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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

dass diese Bronzetönung eine wirklich echte, natürliche, 
auf chemischer Veränderung der Bronzeoberflächen 
schicht bestehende ist und dass dabei jede Anwendung 
von aufgetragener Farbe ausgeschlossen bleibt, wie sich 
dies leider bei den modernen Pariser Bronzen zumeist 
findet. Die tiefbraunen und roten Tönungen derselben 
sind gewöhnlich mit aufgebürsteten Farben getönt, da 
her in der Farbe nicht echt und widerstandsfähig, und 
das sog. »Nachwachsen« der Patina, d. h. die mit der 
Zeit noch zunehmende und immer reizvoller werdende, 
die Freude am Besitz stetig erhöhende Veränderung 
der natürlichen Metalltönung wirklich echter Bronzen, 
ist bei ihnen ganz ausgeschlossen. Auch der Ver 
edelung der Bronzearbeiten durch galvanische und 
Feuervergoldung wird von den Berliner Kunstgewerbe- 
Industriellen viel Sorgfalt und Studium zugewendet. 
Der galvanischen Vergoldung fällt die grosse Zahl der 
voluminösen Gegenstände zu, wobei sich in derselben 
Weise wie bei der Feuervergoldung Nuancierungen in 
der Vergoldung und vor allem eine Verbindung mit 
der Versilberung anwenden lassen. Die Sudvergoldung 
wird nur bei geringeren und leichteren, häufig aus 
Blech gearbeiteten Teilen angewendet. In den billigeren 
Massenerzeugnissen der Bronzegalanteriewaren-Industrie 
finden wir neben der Vergoldung durch galvanischen 
Niederschlag auch die Vernirung angewendet, durch 
welche sich die verschiedenen Schattierungen des Gold 
tons leicht herausbringen lassen. Während die besseren, 
einen besonderen Kunstwert darstellenden Erzeugnisse 
der Berliner Bronze-Industrie in Gruppe VII der Ge 
werbe-Ausstellung zur anschaulichen Darstellung ge 
langten, bot doch auch Gruppe VI hierin beachtenswerte 
Leistungen und zeigte hauptsächlich das für den Export 
so bedeutende Gebiet der billigen Massenerzeugnisse 
der Bronze-Industrie, meistenteils in geschmackvoller 
Montierung mit Glas, Majolika und imitiertem Onyx in 
den hundertfältigen Mustern für Gebrauchs- und Luxus 
zwecke. Der Berliner Export in Bronzegalanterie 
waren ist denn auch gleichwie derjenige der Zinkguss 
galanteriewaren sehr bedeutend und richtet sich nach 
allen Kulturländern. Die Leistungsfähigkeit dieses 
Berliner Industriezweiges wird von keinem anderen 
Fabrikationsort hinsichtlich der Gefälligkeit der Muster 
und der Preiswürdigkeit übertroffen, wenn auch Paris 
und Wien in den feineren und teureren Fabrikaten 
immer noch ihren früheren Bang behaupten. 
Eine Spezialität der Bronzewaren-Industrie, die 
Metallflechterei in Gestalt zierlicher Körbchen, 
Schalen und anderer Bijouterien, die sich von Wien hier 
eingeführt hatte, ist, obwohl sie auf der Ausstellung noch 
in hübschen Kollektionen zu sehen war, gegenwärtig von 
der Mode fast gänzlich verdrängt. 
Als eine ebenfalls von Wien herübergekommene 
Industrie ist diejenige der sog. »Metallnippes« zu 
bezeichnen. Die Bemühungen derselben, sich als 
»Wiener Bronze-Imitation« hierselbst einzuführen, 
scheinen von Erfolg begleitet zu sein. In der Gruppe VI 
hatten wir Gelegenheit, diese aus einer Bleikomposition 
bestehenden Nachbildungen der echten Wiener Bronzen, 
grösstenteils in den Darstellungen unserer beliebtesten 
Vierfüssler und Vögel, zumeist in humorvollen Ver 
kleidungen und Situationen und in Form von Schreib 
tisch- und Rauchtisch-Requisiten kennen zu lernen. 
Diese Arbeiten sind beim Publikum schnell beliebt ge 
worden und dürften daher, namentlich auch infolge 
\ 
ihrer grösseren Billigkeit gegenüber den echten Bronze- 
figürchen, von denen sie sich in der vollendeten Form 
und im Decors in Nichts unterscheiden, grossen Absatz, 
besonders auch im Exportwege finden. 
Eine überraschend hohe Stufe der Entwicklung 
konnte die Kragen- und Manschettenknopf-In 
dustrie in ihren Vorführungen auf der Berliner Ge 
werbe-Ausstellung aufweisen. Diese noch vor 15 Jahren 
in Berlin in den primitivsten Grenzen betriebene In 
dustrie hat speziell in den letzten 5 Jahren in den 
Händen intelligenter Unternehmer einen derartigen Auf 
schwung und solche Ausdehnung gewonnen, dass Berlin 
nunmehr unbestritten als der erste Fabrikationsplatz der 
Manschettenknopf-Branche in Deutschland, einschliesslich 
des daneben in Betracht kommenden Böhmen zu 
gelten hat. Gefördert wurde diese Entwicklung durch 
die günstigen Existenzbedingungen, welche sich in Berlin 
diesem Industriezweige fortgesetzt darbieten. In der 
zu hoher Vollkommenheit ausgebildeten Gürtlerei fanden 
sich alsbald die geeigneten Arbeitskräfte zur Herstel 
lung der »Mechaniken«, während die ebenfalls altein- 
geführte Knopfindustrie Berlins, welche seit vielen 
Jahren der blühenden Berliner Konfektionsbranche in 
die Hände arbeitet, mit Leichtigkeit imstande ist, die 
zur Kragen- und Manschettenknopf-Fabrikation nötigen 
Steinnuss- und Perlmuttbestandteile zu liefern. In diesem 
letzteren Punkte namentlich hat Berlin vor dem haupt 
sächlich konkurrierenden Lüdenscheid einen Vorsprung, 
da die dortige Industrie genötigt ist, diese Perlmutt- 
und Steinnussfabrikate erst von Berlin oder anderen 
Produktionsorten zu beziehen. Das Genre, das in Berlin 
fabriziert wird, umfasst die feinere Mittelware; es er 
streckt sich auch auf die feinsten Knopfqualitäten, doch 
wird Paris hierin seinen ersten Platz noch lange be 
haupten. Berlins Export in Kragen- und Manschetten 
knöpfen richtet sich heute bereits nach allen Ländern. 
Der Verkauf geschieht teils durch Reisende, welche 
vom Fabrikationshause aus direkt mit ihren Muster 
kollektionen die Bestellungen aufsuchen, teils durch 
ständig thätige, an geeigneten Plätzen angestellte Agenten. 
Die Erfolge dieses neuen Berliner Industriezweiges 
sind noch immer in der Zunahme begriffen, und Be 
triebe, welche vor etwa 3 Jahren die Manschettenknopf- 
Industrie mit 5 Arbeitern begonnen haben, können 
gegenwärtig deren 150 beschäftigen.
	        
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