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Gruppe V. Thonwaren- und Glasindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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lichem, für dessen Ausführung besondere Sorgfalt in der 
Arbeit und technischen Behandlung überhaupt erforder 
lich ist. 
Steingut und Porzellan. Die Steingut-Industrie 
ist nicht in dem Masse wie die verwandte Kachelofen 
fabrikation in Berlin und dessen nächster Nähe aus 
gebreitet. Die Hauptcentren dieses Erwerbszweiges 
sind vielmehr in Gegenden zu suchen, die durch das Vor 
handensein geeigneter Rohmaterialien, weissbrennender 
plastischer Thone und Kaoline und durch ergiebigen 
Kohlenbergbau für eine gewinnreiche Fabrikation dieser 
Erzeugnisse von der Natur gleichsam im Voraus be 
stimmt sind. 
Selbst die auf der Ausstellung von 1879 durch 
mehrere Firmen, u. a. von Ravene, vorgeführten kunst 
gewerblichen Majolikaarbeiten, deren Fabrikation in 
Berlin einen ebenso günstigen Boden wie die Kachel 
ofenfabrikation findet, werden nicht mehr gefertigt; 
man hat von der Erzeugung dekorierter Stücke Abstand 
genommen und sich auf die Herstellung von rohen 
Majoliken zum Selbstbemalen beschränkt, worin ein 
lohnender Umsatz bei zufriedenstellenden Preisen erzielt 
wird. Auch eine Steingutindustrie, wie sie 1879 noch 
durch Fabrikate der Firma Oest Ww. vertreten war, 
ist in Berlin nicht mehr zu finden. Die Königliche 
Porzellan-Manufaktur fertigt nur die rohen Geschirre zum 
Selbstbemalen für Liebhaber an und besorgt das nochmalige 
Glattbrennen derselben. Aus dem Reichsland dagegen 
hatte die bekannte Firma Utzschneider & Co. in Saar 
gemünd durch ihren hiesigen Vertreter ein Badezimmer 
auf die Ausstellung gebracht, dessen technische und 
künstlerische Ausführung besonderes Interesse erregte. 
Die Wände des Badezimmers waren ganz mit Fliesen 
belegt, deren Grundton ein prächtig schimmerndes 
Goldgelb war, das aber an der rechten und linken 
Langseite durch bildliche Darstellungen, die wie in die 
Grundfarbe der Wände eingelassen aussahen, unterbrochen 
war. Von diesen auf Fliesen gemalten Bildern waren 
besonders interessant die beiden einander gegenüber ange 
brachten, fast lebensgrossen weiblichenP'iguren, an denen 
alle Teile bis auf das Fleisch mit farbigen Glasuren gemalt 
waren, ohne dieselben durch Stege oder sogenannte 
Pastenumrahmungen, die derartigen Bildern immer 
etwas Schwerfälliges geben, zu trennen. Dies Verfahren 
ist neu und bedeutet einen sehr wesentlichen Fort 
schritt der Technik wie eine ausserordentliche Steigerung 
des künstlerischen Effektes, zumal schon die Einführung 
der Malerei mit farbigen Glasuren anstatt mit Unter 
glasurfarben die Wirkung in hohem Masse zu erhöhen 
imstande ist. Der Eindruck, den diese herrlichen 
farbensatten Gewandungen auf das Auge üben, ist 
überaus schön, und es gebührt dem Maler, der in 
dieser schwierigen Technik Kunstwerke von so hoher 
Vollendung zu schaffen wusste, gleich unbeschränkte 
Anerkennung wie dem Chemiker, der vor allen Dingen 
erst für diese Technik geeignete Glasuren zu erfinden 
hatte und fähig war, dieselben so zu brennen, dass Ge 
bilde entstanden, die bei technischer Vollendung der 
Vorstellung des Künstlers keinen Abbruch thaten. 
Die Porzellan - Industrie war nicht nur durch die 
Fabrikate der in Berlin ansässigen und hier produzie 
renden Firmen vertreten, sondern auch durch Erzeug 
nisse auswärtiger Fabriken, die in Berlin durch Vertreter 
seit Jahren eingeführt sind. Berlin wird immer mehr 
zum Mittelpunkt für künstlerische und kunstgewerbliche 
Neuheiten und zum begehrten Marktplatz für die zahl 
reichen Provinz-Fabriken,, die infolge der grossen Kon 
kurrenz ihre mannigfachen Gebrauchs-, Luxus- und 
Fantasie-Artikel zu Preisen darbieten, die in Anbetracht 
der mühsamen, oft künstlerischen Ausführung der 
farbigen Malereien ausserordentlich niedrig sind. Die 
Folge ist, dass diese kunstgewerblichen Erzeugnisse 
auch in den minderbemittelten Volksschichten ein kauf 
bereites Publikum finden. Was die Fabrikate besonders 
begehrenswert macht, ist, dass sie bei aller Wohlfeilheit 
technisch exakt gearbeitet sind, einen vorzüglichen, 
durchscheinend weissen Scherben haben und bezüglich 
der Dekorationsweise, dem Vorbild der Königlichen 
Porzellan-Manufaktur nacheifernd und von diesem günstig 
beeinflusst, stets geschmackvolle Neuheiten zu bringen 
pflegen. 
Die in Berlin und Umgegend betriebenen Fabriken 
suchen ihr Arbeitsgebiet vorwiegend in der Herstellung 
technischer Artikel, für welche die chemischen Fabriken, 
die elektrotechnischen Institute und der stetig wachsende 
Bedarf der Telegraphie ein immerwährendes, unabseh 
bares Bedürfnis haben. Die Anforderungen, welche 
die Industrie an die Mannigfaltigkeit dieser Erzeugnisse 
stellt, wachsen und wechseln mit der ständigen Auf 
findung neuer, ältere Darstellungsmethoden überholender 
Prozesse der betreffenden Industriezweige, und die aus 
führenden Porzellanfabriken müssen es verstehen, die 
Herstellungsweise ihrer Fabrikate den jeweiligen Forde 
rungen schnellstens anzupassen. Da das Porzellan beim 
Trocknen und Brennen stark schwindet, so ist es nicht 
leicht, genau passende Apparate herzustellen; die ältere 
Methode der Nassformung erheischt hohe Arbeitslöhne 
und gewährt bezüglich Einhaltung der vorgeschriebenen 
Maasse keine Sicherheit des Erfolges. Man hat diese 
Arbeitsweise daher fast übereinstimmend verlassen und 
fertigt alle diese Artikel nach dem Vorbild der aut 
trockenem Wege hydraulisch gepressten Fliesen aus fast 
trockener, gemahlener Masse (mit durchschnittlich 6 bis 
7 pCt. hygrosk. Wassergehalt) unter Anwendung von 
Kniehebelpressen, Schlagwerkzeugen oder hydraulischen 
Pressen an. Die auf diese Weise hergestellten, viel 
seitigen, reich profilierten Gegenstände können für so 
mässigen Verkaufswert exakter in derForm und passender 
in den Maassen erzeugt werden, als sie durch Menschen 
hände konkurrenzfähig angefertigt werden könnten.
	        
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