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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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massigen Betriebe zur regelrechten Fabrikation unter 
nehmen zu können. Dafür glaubte er in seiner Heimat 
Schlesien ein leichteres Feld zu haben, weshalb er 
dorthin übersiedelte, während gleichzeitig (1882) die 
noch heute bestehende Firma Paul Baschwitz die erste 
Büstenfabrik in Berlin errichtete, die im Verlaufe nur 
weniger Jahre die ausländische Konkurrenz derart lahm 
zulegen wusste, dass die Einfuhr von Büstenerzeug 
nissen schnell auf ein immer geringfügigeres Quantum 
zurückging. 
Aus diesen Anfängen, heraus hat sich eine Industrie 
entwickelt, die, vor zwei Jahrzehnten in Deutschland 
überhaupt noch unbekannt, heute in Berlin durch eine 
ganze Reihe kaufmännisch geleiteter Unternehmungen 
vertreten ist und von hier aus nicht nur ganz Deutsch 
land versorgt, sondern auch einen keineswegs gering 
zu veranschlagenden Exportverkehr sowohl mit den 
Ländern des europäischen Continents wie namentlich 
auch mit Amerika unterhält. Die »Vereinigten Berliner 
und Erdmannsdorfer Büstenfabriken vorm. Edmund 
Boehm u. Th. Haroske«, welche aus der Fusion einer 
hiesigen mit der inzwischen zu erheblicher Ausdehnung 
gelangten Fabrikfirma des Begründers der Branche 
hervorgegangen sind, umfassen wohl das bedeutendste 
Etablissement, welches der Geschäftszweig überhaupt 
aufzuweisen hat. In dem imposanten Ausstellungskiosk 
der Firma bot sich ein anschauliches Bild der mannig 
fachen Industrieen, die unter dem .Titel »Schaufenster- 
und Dekorations-Utensilien« vereinigt sind und heute 
nicht nur jedes Material: Holz, Glas, Metall, Papier 
mache, Wachs etc. etc., sondern auch alle Errungen 
schaften der Technik, die nicht nur zahlreiche Hand 
werks- und Fabrikbetriebe, sondern auch das Kunst 
gewerbe in hervorragendem Masse sich dienstbar 
machen. 
Es darf mit besonderer Genugthuung betont werden, 
dass die Büstenfabrikation heute ausnahmslos in den 
Händen von Berliner Unternehmern sich befindet, und 
dass die ausländische Konkurrenz auf diesem Gebiete 
längst aufgehört hat. Nicht minder erfolgreich war 
man bemüht, die Erzeugung von Metallgegenständen 
für Dekorationszwecke zu hoher Leistungsfähigkeit zu 
führen. Während früher die zahllosen Artikel dieser 
Kategorie hauptsächlich von England bezogen werden 
mussten, sind im Laufe des letzten Jahrzehnts hier 
Spezialfabriken entstanden, die sehr Anerkennens 
wertes leisten und heute den ständig grösser werdenden 
inländischen Bedarf kaum zu decken vermögen. Pür 
die Gediegenheit der Arbeiten und deren gleichmässigen 
Ausfall bürgt die Verwendung bewährtester Hilfs 
maschinen, die mit Dampf- oder elektrischer Kraft be 
trieben werden. Besondere Sorgfalt widmet man der 
ebenfalls in eigenen Werkstätten eingerichteten Ver 
nickelung und Ciselierung der Metallgegenstände, denen 
wir heute in fast jedem Schaufenster begegnen, wo sie 
in Verbindung mit geschliffenen und facettierten Glas 
platten zu wirkungsvoller Warenauslage dienen. In 
neuerer Zeit werden dazu vielfach noch mechanische 
Vorrichtungen verwertet, durch welche die elegant aus 
geführten Metallgestelle sich selbstthätig auf- und ab 
bewegen, wie auch durch Anbringung von farbigen, in 
beliebigen Intervallen erstrahlenden Glühlampen be 
sondere Effekte erzielt werden. 
Als weiterer Zweig ist die Abteilung der für Ge 
schäftszwecke benötigten Holzarbeiten zu erwähnen. 
Dahin gehören nicht nur die zahlreichen Gegenstände, 
die zur vollständigen Einrichtung und Ausstattung der 
Geschäftslokale selbst gebraucht werden, sondern auch 
die Spezialzwecken angepassten Gegenstände, wie Roll 
ständer, Atrappen, Austragekasten, Dekorationsutensilien 
u. s. w. 
Das Bestreben, dem Schaufenster immer neue An 
ziehungskraft zu sichern, hat seit einigen Jahren auch 
der bis dahin nur in Ausstellungen und Panoptiken zur 
Geltung gekommenen Wachsplastik eine nicht unbe 
deutende Rolle zugewiesen. Man beschränkt sich nicht 
mehr darauf, nur eine Büste, einen schön frisierten Kopf, 
eine modellierte Hand oder dergl. auszustellen, sondern 
ganze Figuren, oftmals bekannte Personen verkörpernd, 
sogar Gruppen aus dem Strassenleben werden in voll 
endet künstlerischer Ausführung hergestellt und gehören 
heute, obwohl ihre Anschaffung mit nicht unerheblichen 
Kosten verknüpft ist, bereits zu den Erfordernissen 
einer zeitgemässen Dekorations-Technik. 
Wenn wir schliesslich noch erwähnen, dass ein 
keineswegs gering zu veranschlagender Zweig der von 
uns besprochenen Industrie sich mit der Erzeugung der 
unzähligen sogen. Zugabe- und Reklame-Artikel befasst, 
die in den Detailgeschäften fast aller Branchen den 
Käufern als Angebinde überreicht werden, und dass' 
auch diese Abteilung unausgesetzt aufSchaffung origineller 
Neuheiten ihr Augenmerk zu richten hat, — dass 
weiterhin die Fabrikation von Schaufenster-Rouleaux 
zahlreiche Kräfte in Anspruch nimmt und dass eine erst 
in jüngster Zeit herausgebrachte Erfindung sogar die 
Sonnenstrahlen zum automatischen Herablassen der 
Rouleaux benutzt, was für den Schutz der ausgestellten 
Waren von hohem Werte ist, — so ergiebt sich, dass 
wir es mit einem unendlich vielseitigen Gewerbe zu 
thun haben, dessen Thätigkeits- und Absatzgebiet sich 
mit der fortschreitenden Entwicklung des gesamten 
Geschäftsverkehrs noch unausgesetzt erweitert. Schon 
heute ist fast jedes Ladengeschäft für seinen Bedarf in 
Schaufenster- und Dekorations-Utensilien auf den Berliner 
Platz angewiesen; die sämtlichen Unternehmungen der 
Branche, die naturgemäss an dem geschmackvollen 
Arrangement und der eleganten Vorführung der Berliner 
Gewerbe-Ausstellungs-Objekte einen hervorragenden 
Anteil hatte, erfreuen sich stetig wachsender Umsätze, 
und mit Sicherheit lässt sich Voraussagen, dass diesem
	        
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