Path:
Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

339 
noch jungen Industriezweige dank der Thatkraft und 
Intelligenz der darin schaffenden Kräfte eine weitere 
glänzende Entwicklung beschieden sein wird. 
Sally Frankenstein. 
Kotillonorden und dergl. 
Die Anfänge dieses Industriezweiges liegen in der 
Zeit, als in den vom Katholizismus beherrschten Län 
dern die Festlichkeiten des Karnevals sich entwickelten. 
Unter dem Maskendeckmantel konnte man dem 
Uebermut ungehindert die Zügel schiessen lassen; um 
nun der vornehmen Welt, die sich mit Orden und 
Ehrenzeichen hervorthat, nichts nachzugeben, wurden 
Papierorden u. s. w. gefertigt, mit denen sich die sonst 
Ordenslosen überreich schmückten. Der Ursprung un 
serer heutigen Kotillonorden ist in den Städten Venedig 
und Mailand zu suchen. Mit der Ausbreitung des 
Katholizismus fand auch Prinz Karneval mit seinen 
Orden Aufnahme in Deutschland; zunächst in Süd-, 
später auch in Norddeutschland. Nürnberg, Dresden 
und besonders Wurzen in Sachsen sind bis auf den 
heutigen Tag in der Anfertigung von Papier- und 
Pappsachen thätig; doch kommen neuerdings meist nur 
noch die Rohstoffe von dorther, wo die Goldschläge 
reien, die Fabriken von Metallpapier u. s. w. (Fürth) 
ganzen Stadtvierteln ihr charakteristisches Gepräge 
verleihen. Gegenwärtig ist Berlin gross in der Zusammen 
stellung des Materials und auf dem Gebiete der Kotillon- 
sachen tonangebend, wie das auf der Gewerbe-Aus- 
stellung 1896 sich glänzend gezeigt hat. 1879 war 
noch kein Geschäft dieser Geschäftszweige vertreten. 
Die Berliner Erzeugnisse gehen nach allen Teilen 
Deutschlands; ein Export findet freilich bisher nur in so 
geringem Massstabe statt, dass er kaum als bemerkens 
wert zu bezeichnen ist. Dr. Heinrich Fränkel. 
Christbaumschmuck. 
In dieser Branche kommen in Berlin vier Fabri 
kationsfirmen in Frage, von denen eine (Kühnert & Co.) 
eine sehr ansehnliche Stellung einnimmt. Früher han 
delte es sich auf diesem Gebiet nur um Glassachen, 
die aus Lauscha im Thüringer Wald bezogen wurden. 
Erst neuerdings hat sich, durch immer neue Dar 
bietungen der Produktion angeregt, ein reicher und 
mannigfacher Konsum entwickelt. Als Rohmaterial 
dienen heute ausser Glas auch Lametta (sogenannter 
Leonischer Draht, der in der Nürnberger Gegend 
fabriziert wird), Watte, Papiermache, Wachs u. a. m. 
Man fabriziert daraus Sternchen, Schäfchen, Kugeln, 
Kronen, Luftballons, Röhren u. s. w. Zum Teil 
werden dieselben Gegenstände auch als Kotillonorden 
verwandt. Hand in Hand mit der Christbaumschmuck 
fabrikation geht vielfach auch die Herstellung künst 
licher Christbäume. Ihren Absatz findet die Berliner 
Christbaumschmuckfabrikation in allen Teilen Deutsch 
lands, dann besonders in Amerika, Oesterreich- 
Ungarn, Griechenland, der Türkei, Italien und Spanien. 
In den Ländern Südeuropas, in denen der Christbaum 
nicht üblich ist, hat man dafür Weihnachtspyramiden, 
für deren Verzierung die Christbaumschmuckgegen 
stände in noch grösseren Mengen bezogen werden, als dies 
seitens derjenigen Länder geschieht, in denen die Sitte 
des Christbaums besteht. Uebrigens breitet sich diese, 
namentlich befördert durch die deutschen Kaufleute 
und Auswanderer, in allen Erdteilen immer mehr aus, 
was auf die Branche sehr günstig einwirkt. Die Kon 
kurrenz innerhalb derselben ist allerdings bereits ausser 
ordentlich stark; mit Berlin stehen Lauscha, Nürnberg, 
Halle und Leipzig in Wettbewerb. Die Reichshaupt 
stadt behauptet sich aber im Kampfe mit bestem Er 
folg. Die obengenannte grösste hiesige Fabrik besitzt 
zugleich eine ansehnliche Betriebsanlage in Lauscha. 
In Berlin ist die Fabrikation meist Hausindustrie, die 
in Reinickendorf und anderen Vororten ihren Sitz hat 
und überwiegend Arbeiterinnen beschäftigt. 
Die Ausstellung bot eine längst erwünschte Ge 
legenheit, vor den Augen der Welt die Leistungs 
fähigkeit der kräftig emporblühenden jungen Branche 
zu bethätigen und ist hierfür mit bestem Erfolge be 
nutzt worden. Dr. Heinrich Fränkel. 
Galanteriewaren aus Leder, Plüsch u. s. w., 
Buchbinderarbeiten, Albums. 
Die Lederindustrie hatte ihr Rohmaterial und die 
Nutzfabrikate grösseren Massstabes in einer eigenen 
Gruppe XIII vereinigt. Wir haben oben dargelegt, wie 
man nach dem Vorgang von 1879 dazu gekommen ist, 
die kleineren Lederarbeiten und besonders die künst 
lerischen und kunstindustriellen Waren in die Gruppe VI 
einzureihen. Entsprechend der Reihenfolge der Unter 
gruppen werden wir auch im Folgenden die eigent 
lichen Lederwaren voranstellen, obwohl die Buchbinder 
kunst nach Alter und Wert ihrer Arbeit billig an der 
Spitze stehen sollte. 
Da die Berliner Ledergalanterie-Arbeiten seit 
langem nicht geschlossen vor die Oeffentlichkeit ge 
treten waren, so hat die Ausstellung weite Kreise an 
genehm überrascht. 35 Aussteller, meist recht ansehn 
liche Geschäfte, die teils das ganze Gebiet, teils be 
stimmte Spezialitäten pflegen und entweder fabrik- 
mässig arbeiten, oder die Hausindustrie beschäftigen, 
hatten in schlichten Schränken die vielseitigen Waren 
mit Geschmack aufgebaut; die Gegenstände selbst so 
mannigfach, wie sie nur die heutige Mode schaffen kann, 
die zu dem Notwendigen stets neues Ueberfhissiges er 
sinnt. Zunächst das weite Gebiet der Taschen und 
sonstigen Behälter, für die ja das Leder von Alters her 
22*
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.