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Gruppe V. Thonwaren- und Glasindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Anfertigung von Geräten und Verzierungen aus ge 
branntem Thon im vorigen Jahrhundert erfolgreich in 
die Wege leitete. Bekannter und verdienstvoller ist sein 
Geselle und späterer Nachfolger F eiln er (i 793) geworden, 
welcher den geschlämmten Thonmergel von Velten bei 
Oranienburg zuerst zur Herstellung weiss glasierter 
Ofenkacheln verwandte und die Fabrikation dieser 
Art von Ofenkacheln so mustergiltig auszubilden wusste, 
dass die Zusammensetzung der nach ihm benannten 
Feilnerschen Zinnglasur heute noch vorbildlich ist. 
Feilners Thätigkeit fällt in die erste Hälfte dieses 
Jahrhunderts— 1820 bestanden schon mehrere Fabriken 
bei Berlin. In künstlerischer Hinsicht war Schinkel 
auch hier die Triebkraft, und die Anfertigung von 
architektonischen Ornamenten zur Ausschmückung und 
Vollendung der Fassaden und Innenräume der Häuser 
nahm, unter seinem Einfluss sich von Berlin ausbreitend 
und hier bald zu künstlerischer Vollendung reifend, 
einen gewaltigen Aufschwung. Der Zimmerofen, früher 
von unförmiger Gestalt und aufdringlicher Grösse und 
nur als ein notwendiges Uebel geduldet, hat jetzt seine 
einstmaligen Untugenden völlig abgestreift und gehört 
unter diejenigen Ausrüstungsgegenstände des Wohn- 
raumes, welche ihm zur Zierde gereichen. 
Es ist bekannt, dass die Berliner Ofenfabrikanten 
nicht nur Mustergiltiges leisten, sondern den stetig 
wechselnden Anforderungen des verfeinerten Geschmacks 
und eines entwickelten Kunstempfindens gerecht zu 
werden sich bemühen. Während die Berliner Ofen 
fabrikation bis vor etwa 20 Jahren in der möglichsten 
Vervollkommnung des Fabrikats in technischer Be 
ziehung ihren Schwerpunkt suchte und der künstlerischen 
Formgebung wenig Rechnung trug, hat sich seit 
Ende der siebziger Jahre ein reformatorischer Zug 
bemerkbar gemacht. 
Bis kurz vor der Ausstellung von 1879 galten un 
tadelhafte Weisse, Deckfähigkeit, vollkommene Eben 
heit und Glätte der den Scherben in ziemlich dicker 
Lage bedeckenden Glasur, sowie Abwesenheit von 
Haarrissen auf dieser als die einzigen an einen Ofen 
zu stellenden Anforderungen; der erste Schritt, welcher 
unternommen wurde, um einem geläuterten Geschmack 
Rechnung zu tragen, war der, dass man es mehr und 
mehr unterliess, die ornamentalen, plastisch hervor 
tretenden Teile des Ofens, die Simse, Friese, Aufsätze 
und eingelegten Flach- oder Halbrelief-Platten, mit 
Schmelzglasur zu überziehen, da diese die häufig kunst 
volle Modellierung in ihren feinen Umrissen verdeckte 
und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete. Auch durch 
völlig untadelhafte Beschaffenheit der weissen Glasur 
konnte dieser Missstand nicht beseitigt werden. Bei 
den auf der Ausstellung von 1879 vorhandenen Oefen, 
bei denen die weissglasierte Kachel noch vorherrschte, 
waren die unglasiert gebrannten plastischen Teile mit 
einem dünnen Anstrich von Wachsfarben abgetönt 
und dadurch mit der Farbe der Tapeten, Möbel und 
Thüren in Uebereinstimmung gebracht. Ein derartiger 
Ofen gehörte in Berlin Ende der siebziger Jahre zu 
den beliebtesten und ist auch noch heute bei mässigen 
Ansprüchen an die Ausstattung der Wohnräume in 
ganz Norddeutschland der am weitesten verbreitete 
und gangbarste Handelsartikel, da er sich bei grosser 
Zweckmässigkeit seiner Feuerungseinrichtung einer re 
lativen- Billigkeit erfreut. 
Neben dem so gestalteten Ofen traten schon auf 
der Ausstellung von 1879 Erzeugnisse hervor, bei 
welchen die weissen Kacheln mittelst Sandstrahlgebläses 
gemustert oder mit einfachen geometrischen Mustern 
vertieft geformt waren, so dass der Ofen mehr und 
mehr zu einem Ausstattungsstück der Wohnungen aus 
gebildet wurde. Noch weiter gehend machte sich das 
Bestreben bemerkbar, ihn in Bezug auf Form und Farbe 
gänzlich umzubilden, indem die erstere architektonisch 
reicher gegliedert und anstatt der weissglasierten 
Kacheln solche mit durchsichtigen und halbdurch 
sichtigen Majolikaglasuren in reichster Mannigfaltigkeit 
der Farben, zum Teil durch Untermalung in ihrer 
Wirkung verstärkt, verwandt wurden. Durch die Her 
stellung solcher Erzeugnisse, welche, sich an die schönen 
Vorbilder des Mittelalters anlehnend, von Architekten 
und ausübenden Künstlern mit besonderer Hingebung 
gepflegt und unterstützt wurden und das ganze tech 
nische Können der Neuzeit in Anspruch nahmen, bildete 
sich die Ofenindustrie wie früher so jetzt von Neuem 
zu einer wirklichen Kunstindustrie um. Der kalte, 
prunklose, weisse, rein praktische Wärmespender des 
bürgerlichen Wohnhauses hat eine Gestalt ange 
nommen, deren Anblick uns Freude bereitet, deren 
reich modellierte, mit farbigen Glasuren geschmückte 
Kacheln unserer tieferen Dekorationsweise mehr ent 
sprechen, und die den Zimmerausstattungen ein male 
risches und charakteristisches Gepräge verleiht. In den 
meisten Fällen treten diese Oefen als Kamine oder 
als Kaminöfen — eine Kombination des traulichen 
Kamins mit dem praktischen, gewöhnlichen Ofen —, 
weniger oft in der Form des letzteren auf. 
Die 1896er Ausstellung hat gezeigt, dass man sich 
vom weissen Ofen mit gestrichenem Ornament völlig ab 
gewandt hat; sie führte nur sog. »altdeutsche« Oefen 
und Kamine mit hell- und dunkelfarbigen Glasuren vor, 
oft mit mehreren Farben nebeneinander auf einem 
Ofen und häufig mit reicher Vergoldung oder Ver 
silberung. Erfreulich war es, dass die Erzeugnisse 
dieses Industriezweiges in einer gesonderten Halle, 
deren äusserer Fassade wir schon bei Besprechung des 
Bauhofes Erwähnung gethan, eine übersichtliche Auf 
stellung gefunden hatten. Hierdurch und durch die 
vollständige Vertretung der hervorragenderen Firmen 
wurde uns ein Ueberblick über die Leistungsfähigkeit 
dieses Gewerbezweiges zum Vorteil seiner \ ertreter
	        
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