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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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breitung dieser Art der Firmen-Ankündigung hinsicht 
lich der Menge der Giebelverwendungen und der ge 
wählten Dimensionen grosse Fortschritte gemacht, so 
lässt doch die auch auf diesem Gebiete erforderliche 
künstlerische Originalität noch so gut wie alles ver 
missen. Hier macht sich noch immer eine allzu starke 
Anlehnung an fremde, namentlich französische Muster 
bemerkbar, die indessen durch Heranziehung geeigneter 
Kräfte aus den Kreisen der gegenwärtig mit so frisch 
pulsierendem Leben erfüllten Kunstgewerbeschulen der 
Reichshauptstadt leicht zu vermeiden wäre. 
Dr. L. Rosenow. 
Schaufenster-Dekoration und Konfektions 
büsten. 
Wer als Fremder nach Berlin kommt und, vom 
Potsdamer Bahnhof aus die Grossstadt betretend, sich 
unmittelbar in die Hochflut des mächtigen Strassen- 
verkehrs versetzt sieht, die der Potsdamer Platz mit 
seinen ragenden Palästen darbietet, wird nicht ohne 
Ueberraschung am Schnittpunkte der Potsdamerstrasse 
und der Bahnhofs-Zufahrtstrasse ein Haus gewahren, 
an welchem die Jahrzehnte, in denen Berlin sich zu 
seiner jetzigen Bedeutung entwickelt hat, fast spurlos 
vorübergegangen zu sein scheinen. Ein Ueberbleibsel 
aus unserer Vorväter Zeiten, bringt uns dieses Haus 
so recht zum Bewusstsein, welche Wandlung sich im 
Verlaufe einer verhältnismässig geringen Zeitspanne 
vollzogen, welche Umwälzungen unser gesamtes Er 
werbsleben erfahren hat. An einem der verkehrs 
reichsten Plätze der Stadt belegen, ist das seit Dezennien 
Geschäftszwecken dienende Haus gleichwohl nach der 
Strasse zu von einem breiten Vorgarten umsäumt, der 
das Fehlen moderner Schaufenster zur Genüge erklärt. 
Die zu Waren-Auslagen allerprimitivster Art benutzten 
kleinen Fenster sind mit Schlagläden versehen, während 
ein breites Einfahrtsthor den Zugang in das Haus und 
in die vom geräumigen Hausflur aus zugänglichen Laden 
lokale vermittelt. 
Eine treffendere Charakteristik der bescheidenen 
Anspruchslosigkeit, in der sich vordem das geschäft 
liche Leben vollzog, wäre dieser Besprechung kaum 
voranzuschicken. Jenes Haus, das wir heute geradezu 
als eine Merkwürdigkeit anstaunen, war noch in den 
sechziger Jahren der Typus des wohlsituierten Berliner 
Geschäftshauses. Damals beschränkte sich der eigent 
liche Geschäftsverkehr ausschliesslich auf die König 
stadt; der nach dem Feldzuge sprichwörtlich gewordene 
»Zug nach dem Westen« galt wohl als Vorrecht und 
Ziel unserer Finanz- und Geistesaristokratie, der Han 
delsverkehr blieb davon unberührt. Noch heute sind 
ja unsere alten grossen Geschäfte — die Hertzog, 
Israel, Gerson —- im Centrum ansässig, aber in macht 
vollem Vorwärtsschreiten hat das moderne Zeitalter 
die beengenden Grenzen durchbrochen und mit dem 
Wachstum der Stadt auch dem geschäftlichen Verkehr 
neue Bahnen gewiesen. So erstand bald in den für 
Geschäftszwecke zuvor kaum beachteten vornehmen 
Strassenzügen, die von der Gegend des Spittelmarktes 
aus nach dem Westen führen, sowie in den Strassen 
der Friedrichstadt ein Warenhaus nach dem andern, 
und in dem Zeitraum eines Vierteljahrhunderts hat sich 
die 1 1 /i, km lange Leipzigerstrasse zu einer Geschäfts 
strasse par excellence entfaltet, wie sie in gleicher 
Grossartigkeit kaum eine zweite Weltstadt aufzuweisen 
vermag. 
Zu einer Zeit, da das eingangs geschilderte Haus 
den Anforderungen des kommerziellen Lebens genügte, 
war die Bedeutung des Schaufensters und seiner Aus 
stattung so gut wie unbekannt. Die wenigen Hilfs 
mittel, deren ein Ladengeschäft bedurfte, lieferte der 
Tischler oder der Schlosser — für eine besondere 
Industrie, die sich mit der vollständigen Einrichtung 
von Läden und Schaufenstern befasste, fehlte jedes 
Bedürfnis. Damals hatte indessen die Berliner Mäntel- 
Konfektion bereits einen hohen Ruf erlangt, und der 
ziemlich belangreiche Bedarf in einem recht unschein 
baren Requisit — Kleiderbügel — bot einer Anzahl 
von Handwerkern Gelegenheit zum Broterwerb. Diese 
Kleiderbügel wurden mit Rücksicht auf die billigen 
Arbeitslöhne und das fast kostenlose Rohmaterial in 
Schlesien angefertigt und demnächst von den Ver 
fertigern selbst im Wege des Hausierhandels hier ab 
gesetzt. Auf diese Weise hatte ein gewisser Haroske, 
der als der eigentliche Begründer der Dekorations- 
Utensilien-Branche gelten darf, in die hiesige Konfektion 
sich eingeführt. Obwohl nur ein einfacher Handwerker, 
erkannte er bald, dass die sogenannten Konfektions 
büsten, die in jedem Mäntelgeschäft gebraucht wurden 
und ständige Neuanschaffungen erforderten, ein lohnen 
der Artikel sein müssten. Seine Versuche, dem bis 
dahin ausschliesslich von Paris und Brüssel eingeführten 
Fabrikat einen deutschen Wettbewerb an die Seite zu 
stellen, wollte man freilich in Interessentenkreisen nicht 
recht ernst nehmen. Das französische Erzeugnis war 
in der ganzen Welt als mustergiltig anerkannt, ein in 
langjähriger Erfahrung geschulter Arbeiterstamm hatte 
der Spezialität allmählich einen so hohen Grad der 
Vollendung aufzuprägen verstanden, dass Haroske nur 
mitleidigem Lächeln begegnete, als er eines Iages mit 
einer von ihm konstruierten und — aus Draht her 
gestellten Büste das französische Monopol zu be 
kämpfen unternahm. — Dennoch gelang es ihm, wenn 
auch nur langsam und unter Ueberwindung zahlloser 
technischen Schwierigkeiten, seinem Fabrikat Abnehmer 
zu schaffen, aber es fehlte ihm an ausreichenden Mitteln 
und an kaufmännischer Befähigung, um den Uebergang 
von dem inzwischen in Berlin begonnenen handwerks
	        
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