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Gruppe IV. Holzindustrie

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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auswärtigen Systeme studiert und geprüft; unter ihrem 
Schutze wurde darauf hin im Jahre 1867 das Deutsche 
Gewerbe-Museum gegründet, die erste Pflanzstätte des 
modernen Kunstgewerbes im preussischen Staate. Aus 
bescheidenen Anfängen haben sich die Sammlungen, 
die Schule und die Bibliothek dieses Museums zu dem 
Umfang entwickelt, den wir kennen. Der Ankauf der 
Sammlung des Herrn von Minutoli im Jahre 1869 
bildete den ersten Grundstock; die Ausstellung älterer 
kunstgewerblicher Gegenstände im Kgl. Zeughaus 1872 
zog das Auge weiterer Kreise auf die Werke der alten 
Meister; 1873 konnte das Museum in die grösseren 
Räume der Porzellan-Manufaktur an der Königgrätzer 
Strasse übersiedeln; 1875 wurde der ältere Besitz der 
Königlichen Kunstkammer mit den jungen Sammlungen 
des Gewerbe-Museums vereinigt; 1881 endlich weihten 
der Kronprinz und seine Gemahlin das glänzende Ge 
bäude ein, das dem Kunstgewerbe-Museum eine würdige 
Stätte weiterer Wirksamkeit bot. Bei jedem dieser 
Fortschritte stand das kunstsinnige Herrscherpaar führend 
und schirmend zur Seite. 
Während das Gewerbe-Museum aul diese Art ein 
Sammelpunkt für Künstler, Lehrer und Freunde des 
jungen Kunstgewerbes ward, war mit den sechziger 
Jahren und dem politischen Aufschwung Preussens auch 
die Bau- und Kunstthätigkeit Berlins in neue Bahnen 
eingelenkt. Bald stellten das neue Reich und der über 
raschende Geschäftssegen nach dem Kriege allen Künsten 
und Gewerben der Reichshauptstadt eine Fülle bis 
dahin unerhörter Aufgaben. Staatsbauten, Geschäfts 
häuser, Wirtshäuser, Wohngebäude, Villen brachten die 
verschiedensten Aufträge; die Hauptstrassen schmückten 
sich mit glänzenden Fassaden, und zahlreiche neue 
Stadtviertel bedeckten das Weichbild; bei allen diesen 
Bauten gönnte man dem jungen Kunstgewerbe einen 
Raum, an den bis dahin niemand gedacht hatte. Die 
neue Kunst brachte auch neue Künstler auf. Wer sich 
von den Meistern der älteren Architekturschule frisch 
gehalten und nicht in der Enge der klassizierenden 
Manier den Blick für neue Aufgaben und für freiere 
Formen verloren hatte, griff jetzt rüstig in die Be 
wegung ein, der zu früh verstorbene Kölscher, die 
Lucae, Hitzig, Gropius u. a. Aber die Berliner Schule 
als Ganzes, die ein Menschenalter nur rückwärts ge 
schaut und sich mit Schinkels Genius bequemlich ge 
deckt hatte, war den neuen Ansprüchen nicht gewachsen. 
Sie fand kein Gehör mehr für ihre ins Pedantische 
gefallenen Prinzipien und Lehren; sie konnte es nicht 
einmal durchsetzen, dass die Berliner Kunst bei der 
strengeren italienischen Renaissance Halt machte. Die 
jüngere Generation der Architekten, die sich in diesen 
Jahren an die Spitze auch der Dekoration und des 
Kunsthandwerks stellten, die Ende & Boeckmann, 
Kyllmann & Heyden, Kayser & von Groszheim u. a., 
sperrten sich nicht gegen die Weise, die jetzt fröhlich 
durch die deutschen Lande zog. Die malerische deutsche 
Renaissance schlug auch in Berlin siegreich durch. 
Diese deutsche Renaissance war in den Künstler 
kreisen Münchens wieder geboren worden. Dort hatte 
sich schon im Jahre 1851 aus Künstlern und Kunsthand 
werkern ein Verein zur Ausbildung der Gewerke zu 
sammengefunden, der nicht, wie der verdienstliche 
preussische Verein für Gewerbefleiss, das Technische, 
sondern das Künstlerische voranstellte. Die alten Vor 
bilder deutschen Kunstfleisses, die im Münchener 
National-Museum so früh und reichhaltig vereinigt 
wurden, hatten Anlass zu manchen frischen Schöpfungen 
geboten. Aber erst das neue Künstlergeschlecht, das 
sich während der sechziger Jahre gegen die Karton- 
und Gedankenmalerei zusammenschloss, gab diesen 
Bestrebungen den rechten Inhalt. Die Meister, die in 
Pilotys Schule die Farben und Stimmungen der alten 
Venetianer und Flamländer wieder entdeckten, hatten 
auch für die saftigen Dekorationen der Alten ein offenes 
Auge; talentvolle Bildhauer und echte Kunsthandwerker 
wussten in dem alten Verein dem neuen Geist einen 
Mittelpunkt zu schaffen, und als im Jahre 1876 neben 
der deutschen Kunst auch das deutsche Kunstgewerbe 
in den Glaspalast eingeladen wurde, da ward es klar, 
dass unter dem Zeichen des »Altdeutschen« ein neues 
Leben erblüht war. Die begeisterte Arbeit dieses 
jungen Kunstgewerbes fand bei dem Publikum um so 
freudigeren Widerhall, weil auch die patriotische Saite 
angeschlagen wurde. Wir dürfen mit Stolz auf jene 
Jahre und ihre Erfolge zurückblicken. 
Berlin hat seinen sehr bestimmten Anteil an jener 
Arbeit und an allen weiteren Fortschritten des deutschen 
Kunstgewerbes. Hier steht nicht, wie vornehmlich in 
München, die kunsthandwerkliche Einzelleistung voran, 
das eigenhändige Werk des Goldschmieds, des Schnitzers, 
des Lederkünstlers; hier richten sich die besten Kräfte 
teils auf die Bau- und Dekorationsaufgaben, deren jeder 
Tag neue stellt, teils auf die Kunstindustrie, deren 
Hauptsitz ja Berlin geworden ist. Vor allem in den 
Baugewerben liegen die stärksten Erfolge der Berliner 
Arbeit. Wir dürfen sagen, dass die jetzt so hoch ent 
wickelte Kunst der Steinmetze, die dekorative Plastik, 
erst an den Bauten der siebziger Jahre unter der Leitung 
hervorragender Architekten und Bildhauer geboren 
wurde; hier nahm die kernige Schmiedekunst den An 
lauf zu ihrem gewaltigen Aufschwünge; hier wurden 
Stückarbeiten, Oefen, Tapeten mit der neuen Zierweise 
durchsetzt; hier ist vor allem auch die Berliner Tischlerei 
in Technik und Form geschult worden. Der Bau 
tischler fand in der neuen Mode der Täfelungen und 
Holzdecken dankbare Aufgaben. Und weil man den 
neuen Geschmack gern in der gesamten Innendekoration 
durchführte, weil jetzt endlich wieder die Ausstattung 
vom Grossen bis ins Kleinste als Einheit empfunden 
und verlangt wurde, so wurde auch der Entwurf der
	        
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