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Gruppe V. Thonwaren- und Glasindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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auf Form und Glasur tadellos aus dem Brande hervor 
gegangen. Namentlich die Deutsche Thonröhren- und 
Chamottefabrik zu Münsterberg zeichnete sich durch 
Sauberkeit und Mannigfaltigkeit der Fabrikate, wie Cha- 
motterohre mit und ohne Abzweigungen, Bogen- und 
Knierohre, Doppelmuffen, gelochte und geschlitzte Rohre, 
Rohre mit Reinigungsöffnung, Ausgussbecken, Krippen 
und Viehtröge, Badewannen u. s. w., die zu einem über 
sichtlichen Aufbau vereinigt waren, aus. 
Der jährliche Bedarf an Thonröhren für die Ka 
nalisation ist ein ganz enormer; so lieferte die Münster 
berger Fabrik seit 1876 z. B. 
für die Berliner Kanalis.-Anlage Waren im Werte von über 2 ooo ooo M. 
„ „Charlottenburger,, „ ,, ,, ,, ,, 800000 ,, 
„ „ Breslauer „ „ „ „ „ „ 1 500 ooo „ 
Unter den Fabrikaten, welche der Metallurgie, Glas 
fabrikation und chemischen Gross-Industrie dienen und als 
eigentliche Chamotte- oder feuerfeste Erzeugnisse be 
zeichnet werden, nehmen die Ausstellungsobjekte von 
G. Ltitgen-Borgmann in Eschweiler, Ottweiler, Bendorf 
und Mehlem mit einer Zweigniederlassung in Berlin 
besonderes Interesse in Anspruch, weil dieselben nicht nur 
durch ihre Grössenabmessungen hervortreten, sondern 
zugleich auch ein anschauliches Bild geben von der 
Verschiedenheit der Anforderungen, die an eine Fabrik 
feuerfesterSteine, namentlich in Bezug auf die Zusammen 
setzung der Masse, gestellt werden. In dankenswerter 
Weise waren die einzelnen Steine durch Aufschriften 
charakterisiert, aus denen (nach Untersuchungen des 
Chemischen Laboratoriums für Thonindustrie zu Berlin, 
Kreuzstr. 6) der Kieselsäure-, Thonerde- und Eisenoxyd 
gehalt ersichtlich war. Wir sahen hier u. a. aus den 
in der Praxis dafür speziell in Frage kommenden 
Materialien in der Mitte des Aufbaues ungefähr ein 
Sechstel der Ausmauerung einer Hochofenzustellung, 
und zwar war das Gestell und die Rast bis zu den 
Notformen aus basischen Steinen, der Boden aus 
Kohlenstoffsteinen hergestellt. Ob die Kohlenstoff 
steine den hochbasischen Chamottesteinen vorzuziehen 
sind, ist vorläufig noch eine offene Frage; einzelne 
Hüttenwerke kommen immer wieder darauf zurück, 
während andere nichts davon wissen wollen. Diese 
Meinungsverschiedenheiten finden ihre Erklärung zum 
Teil darin, dass die Anforderungen, die an die Aus 
mauerung gestellt werden, nicht überall die gleichen 
sind, sondern je nach der Zusammensetzung der Be 
schickung und der Verschiedenartigkeit des Betriebes 
wechseln. Die Mitte des Ofens zierte eine rissefreie 
Kohlenstoffplatte von 800 : 500 : 30 mm, ein Meister 
stück technischer Vollkommenheit. * Rechts vom Hoch 
ofen sah man den inneren Kopf eines aus Dinassteinen 
von 97 % Kieselsäure-Gehalt aufgeführten Martinofens, 
während links von demselben die verschiedenartigsten 
in der Glasindustrie verwendeten Erzeugnisse, u. a. 
ein Wannenblock von 200:51:25 cm, ein Schaff 
lochstein von 100:107:24 cm, ein bedeckter Glas 
hafen von annähernd 1 cbm Inhalt und mannigfache 
für andere Zwecke nutzbare Formsteine, Aufstellung ge 
funden hatten. Besondere Freude gewährte dem Fach 
mann endlich die ausserordentlich schöne Sammlung 
von Rohmaterialien aus den der Firma gehörigen 
Gruben und Brüchen in rohem und gebranntem Zu 
stande mit Angabe der Zusammensetzung und Feuer 
festigkeit nach Segerkegeln. 
Zu den Fabrikaten dieser Thonwaren-Gruppe, welche 
besonders hervorgehoben zu werden verdienen, gehören 
noch die ihrem Charakter nach zwischen Steinzeug und 
Porzellan stehenden Mosaiken der Fabrik von R. Leistner 
in Dortmund. Der Laie wird schwerlich ein Ver 
ständnis dafür haben, wieviel Arbeit und Energie er 
forderlich waren, um diese Farben in Mosaiksteinen 
hervorzubringen. Schon auf der Ausstellung vom Jahre 
1879 waren von den Herren Holzhüter und v. Ratay 
ähnliche Arbeiten ausgestellt, aber sie sind wieder ver 
schwunden und haben es nicht zu der Höhe der Voll 
endung gebracht, die den jetzt gezeigten Fabrikaten 
zugesprochen werden muss. Diese für Fussböden-, 
Fassaden- und Deckenschmuck so geeigneten Mosaiken 
bestehen aus kleinen farbigen Stiften aus Porzellan- 
Masse, deren Härte zwischen 8 und 9 der Mohsschen 
Skala liegt, und die ähnlich wie die Glasmosaiken ver 
legt werden. Die vorgeführten Farben sind ausser 
ordentlich frisch und lebhaft und aufs mannigfaltigste 
abschattiert. Die Erzeugnisse dieser erst seit etwa 
8 Jahren bestehenden Fabrik haben sich dank ihren 
vorzüglichen Eigenschaften sehr schnell eingeführt, und 
besonders in den neueren Bauten der Reichshauptstadt, 
u. a. in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche, in der 
Kaiser Friedrich-Gedächtniskirche u. s. w., ferner in 
Rathäusern, Bahnhofsbauten, Denkmälern anderer Städte 
sehen wir die Erzeugnisse der Dortmunder Mosaik 
fabrik glänzend vertreten; auch das Nationaldenkmal 
für Kaiser Wilhelm I. in Berlin weis einen grossen Belag 
mit diesen Mosaiken auf. 
Trotzdem in Berlin besonders der jährliche Bedarf 
an all den Artikeln dieser Industrie sehr gross ist, seien 
es nun Thonröhren für Kanalisationszwecke, Chamotte- 
Retorten und feuerfeste Steine für die städtischen Gas 
anstalten, Apparate für die vielfachen chemischen Fa 
briken, für elektrotechnische Anstalten oder Ausrüstungs 
gegenstände für Krankenhäuser, Badeanstalten, Schlacht 
häuser u. dergl., so kann doch von einheimischen Fa 
briken, die die Rohmaterialien und Kohlen weither be 
ziehen und gegenüber den gleichen Etablissements in der 
Provinz teurere Grundstückspreise und höhere Arbeits 
löhne zahlen müssen mit Vorteil nur noch die Fabri 
kation von technischen Artikeln betrieben werden, 
z. B. von Apparaten für grössere chemische Werke, 
von Behältern für elektrotechnische, speziell galvanische 
Zwecke, von Gerätschaften für Laboratorien und ähn
	        
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