzen Industrie schädigten. 
Mit dem echten Material ist auch in den Zierraten 
ein echterer Geschmack aufgekommen. Hie und da 
macht sich die Handvergoldung auch an Galanterie 
waren bezahlt. P'iir die Maschinenpressung befleissigt 
man sich daneben neuerdings einer vornehm wirkenden
	        
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