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Gruppe VI. Kurz- und Galanteriewaren

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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gewisse Nutzwaren, wie Klaviertasten, Billardbälle und 
Kämme, bevorzugt wird; die Westküste, die eigentliche 
Elfenbeinküste, liefert besonders die harte Qualität, von 
der ein Teil vom Kongostaat her auch direkt nach 
Antwerpen verschifft wird. In Deutschland hat neben 
Hamburg neuerdings Berlin sich auch des Handels mit 
Elfenbein in grösserem Umfange erfolgreich an 
genommen. Die Zufuhr von Mammutzähnen, die zeit 
weilig von Archangel aus als sogenanntes fossiles 
Elfenbein lebhafter vertrieben wurden, ist sehr zurück 
gegangen; das Walross, dessen Zähne statt des Elfen 
beins verwendet worden sind, droht auszusterben; nur 
das Material vom Flusspferd wird noch häufiger ge 
handelt. 
Verarbeitet werden diese ansehnlichen Massen 
heute in zweierlei Sinn. Erstens nach alter Weise für 
geschnitzte Kunstarbeiten, sowohl Figuren wie Geräte. 
Zweitens hat man die mechanischen und stofflichen 
Eigenschaften des Elfenbeins neuerdings gewissen Ge 
brauchszwecken dienstbar gemacht; die grosse Masse 
des gewonnenen Materials wird für Billardbälle, Klavier 
beläge, Toilette- und Gebrauchsgeräte maschinell ver 
wertet. Beide Zweige sind in Berlin nicht alt. Erst 
um das Jahr 1860 herum haben sich Spezialgeschäfte 
für Elfenbein aufgethan, das bis dahin vom Drechsler 
und anderen Gewerben nebenher bearbeitet worden 
war. Die Schnitzerei hatte durch lange Ueberlieferung 
in den alten Kunststädten München und Nürnberg 
festeren Fuss und ward besonders in Dresden, nicht 
ohne Zusammenhang mit der Fälschung alter Kunst 
werke, geübt. Hier blüht sie auch heute noch, ebenso 
wie in Geislingen, Erbach und Michelstadt im Oden 
wald. In Berlin ward ihr die kunstgewerbliche Be 
wegung am Ende der sechziger Jahre und nach dem 
Kriege günstig; besonders nahmen die damals modischen 
Elfenbeinfächer und Schmucksachen manche ge 
schickten Kräfte in Anspruch. Die figürlichen Arbeiten, 
die teils von einzelnen Künstlern, teils in Werkstätten 
gefertigt werden, finden zwar im Inlande, bei reisenden 
Fremden und nach Amerika auch heute Absatz; es 
wird aber allgemein darüber geklagt, dass es für ernst 
hafte Kunstwerke an Kennern und Liebhabern fehle, 
und dass auch für die billigere Qualität die massen- 
weis hergestellten Metallfiguren von der Mode bevor 
zugt werden. Es wäre sehr zu wünschen, dass bei 
künstlerischen Aufträgen, wie Ehrengeschenken und 
Wettpreisen, auch dem edlen Elfenbein ein wohlver 
dienter Platz gegönnt würde. 
Auch die glatte Ware kämpft nach dem Auf 
schwung der siebziger Jahre heute einen schweren 
Kampf. Für die Billardbälle haben die billigeren 
Imitationen des Elfenbeins schweren Schaden gebracht; 
die Kammfabrikation hat stark verloren; am besten 
behauptet sich die Fabrikation der Pianotasten, be 
sonders weil die Ersatzmittel hier versagt haben. Die 
Absatzgebiete sind vorwiegend Deutschland und Oester 
reich, in geringerem Masse Italien und Spanien; Russ 
land und Amerika waren vor ihren Zollerhöhungen er 
giebigere Abnehmer als heute. Die Jahre, in denen 
einzelne Berliner Geschäfte jährlich für 100000 Mk. 
Elfenbein verarbeiteten, sollen vorläufig vorüber sein. 
Auf der Ausstellung selbst sprachen sich die ver 
schiedenen Richtungen der Elfenbein-Industrie an 
schaulich aus. Die Figurenschnitzerei war sowohl 
durch einzelne besonders sorgfältige Stücke, wie durch 
zahlreiche mehr marktgängige Ware vertreten. Be 
kanntlich muss der Bildhauer beim Entwerfen grösserer 
Einzelfiguren und Gruppen auf die Form des Zahnes 
Rücksicht nehmen, besonders auch darauf, dass der 
Nerv, der den hohlen Teil des unteren Zahns bis in 
die Spitze fortsetzt, nicht störend an die Oberfläche 
trete. Wenn es ihm gelingt, sein Motiv so zu gestalten, 
dass z. B. auch die Arme aus dem Vollen geschnitzt 
werden können und nicht angesetzt zu werden brauchen, 
so wird das Bildwerk am besten dem Material gerecht. 
Man sah, dass ein Teil unserer Schnitzer sich hierin 
die Lehren der Barockkünstler und der Japaner zu 
eigen gemacht hatten. Die künstlerisch wertvollste 
Eigenschaft des Elfenbeins ist seine Struktur, die feine 
Äderung, und sein milder, gelblichweisser Ton; beide 
haben von je her das Elfenbein besonders zur Dar 
stellung des nackten menschlichen Körpers tauglich 
gemacht. Darum hatten einst zur Zeit des Rubens die 
Schnitzer mit ihren vollsaftigen Nymphen und Satyrn 
den Stil des Elfenbeins so ausgezeichnet getroffen. 
Auch heute waren einige gute Beispiele von sorgsamer 
Wiedergabe der menschlichen Gestalt vertreten. Doch 
geht der Geschmack weniger auf die kecke, naive 
Lebensfreude jener Zeit, sondern in den besseren 
Stücken mehr auf ein etwas weichliches Schönheits 
ideal, das in einigen Arbeiten mit Anmut getroffen 
war. Auch in der breiteren Marktware fehlte es nicht 
an weiblichen Figuren und Amoretten. Hier wird 
jedoch oft darüber geklagt, dass die Käufer eine süss- 
liche, gezierte, versteckt sinnliche Auffassung bevor 
zugen, die so leicht dazu verführt, die Figuren 
manieriert zu gestalten; das tändelnde Rokoko findet 
seine Abnehmer; auch in der Behandlung muss der 
Schnitzer oft mehr, als ihm lieb ist, sich einer klein 
lichen Virtuosität befleissigen. Bei den Genrefiguren 
sind komische Einfälle besonders beliebt, Zecher, 
Musikanten, Liebesscenen, burleske Figuren. Ernstere 
Kunst zeigten einige ältere Gruppen, in denen noch 
die strenge, antikisierende Richtung nachklang, ein 
Ganymed, eine Viktoria, ein Kriegerpaar. Vor einer 
Figur der Königin Louise fragte man sich, weshalb das 
edle Material nicht häufiger zu so würdigen Zwecken 
herangezogen werde. Vereinzelt war auch versucht 
worden, heutige Typen mit künstlerischem Ernst zu 
verarbeiten.
	        
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