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Berlin und sein Gewerbefleiss

Full text: Berlin und seine Arbeit / Kühnemann, Fritz

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der Stadt ist nur ein Fünftel bis ein Sechstel in Berlin 
geboren. Dagegen sind die geborenen Berliner unter 
den Künstlern nnd Litteraten Berlins stärker, als der 
Durchschnitt beträgt, vertreten: unter den Litteraten mit 
über drei und unter den Künstlern gar mit über vier 
Zehnteln. Wer die Neigungen und Anlagen der Berliner 
kennt, wird sich darüber nicht wundern. 
Die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896, so vielseitig 
und reichhaltig sie nach Menge und Art der aus 
gestellten Gegenstände war, konnte ihrer Natur nach 
nur einen Ausschnitt aus dem gewerblichen Leben 
geben. Sie musste sich darauf beschränken, in hervor 
ragenden Werken ein verkleinertes Abbild der viel 
gestaltigen gewerblichen Thätigkeit der Reichshauptstadt 
zur Anschauung zu bringen; umsomehr ging die Auf 
gabe des vorliegenden Berichtswerks dahin, unabhängig 
von der grösseren oder geringeren Vollständigkeit des 
auf der Ausstellung vorgeführten Bildes unserer Ge- 
werbethätigkeit, diese in ihrer Gesamtheit darzustellen. 
Will man das industrielle Leben in seinem ganzen Um 
fange erfassen, so kann man der zwar trockenen, aber 
beweiskräftigen Zahlen nicht entbehren. Sie erst geben 
uns sicheren Einblick in die Art der wirtschaftlichen 
Zustände und in die Massverhältnisse der durch die 
Arbeitsteilung bewirkten Gliederung der Gesellschafts 
schichten. Indem wir die nachfolgenden Zahlen, das 
Ergebnis der Berufszählung vom 14. Juni 1895, mit 
wenigen Worten zu erläutern versuchen, werden wir 
zeigen, dass Berlin in der That eine Stadt der gewerb 
lichen Arbeit ist. Fasst man die vier Berufsabteilungen 
der Urproduktion, der Industrie, des Handels und des 
Verkehrs als Gewerbe im weiteren Sinne zu einer Ein 
heit zusammen, so bilden die Selbstthätigen dieser 
Gruppen in Berlin beinahe drei Viertel der gesamten 
berufsthätigen Bevölkerung; doch ist dieser bedeutende 
Anteil eher zu niedrig als zu hoch gerechnet, denn von 
den berufslosen Selbständigen bezieht ein Teil, darunter 
die Mehrzahl der Rentner, wenigstens aus früherer ge 
werblicher Thätigkeit sein Einkommen, ein anderer, 
darunter die Mehrzahl der Anstaltsinsassen, ist nur für 
einen gewissen Zeitraum dem gewerblichen Berufe ent 
zogen. Von den Angehörigen der Klasse »Persönliche 
Dienstleistungen und wechselnde Lohnarbeit« wird eine 
grosse Zahl auch zu gewerblicher Arbeit verwandt. 
Von den vier grossen Gewerbegruppen überragt 
ihrem Umfange nach die Industrie im engeren Sinne 
bei weitem alle anderen. Die Hälfte aller erwerbs- 
thätigen Personen in Berlin gehört ihr an. 
Der Handel, einschliesslich der Versicherung, Be 
herbergung und Erquickung beschäftigt nur wenig mehr 
als ein Sechstel der Selbstthätigen, doch ist dieser 
Bruchteil kein getreuer Ausdruck für den Umfang des 
Berliner Handels. Wegen der grossen Leistungsfähigkeit 
des Grossbetriebes, der billigere und mannigfaltigere 
und vielfach auch bessere Güter erzeugt, haben zahlreiche 
der Konkurrenz nicht gewachsene Kleinhandwerker ihre 
handwerksmässige Thätigkeit mehr und mehr eingeschränkt 
und einen lohnenderen Erwerb in dem Vertrieb gekaufter 
Waren gefunden. Inwiefern sich neuerdings Aussichten 
für einen Wiederaufbau des kleingewerblichen Betriebes 
auf neuen, haltbaren Grundlagen eröffnet haben, ist 
schon oben hervorgehoben worden. 
Wenn die sogenannten »freien Berufe« einen ver 
hältnismässig breiten Raum einnehmen, so hat dies 
darin seinen Grund, dass die zahlreiche Militär-Be 
völkerung einbegriffen ist, und dass die grosse Menge 
von Beamten nicht allein den örtlichen Verwaltungs 
bedürfnissen , sondern auch der allgemeinen Staats- 
bezw. Reichsverwaltung zu dienen bestimmt ist. 
In Tabelle II sind die Ergebnisse der beiden 
deutschen Berufszählungen von 1882 und 1895 ein 
ander gegenübergestellt. Aus ihnen ergiebt sich, dass 
am meisten die Zahl der Selbstthätigen des Handels 
zugenommen hat, während die Industrie mit einem Zu 
wachs von 40°/o erst an fünfter Stelle steht. Die Klasse 
der persönlichen Dienstleistungen ist weit hinter der 
allgemeinen Bevölkerungszunahme zurückgeblieben — 
eine Erscheinung, die sich aus der immer mehr wachsen 
den Menge der Arbeitnehmer erklärt. 
In Tabelle III sind die Zahlen der Selbstthätigen 
der wichtigsten Berufsklassen und ihr Verhältnis zu der 
gesamten Bevölkerung mitgeteilt. 
Eine absolute Zunahme zeigen fast alle Gruppen mit 
Ausnahme der Fischerei, des Bergbaues und namentlich 
der Textilindustrie, deren Selbstthätige von 16815 auf 
13784 gesunken sind. Die Gründe für diesen Rückgang 
werden in dem Sonderbericht über diesen Gewerbezweig 
ausführlich dargelegt werden. Eine sehr erhebliche Steige 
rung im Vergleiche zur Bevölkerung haben die Metall 
industrie, die Maschinenindustrie, die chemische Industrie, 
das Bekleidungsgewerbe und der Handel erfahren, wo 
durch die auch aus anderen Beobachtungen bekannteThat- 
sache ihre ziffernmässige Bestätigung findet, dass die ge 
nannten Arbeitszweige immer mehr über den örtlichen Be 
darf hinaus für den Inlands- und Auslandsmarkt arbeiten. 
Ueber das Zahlenverhältnis der Selbständigen zu 
den Abhängigen giebt Tabelle IV Aufschluss. Als 
charakteristisches Merkmal der jüngsten Vergangenheit 
zeigt sich die wirtschaftlich wie sozialpolitisch höchst 
wichtige Thatsache der fortschreitenden Konzentration 
der gewerblichen Unternehmungen. Fast durchweg 
nimmt seit 1882 die Zahl der Arbeitnehmer in bedeutend 
höherem Masse zu als die der Selbständigen, und zwar 
tritt dies in der Industrie naturgemäss in entschiedenerer 
Weise als im Handel zu Tage. Im Jahre 1882 entfielen 
auf einen Selbständigen in der Industrie 2,30 Abhängige, 
im Jahre 1895 bereits 3,66; im Handel dagegen waren 
die entsprechenden Sätze nur 1,33 und 1,66. Noch 
klarer wird dieser Vorgang, wenn man die absoluten 
Zahlen mit einander vergleicht.
	        
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