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Gruppe IV. Holzindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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reiche Früchte. Auch die Tischlerei Berlins hat in 
dieser Zeit ihren Absatz in die Provinzen ganz erheb 
lich erweitert, obgleich dort die billigeren Löhne der 
kleineren Städte den kleinen Meistern und den Holz 
bearbeitungsfabriken manchen Vorteil brachten. Die 
Anfänge unserer Schutzzollpolitik seit 1879 hoben die 
Kauflust des Inlands, ohne den Export zu berühren, 
bis die fremden Staaten unserm Beispiel folgten. 
Holland, Rumänien, Griechenland, Mittel- und Süd 
amerika werden in diesen Jahren besonders genannt. 
Ein hervorragender Dekorateur gab seinen Umsatz in 
vollständigen Zimmereinrichtungen für Berlin, für das 
deutsche Inland und das Ausland auf je 350 000 Mk. 
an. Auch die erziehliche Arbeit stand nicht still. 
Das Kunstgewerbe-Museum erweiterte stetig seine 
Thätigkeit; 1880 wurde seitens der Stadt die erste 
Handwerkerschule mit ihren Fachklassen begründet, die 
•besonders der Tischlerei zahlreiche Kräfte geschult 
haben; auch der 1877 gegründete Verein für deutsches 
Kunstgewerbe suchte Fachleute und Kunstfreunde zu 
gewinnen und zu belehren. 
Die Ausstellung von 1879 hatte unter dem Zeichen 
der deutschen Renaissance gesiegt. Aber schon in 
den nächsten Jahren versuchten einige Künstler, über 
diesen Geschmack hinauszugehen und auch die Ge 
biete des Barockstils und des Rokoko für die heutige 
Dekoration zu erobern. In Süddeutschland hatten die 
Aufträge Königs Ludwig II. nach dieser Richtung hin 
gedrängt. Für Berlin waren Schlüters Barockdekora 
tionen im Innern des Königlichen Schlosses sowie das 
glänzende Rokoko der Schlösser von Potsdam und 
Charlottenburg mustergiltige und historisch berechtigte 
Vorbilder. Eine Anzahl begabter Architekten, Bild 
hauer und Maler, darunter manche Meister, die eben 
noch an der Einführung der Renaissance kräftig teilge 
nommen hatten, machten sich die breitere, keckere Zier 
weise jener Berliner Kunstdenkmäler zu eigen. Für 
mancherlei grossräumige Aufgaben, für auffällige Fassaden 
mit mächtigem Säulenschmuck und derben Kartuschen, 
für weite Hallen mit reichem Stuckzierrat, für flotte 
dekorative Malereien in bewegten Umrissen, für ge 
waltige Eisenthore, für prunkvolle Silbergeräte fürst 
licher Tafeln boten die wuchtigen Formen und Mass- 
stäbe dieser Stile dankbare Anregung. Die Berliner 
Bildhauerschule wurde durch das stark dekorative 
Talent von Reinhold Begas in die gleiche Richtung 
gezogen; die Maler studierten in Paris und Versailles 
den prunkvollen Bronzeton Lebruns und die heitere 
Grazie der Watteau und Boucher und machten sich die 
virtuose Blumenmalerei der neueren Pariser Dekorations 
schule zu eigen; die Neugestaltung der Königlichen 
Porzellanmanufaktur vollzog sich unter diesem Zeichen. 
Die betriebsame Kunstindustrie war sehr bereit, diesen 
Modewechsel willkommen zu heissen, der ihr reiche 
und bunte Muster zuführte; eine Flut von Vorlage 
werken und Aufnahmen aus den deutschen Rokoko 
schlössern bot den Zeichnern ein neues, bequemes 
Material. Das Zimmer, das dem kronprinzlichen Paare 
1883 zur silbernen Hochzeit gestiftet ward, der Kuppel 
saal der grossen Kunstausstellung von 1886, die neuen 
Einrichtungen im Kaiserschloss zu Berlin und zahlreiche 
andere einflussreiche Werke befestigten das Publikum 
und die Künstler in dem neuen Stil. Frühzeitig war 
er nicht nur in reichere Einrichtungen, sondern auch 
in die Mietswohnungen eingezogen, nicht durchweg 
zum Segen des guten Geschmackes. Schon 1882 klagt 
ein Bericht, dass die kostbaren, auf hohen Aufwand 
berechneten Vorbilder des alten Rokoko sich für die 
Verbilligung und die Massenware wenig eigneten. Man 
könne nicht wünschen, dass das Barock und Rokoko 
im allgemeinen für unsere Wohnungseinrichtungen zur 
Herrschaft gelangten. Die Versuche, durch Zusammen 
stellung billiger und aus Surrogaten erzeugter Möbel 
und Einrichtungsstücke, durch Architekturteile aus Stuck 
und Papiermache dem Publikum ein scheinbares Rokoko 
aufzudrängen, müssten dem kaum erblühten Kunst 
gewerbe zum Schaden gereichen. Durch den falschen 
Prunk der Mietswohnhäuser werde auch der Mieter 
zum Surrogatluxus verführt. 
Auch die Tischler konnten ihre Werkstätten der 
neuen Mode nicht verschliessen. Zwar der eigentliche 
Barockstil mit seinen höfisch-prunkenden Möbeltypen 
stand dem modernen Bedürfnis zu fern, um ernsthaft 
übernommen zu werden. Aber die gefälligen und be 
quemen Vorbilder des Rokoko verlockten die Neuerer 
um so mehr, als auch die Pariser Mode jetzt die Formen 
des 18. Jahrhunderts wieder voranstellte. Für ge 
schnitzte Rokoko-Möbel besass Berlin schon seit dem 
Kriege von 1870 einige von Paris ausgewanderte, 
tüchtige Meister. Auch die furnierte Arbeit ward 
jetzt von den Magazinen wieder gesucht, die sie dem 
gläubigen Publikum als das Neueste und deshalb Beste 
zu verhandeln wussten. Die Möbelausstellung, die im 
Jahre 1892 von Pachkreisen im Landes-Ausstellungs- 
gebäude in Moabit ohne genügende Vorbereitung und 
Sichtung veranstaltet wurde, zeigte in ihrem bunten 
Inhalt auch solche Beispiele. Man darf indes der 
Berliner Möbelkunst eines zu gute halten: sie hat dieser 
Richtung, die das gerade Gegenteil der Renaissance- 
Arbeit bildete, an der man sich soeben wieder zu ge 
sunder Form und Technik heraufgearbeitet hatte, keinen 
übermässig breiten Boden gewährt. Aus der Beleh 
rung und Anregung, die von den führenden Künstlern 
und insbesondere vom Kunstgewerbe-Museum ausging, 
entnahm man bald, dass das gute Rokoko-Möbel mit 
seinem Bronzebeschlag ein Erzeugnis des höchsten 
Luxus ist und bleiben muss, dass es seinen Wert 
verliert, wenn man den schützenden Beschlag nicht wie 
einen Panzer über alle Kanten hinführen kann, sondern 
nur spielende Zierstücke verstreut, oder wenn man an
	        
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