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Frühere Austellungen

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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politische Entwicklung unseres Jahrhunderts wieder. 
Was an seinem Ausgange von thatkräftigen, opfer 
willigen Bürgern in mehrjähriger planvoller Arbeit vor 
bereitet war, wurde damals von oben her kurzerhand 
dekretiert. Noch waren die Anschauungen des Polizei 
staates des 18. Jahrhunderts in Geltung, der eine Be 
vormundung der Unterthanen für zweckmässig und 
notwendig hielt; und in der That waren jene der lang 
gewohnten Leitung noch nicht ganz entwachsen. Die 
Vorbereitungsmassnahmen durchlaufen einen lang 
wierigen Instanzenweg: der Gewerbetreibende, der die 
Ausstellung beschicken will, muss sich bei der örtlichen 
Gewerbepolizeibehörde melden; ihm werden eine Reihe 
zum Teil unbequemer Fragen vorgelegt, die mehr ab- 
schrecken als zur Teilnahme ermuntern; es wird dann 
weiter an das Landratsamt berichtet; diese Behörde 
referiert der Bezirksregierung, die ihrerseits das Material 
an die Centralstelle schickt. Dabei suchte die Regierung 
in ihrer bekannten preussischen Sparsamkeit die finan 
zielle Unterstützung des Unternehmens möglichst einzu 
schränken -— ein Verhalten, in dem sich seitdem nichts 
geändert hat! 
Die ganze Ausstellung von 1822 trägt noch völlig 
den Charakter eines ersten Versuchs. Die Zeitdauer ist 
auf sechs Wochen beschränkt, als Ausstellungsräume 
genügen wenige Zimmer, die Besuchszeit ist auf die 
Stunden von 10 bis 4 Uhr begrenzt. Die Aufforderung 
der Regierung war von den Fabrikanten keineswegs ge 
nügend beachtet worden; viele der wichtigsten und 
grössten Warengattungen fehlten ganz oder grösstenteils. 
Insgesamt waren 176 Aussteller mit annähernd tausend 
Nummern beteiligt. 
Den grössten Raum nahmen die Produkte der 
Textilindustrie ein; auch Metall-, Thon- und Glaswaren 
waren vergleichsweise reichlich vertreten. Die Regierung 
hatte unter anderem die Ausstellung mit einer Sammlung 
von Modellen für Maschinen der Weberei beschickt. 
Nach der örtlichen Herkunft gehörten die meisten 
Aussteller dem Rheinlande, der Provinz Schlesien und 
der Stadt Berlin an; doch hatten auch andere Gebiets 
teile, so die Regierungsbezirke Minden, Potsdam, Erfurt, 
Stettin, Merseburg, teilgenommen. 
Im ganzen wurden 9514 Eintrittskarten verkauft; 
die Einnahmen betrugen 1792 Thaler. Diese Summe 
wurde vom Minister für Handel und Gewerbe dazu 
bestimmt, Zöglinge aus denjenigen Regierungsbezirken, 
die an der Preisbewerbung besonders erfolgreich teil 
genommen hatten, am Berliner Königlichen Gewerbe 
institut frei zu unterhalten. Nach Massgabe der Be 
teiligung an der Ausstellung entfielen 3 Freistellen auf 
Berlin, 3 auf den Regierungsbezirk Aachen, je 1 auf die 
Regierungsbezirke Düsseldorf, Potsdam, Liegnitz. 
Wenige Jahre später, in einer Periode geschäft 
lichen Aufschwunges, nachdem man sich von den 
Kriegen und ihren Nachwehen erholt hatte, wurde der 
Versuch erneuert. Auf Anordnung des Ministers des 
Innern wurde vom 2. September bis 15. Oktober 1827 
in Berlin eine Gewerbe-Ausstellung abgehalten. Weit 
mehr als die vorhergegangene lenkte sie die öffent 
liche Aufmerksamkeit auf sich. Die Zahl der Aus 
steller stieg auf 257, die der Ausstellungsgegenstände 
auf 1522, welche in acht Sälen des Akademiegebäudes 
Aufnahme fanden. Nur wenige Regierungsbezirke hatten 
sich ferngehalten, und zwar fast nur die industrieärmeren 
des Ostens. Die Ausstellung war auch der Qualität nach 
reichhaltiger und vielseitiger als die frühere. Wiederum 
bildete die Textilindustrie den Mittelpunkt; daneben 
traten die Erzeugnisse zahlreicher anderer Arbeitszweige, 
insbesondere astronomische und physikalische Instru 
mente und in grösserem Umfange die Produkte der 
graphischen und chemischen Gewerbe hervor. Indes 
vermochte auch diese Ausstellung noch nicht ein getreues 
Bild des preussischen Gewerbefleisses zu geben. Die 
Gewerbetreibenden mussten sich erst des bisherigen 
engen Gesichtskreises entwöhnen, um das volle Licht 
der breiten Oeffentlichkeit zu ertragen. Auch mochte 
mancher, besonders aus den entlegenen Bezirken, den 
schwierigen und kostspieligen Transport fürchten. 
Andere hielt die Besorgnis vor der Nachahmung sorg 
fältig gehüteter neuer Muster von der Beschickung der 
Ausstellung zurück. 
In immer wachsendem Umfange nahm die Berliner 
Industrie an den Ausstellungen teil. Von sämtlichen 
Gegenständen gehörte 1821 beinahe die Hälfte Berliner 
Gewerbetreibenden an; aber auch hier fehlten die Er 
zeugnisse vieler blühenden Gewerbe, die sehr wichtige 
Waren des Handels herstellen, beispielsweise Flanelle und 
glatte Baumwollzeuge; die umfangreiche Kattunfabri 
kation, die sogar der englischen Konkurrenz ge 
wachsen war, war fast garnicht vertreten. 
Bisher waren die Ausstellungen auf den preussischen 
Staat beschränkt geblieben. Erst als durch die Gründung 
des Zollvereins die hemmenden Verkehrsschranken ge 
fallen waren und die zollvereinten Staaten sich zu einer 
wirtschaftlichen Einheit zusammengeschlossen hatten, 
konnte man das Ausstellungsgebiet erweitern. So kam 
im Jahre 1844 eine grosse allgemeine deutsche Gewerbe- 
Ausstellung in Berlin zu stände, nachdem zwei Jahre vor 
her in Mainz eine kleinere vorhergegangen war. 
Die Lage des Gewerbes in jenem Zeitpunkt wird 
in einem Vortrage, den der Brauereidirektor Fr. Gold 
schmidt gelegentlich der 50jährigen Stiftungsfeier des 
Berliner Handwerkervereins hielt, folgendermassen ge 
kennzeichnet: »Alles drängte zu einer Umgestaltung 
hin, die Industrie begann aus ihren Anfängen heraus 
zuwachsen, Gebiete in Anspruch zu nehmen, die bis 
dahin unbestritten dem Handwerk gehört hatten. Das 
preussische Handwerk hatte nach dem Befreiungskriege 
mit der freieren Bewegung, welche die Gesetze von 1811 
ermöglichten, auf allen Gebieten seiner Thätigkeit einen
	        
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