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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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jungen Branche der rührigen Berliner Industrie durch 
Erweiterung der Betriebe und Anpassung an die verän 
derten Erfordernisse der Produktionsmethoden Rechnung 
tragen. In früheren Jahren hatte Berlin gegen die Kon« 
kurrenz der Kieler und besonders der Kölner Gold 
rahmenleisten-Fabrikation schwer zu kämpfen, doch hat 
sich dies Verhältnis allmählich zu Gunsten Berlins geän 
dert, nachdem die Berliner P'abrikanten sich mehr und 
mehr der Herstellung der besseren Qualitäten zuwandten. 
Dass dies auch seitens der Konsumenten durchaus ge 
würdigt wird, zeigt der in den letzten Jahren sehr be 
deutend gestiegene Export von Goldleisten für die 
Rahmenfabrikation, der sich nach allen Ländern richtet. 
Besondere Erwähnung verdient eine auf hoher 
Entwicklungsstufe befindliche Hilfsindustrie der Photo 
graphierahmen-Branche, vermöge deren, wie interessante 
Mustervorführungen auf der Berliner Gewerbe-Ausstel- 
lung gezeigt haben, die grosse Billigkeit der so bestechen 
den und repräsentablen Photographierahmen-Fabrikate 
allein erklärlich wird. Es ist dies die Imitation sämt 
licher zur Photographierahmen-Fabrikation dienenden 
Holz- und Lederarten in Papier. Diese in Aschaffen 
burg und Teplitz schon seit einiger Zeit zur besonderen 
Meisterschaft ausgebildete Industrie liefert ein so bil 
liges und zugleich so täuschend ähnliches Surrogat 
aller echten zur Rahmenfabrikation dienenden Materialien, 
dass die Rückwirkung auf den immer grösseren Absatz 
im Auslande, für welches die Fragen der Billigkeit und 
der geringen Gewichtsspesen ganz besonders in Betracht 
kommen, nicht ausbleiben kann. 
In den hier zur Besprechung stehenden Abteilungen 
der Gruppe VI nahmen auch die sogen. »Parfüm- 
Galanteriewaren« einen nicht unbeträchtlichen Raum 
ein und fanden an dieser Stelle viel Beachtung, weniger 
ihres duftenden Inhalts wegen als ihrer graziösen und 
galanten Umkleidungen halber, welche von dem diese 
Artikel zumeist zu Geschenkzwecken kaufenden Publikum 
in immer neuen Formen und Aufmachungen verlangt 
werden. 
Dass die" Berliner Fabrikanten es verstehen, den 
Wünschen des Publikums entgegenzukommen, haben 
sowohl die einschlägigen Kollektionen in der Ausstel 
lung des »Chemiegebäudes« bewiesen, als auch die 
jenigen in Gruppe VI, welche namentlich von dem Ar 
tikel »Parfümzerstäuber« die interessantesten Varia 
tionen in allen Preislagen vom einfachsten bis zum 
elegantesten Refraichisseur aufzuweisen hatten. Auch 
in diesem Industriezweige steht Berlin unter den Pro 
duktionsorten an erster Stelle, und sein meist durch 
zahlreiche Berliner Kommissionshäuser vermittelter Ex 
port ist sehr beträchtlich. 
* * 
* 
Die Industrie der Firmenschilder-Branche hat 
auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung in der Gruppe VI 
der Kurz- und Galanteriewaren Aufnahme gefunden. 
Es ist dies wohl aus dem Grunde geschehen, weil die 
zur Fabrikation der Metall-, Glas- und Holzbuch 
staben nötigen Betriebe ihr Personal vorzugsweise aus 
den geschulten Arbeiterkreisen der meist in der Galan 
teriewaren-Fabrikation beschäftigten Gürtler-, Tischler- 
und Glasschleiferwerkstätten zusammensetzen. 
Die Firmenschilderbranche, mit Beginn der 1840er 
Jahre von Süddeutschland nach Berlin übertragen, hatte 
anfänglich schwer gegen die althergebrachten Firmen 
inschriften zu arbeiten. Erst vom Jahre 1855 an wurde 
auf die Ausstattung der Firmenschilder mehr Sorgfalt 
und Luxus verwendet. 
Die Gründerjahre brachten auch hier reiche Ernte, 
und die seitdem immer weiter fortgeschrittene Ent 
wicklung der Berliner Firmenschilderbranche dürfte 
dieselbe nunmehr wohl auf den höchsten Standpunkt 
gegenüber den anderen konkurrierenden Orten ge 
hoben haben. 
Bei einer Anzahl von 15 Betrieben grösserer Art 
bestehen in Berlin ca. 40 Werkstätten, welche sich 
lediglich mit Herstellung von Metall-, Glas- und Holz 
buchstaben zur Anfertigung von Firmenschildern beschäf 
tigen. Einzelne Spezialbetriebe fertigen noch Hof 
lieferanten- und Familienwappen, sowie Ausstellungs 
medaillen vergrösserten Massstabs in Zinkguss an. Was 
die Firmen-Malerei, als deren Muttersitz Wien aner- 
kanntermassen zu betrachten ist, anlangt, so dürfte Berlin 
die Wiener Arbeit bereits erreicht, wenn nicht im Aetz- 
verfahren und in Bezug auf elegante Zusammenstellung 
schon übertroffen haben. 
An Stelle des in früheren Jahren als Hauptmaterial 
für Firmenschilder verwendeten Holzes ist jetzt nach 
Herstellung des sogenannten naturschwarzen Spiegel 
glases Eisen getreten. Die schmiedeeisernen Firmen 
schilder in Verbindung mit Glas und geschliffenen 
Glasbuchstaben bilden heute die schönsten Zierden 
unserer Geschäftsstrassen und die Berliner Fabrikation 
darf sich rühmen, hinsichtlich des Geschmackes wie 
der freien künstlerischen Ausführung wahrhaft Muster- 
giltiges herzustellen. Obwohl Breslau, Frankfurt a. M., 
Leipzig und Dresden mehr oder weniger am deutschen 
Markt beteiligt sind, so kann doch behauptet werden, 
dass Berlin den Bedürfnissen des Weltmarktes in be 
friedigendster Weise genügt. 
Die Berliner Firmenschilderbranche war auf der 
Gewerbe-Ausstellung durch ihre namhaftesten Vertreter 
würdig repräsentiert und dürfte jedenfalls infolge ihrer 
mancherlei hervorragenden Ausstellungsobjekte ihr 
auswärtiges Absatzgebiet noch bedeutend vergrössert 
haben. 
Die sogen. »Giebel-Reklame-Malerei«, welche 
von einigen Firmen betrieben wird, hat in Berlin erst 
seit etwa 15 Jahren, veranlasst durch das Reklamewesen 
der verbreitetsten hauptstädtischen Tageszeitung, Ein 
gang gefunden. Hat auch die seither stattgehabte Aus
	        
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