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Gruppe IV. Holzindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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Lackiergewerbe Vorschub leistete, verblieb doch den 
Vergoldern die Aufgabe, diesen weissen Dekorationen 
und Ziermöbeln ihre glänzenden Lichter aufzusetzen. 
Manche technisch tüchtige Arbeit aus Schinkels Zeit 
und Stilrichtung giebt davon Zeugnis. Die Bildrahmen 
waren auch damals die Domäne des Vergolders. Die 
Einführung der Steinpappe, die anfangs der dreissiger 
Jahre hier bekannt wurde, und der neueren, billigeren 
Arten der Vergoldung gaben der Fabrikation eine 
breitere Basis. Auf der Gewerbe-Ausstellung von 1844 
waren aus Berlin fünf Firmen mit Vergolderarbeiten 
vertreten; sie hatten Uhren, Vasen, Rahmen und Leisten 
ausgestellt; die Steinpappe war zu Spiegelrahmen und 
Konsoltischen verwendet worden. Ende der vierziger 
Jahre schloss sich das Gewerbe zu einer Innung zu 
sammen. Jetzt kam von Paris her das Rokoko all 
mählich wieder in die Mode und ward gerade von den 
Vergoldern gern aufgegriffen. Da man die Formen 
der alten Vorbilder nicht eben allzu genau studierte 
und die Künstler sich um diese missachtete Stilrichtung 
wenig kümmerten, so war die Formgebung der da 
maligen Barock- und Rokoko-Arbeiten nicht vom 
Besten. Es wird als das Verdienst desjenigen Fabri 
kanten, der noch aut der diesjährigen Ausstellung die 
Berliner Vergolderei am Glänzendsten vertrat (Carl 
Röhlich), gerühmt, dass er in den sechziger Jahren auf 
Grund eigener Pariser Studien bessere Formen und 
Techniken bei uns einführte; einige tüchtige deutsche 
Bildhauer, die 1870 aus Frankreich hatten flüchten 
müssen, konnten für gute Modelle herangezogen werden. 
Vorerst brachte indessen der Geschmack der deutschen 
Renaissance einige neue Ansprüche auf. In den 
reicheren Rahmen und Dekorationsstücken wurden die 
Bronzetöne, insbesondere die Färbung des modischen 
Cuivre poli beliebt; von den Leistenfabriken verlangte man 
vor allem nachgeahmte Holzleisten, matt oder poliert, 
zu dem Eichen- oder Nussbaumholz der modischen 
Möbel gestimmt. Mit den achtziger Jahren aber gab 
der neu belebte Barockgeschmack der Vergolderei 
einen mächtigen Anstoss. Nicht nur die Bild- und 
Spiegelrahmen, Konsolen, Ziermöbel, allerhand Luxus- 
und Fantasiegeräte wurden nach guten, alten Mustern 
in tüchtiger Technik verziert, sondern auch die Deko 
ration der zahlreichen Prachträume stellte jetzt dem 
Vergolder sehr ansehnliche Aufgaben, so dass Berlin 
auch in diesem Gebiete deutscher Arbeit an die Spitze 
treten konnte. An Geräten und Wänden hat sjch 
gleichzeitig auch die gefügige Steinpappe zu immer 
grösseren und immer sorgfältigeren Leistungen ent 
wickelt. Von dieser Epoche der Berliner Vergolderei 
gab die Ausstellung von 1896 ein anschauliches Bild. 
Neben der führenden Firma hatten freilich nur etwa 
ein halbes Dutzend eigentliche Vergolder ausgestellt; 
aber ihre mannigfachen Arbeiten zeigten die vielseitige 
Fertigkeit der Berliner Meister. Schon regten sich 
mancherlei Versuche, auch die neueren klassizierenden 
Stilarten in den Bereich dieses Gewerbes zu ziehen. 
Insbesondere hat die Leistenfabrikation bei der Hand 
sein müssen, auch den jüngsten Geschmackswandlungen 
zu folgen. 
Mit der fabrik- und maschinenmässigen Herstellung 
verzierter Leisten beschäftigen sich von den 425 
Lackierer- und Vergolder-Betrieben, die 1890 gezählt 
wurden, insbesondere die stark anwachsenden Gross 
betriebe. Seit dem Beginn unserer kunstindustriellen 
Bewegung hat sich die Berliner Fabrikation zuerst an 
Umfang und allmählich auch in der technischen und 
künstlerischen Qualität stetig gehoben, so schwer es 
ihr auch wird, den Export, auf den sie angewiesen ist, 
aufrecht zu erhalten. Die früher günstigen Absatzgebiete 
Frankreich, Spanien, Russland, Amerika haben sich 
durch Zölle gewahrt, die bis weit über die Hälfte des 
Wertes ausmachen, und haben zum Teil ihrerseits zu 
fabrizieren begonnen. Der ergiebige englische Markt 
wird durch wilden Preisdruck geschädigt, und für das 
Inland wird über die abnehmende Kaufkraft der kleinen 
Städte und über die Sucht nach billigem und schnellem 
Einkauf geklagt. Die Fabrikate der etwa acht Firmen, 
die sich an der Ausstellung beteiligt hatten, waren in 
verschiedener Anordnung vorgeführt, teils mehr de 
korativ zu Rahmen oder Ecken zusammengefügt, teils 
schlichter in Schaukästen geordnet. Es war kein 
Zweifel, dass die Muster in Form, Farbe und Technik 
ansehnliche Fortschritte aufwiesen. Die Goldleisten 
werden kräftiger, breiter und wirkungsvoller gezeichnet, 
sie sind mannigfacher und in milderem Glanze getönt; 
neben den Bronzestimmungen waren auch Versuche 
mit Versilberungen zu finden. Die polierten Leisten 
suchen immer neue Holzarten wiederzugeben; beson 
ders sind Mahagoni, Polisander und andere überseeische 
Hölzer in die Mode gekommen, zum Teil von zier 
lichen Goldkanten begleitet. Die englische Mode ver 
langt auch grüne Beiztöne u. a. Lackierte Ware, vom 
Weiss und Gelb bis zu mancherlei lebhafteren Farben, 
wird immer mehr begehrt. Da das Verständnis für 
Formen und Tönung namentlich der Bilderrahmen von 
Jahr zu Jahr zunimmt, da die Künstler immer neue 
Ansprüche stellen und dadurch Anregungen geben, so 
darf man hoffen, dass der künstlerische Wert unserer 
Leisten sich noch weiter steigern lassen wird. Es wäre 
zu wünschen, dass jede Firma sich möglichst unab 
hängig von den Konkurrenten an dieser weiteren Arbeit 
beteiligte. 
Im Anschluss an die Vergolderei darf erwähnt 
werden, dass die Lackierarbeit, die seit Langem in 
Berlin entwickelt ist und neuerdings aus der Vorliebe 
für die Stilweisen des 18. Jahrhunderts neue Kraft ge 
wonnen hat, auf der Ausstellung durch tüchtige Mit 
hilfe in manchen Möbelkojen, sowie durch zwei Meister 
mit Spezialarbeiten vertreten war. Auch zwei grosse
	        
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