Path:
Gruppe IV. Holzindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

305 
bezahlt wurden, finden kaum noch Liebhaber. Trotz 
dem wird die zierliche Kunst von ihren Meistern hoch 
gehalten und auch in Berlin durch eine Fachschule 
gepflegt, die treffliche Arbeiten ausgestellt hatte. 
Darüber hinaus hatte nur ein einziger Meister sich an 
einer besonders kunstvollen Arbeit, einer Etagere mit 
gewundenen Säulchen, versucht. Meist muss auch die 
bessere Drechslerarbeit sich begnügen, zur Verzierung 
eines Möbels zu dienen; zwei Meister hatten sorgfältige 
Stücke dieser Art vorgeführt. Dagegen hat die in 
dustrielle Abart der Drechslerkunst, die Fabrikation 
gedrehter »Fantasie- und Luxusmöbel«, der Geschäfts 
vertreten, Konsolen, Säulen, Stafieleien, Etageren, Ofen 
schirmen, Bauerntischen, Sesseln, Akten-, Noten- und 
Bücherständern, Notenpulten, Toiletten, Vorplatzmöbeln, 
Wandschränkchen u. a.; in grossen Mengen werden 
auch Balustraden, Portieren und Gardinenhalter ge 
braucht. Die Maschine hat diese Art von Ware auf 
das Aeusserste verbilligt; man klagt, dass sie grossen- 
teils dem Dutzendbetriebe und den Schundbazaren ver 
falle, und dass es den Fabrikanten schwer gemacht 
werde, bei dieser Geschäftslage auf künstlerische 
Zeichnung, gute Proportionen und Profile zu halten. 
Das Neue und Viele ist auch hier der Feind des Er- 
zweig der sogenannten Holzgalanteriewaren, gerade in 
Berlin ein breites Feld gefunden. Seit dem Beginn 
der fünfziger Jahre, lebhaft gefördert durch den kunst 
gewerblichen Wohnungsluxus der letzten Jahrzehnte, 
hat diese Industrie Ziermöbel und Geräte verschieden 
ster Art aus Eichen, Nussbaum, Mahagoni und nament 
lich gefärbten, weichen Hölzern in solchem Umfang 
geschaffen, dass sie damit in guten Jahren etwa je 
600 Bildhauer, Drechsler und Tischler beschäftigt, im 
Jahre 1885 beispielsweise für vier Millionen Mark nach 
Deutschland, dem übrigen Europa und über See aus 
führen konnte und damit Berlin zum Hauptort dieser Fabri 
kation gemacht hat. Auch auf der Ausstellung waren 
über ein Dutzend Firmen mit einer Fülle von Mustern 
probten und des Reifen. Unter den misslichen Export 
bedingungen der letztvergangenen Jahre haben auch 
diese Artikel stark gelitten. 
Ein weiteres ansehnliches Gewerbe innerhalb der 
Berliner Holzindustrie bildet die Vergolderei mit der 
nahe verwandten Zierleisten-Fabrikation. Die Kunst 
der Vergoldung, die seit Alters her bestand und z. B. 
an den Altären des Mittelalters und den Rahmen der 
Renaissance noch heute höchste Bewunderung weckt, 
war zur Barockzeit auch für ganze Möbel reichlich 
verwendet worden und hatte in den fröhlichen Zeiten 
des Rokoko ihre höchsten Triumphe gefeiert. Als 
darauf die klassizierende Stilrichtung die weisslackierten 
Arbeiten aufbrachte und dadurch dem nahverwandten 
20
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.